Der in sein Heimatland verschleppte vietnamesische Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh im vietnamesischen Fernsehen. Ihm droht dort die Todesstrafe. | Bildquelle: REUTERS

Entführter Vietnamese Vize-Geheimdienstchef im Visier

Stand: 13.03.2018 18:00 Uhr

Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen den Vize-Chef des vietnamesischen Geheimdienstes. Er soll nach Informationen von NDR, WDR und SZ von einem Berliner Hotel aus eine Entführung gesteuert haben.

Von Markus Grill und Georg Mascolo, NDR/WDR

Eine Woche vor der Entführung des vietnamesischen Politikers und Geschäftsmannes Xuan Thanh Trinh landete der stellvertretende Chef des Geheimdienstes, Duong Minh Hung, Mitte Juli 2017 mit weiteren Agenten in Berlin. Der Mann im Rang eines Generalleutnants checkte zunächst im Hotel "Berlin, Berlin" ein und traf sich mit dem Kontaktmann des Geheimdienstes in der vietnamesischen Botschaft.

Polizisten bringen den mutmaßlich entführten Vietnamesen Thanh zum Gericht in Hanoi. | Bildquelle: dpa
galerie

Trinh Xuan Thanh wurde Anfang Februar ein zweites Mal zu lebenslanger Haft verurteilt.

Beschattung in gemietetem BMW

Beide wussten, dass Trinh eine 26 Jahre alte Geliebte hat, die nach Berlin reist, um ihn zu treffen. Ihr Plan war es, sich an die Fersen dieser Frau zu heften, um Trinh zu erwischen. Am Morgen des 19. Juli fuhr Geheimdienst-Vize Hung und seine Komplizen zum Flughafen Tegel und warteten, bis die Geliebte landete. Sie nahm ein Taxi zum Sheraton-Hotel, die Agenten fuhren in einem BMW X5 hinter ihr her und observierten sie in den folgenden Tagen. Den BMW hatte der Geheimdienst-Mitarbeiter Long N. H. zuvor bei einer Autovermietung in Prag ausgeliehen.

Long N. H. scheint nur ein kleines Licht zu sein, aber er ist der erste Tatbeteiligte, gegen den Generalbundesanwalt Peter Frank Anklage wegen Spionage und Freiheitsberaubung erhoben hat. Auf 90 Seiten legt die Behörde nun erstmals dar, was deutsche Ermittler alles über die Entführung des vietnamesischen Geschäftsmannes wissen. Vor allem die Rolle des vietnamesischen Geheimdienst-Vizes Hung und der Botschaft in Berlin wird nun immer klarer.

Hung war nach Ansicht der Ermittler der zentrale Akteur der Entführung. Er hat in der Woche, in der er in Berlin war, mehr als hundert Handytelefonate und SMS mit anderen an der Tat beteiligten Männern geführt und deren Aufgaben koordiniert. Zwei Tage vor der Entführung wechselte er das Hotel und quartierte sich im "Sylter Hof" ein. Dieses Zimmer diente ihm als "Kommandozentrale", er verließ es bis zum Zeitpunkt der Entführung jeweils nur kurz.

Generalbundesanwalt Peter Frank | Bildquelle: AFP
galerie

Generalbundesanwalt Peter Frank ermittelt nun auch gegen den Vizechef des vietnamesischen Geheimdienstes.

Blutspuren im VW-Bus

Der Vietnamese Long N.H., den der Generalbundesanwalt nun angeklagt hat, lieh in Prag ein zweites Auto, das er nach Berlin brachte: Einen VW Multivan T5, in den die Geheimdienstler am Sonntagmorgen, den 23. Juli 2017, Trinh und seine Geliebte gewaltsam zerrten. Im Wagen fanden die Ermittler Blutspuren von Trinh, der sich gewehrt haben muss. Unmittelbar nach der Entführung fuhr der Kleinbus mit den beiden Entführungsopfern auf das Gelände der vietnamesischen Botschaft im Stadtteil Berlin-Treptow.

Aus der Botschaft wurden anschließend auch die Flugtickets organisiert, mit der die Geliebte und zwei Aufpasser nach Vietnam flogen. Außerdem hatte der erste Botschaftssekretär dafür gesorgt, dass das Zimmer der Frau im Hotel Sheraton geräumt wird. Eine Entführung in Sichtweite des Kanzleramtes - mehr Provokation geht kaum. Und doch ist seither nicht viel passiert. Der sogenannte Resident des vietnamesischen Geheimdienstes, der für die Kontakte zu den deutschen Geheimdiensten zuständig ist, musste Deutschland verlassen.

Folgen weitere diplomatische Konsequenzen?

Als die vietnamesische Regierung auch nur eine Entschuldigung verweigerte, folgte der Rauswurf eines zweiten Diplomaten, zudem wurde die "Strategische Partnerschaft" wegen des "eklatanten Vertrauensbruchs" (Auswärtiges Amt) ausgesetzt. Mancher in der Regierung plädierte für ein weit schärferes Vorgehen. Aber mit ihren Forderungen, auch den Botschafter zur unerwünschten Person zu erklären, wirtschaftliche Beziehungen zu reduzieren und das Luftverkehrsabkommen mit Vietnam auszusetzen, drangen sie nicht durch.

Auch Hermesbürgschaften könnten gestrichen werden: Derzeit belaufen sich die Exportgarantieren für Geschäfte mit Vietnam auf 847 Millionen Euro. Allein im vergangenen Jahr hat Deutschland Exportgarantien in Höhe von 79 Millionen Euro übernommen. Immerhin: Der Generalbundesanwalt ermittelt nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" gegen weitere vietnamesische Agenten, sogar gegen den Vizechef des Geheimdienstes Hung. Die Bundesanwaltschaft wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern.

Wappen an der Botschaft von Vietnam | Bildquelle: dpa
galerie

Von der vietnamesischen Botschaft aus sollen die Flugtickets der beiden Entführungsopfer gebucht worden sein.

Wieder mehr Übergriffe von Geheimdiensten im Ausland

Wie man auf das grobe Foul-Spiel ausländischer Geheimdienste reagieren soll, ist neuerdings wieder eine Frage von besonderem Gewicht. Übergriffe, bis hin zu Mord und Entführung, häufen sich. In Großbritannien wird gerade dem Verdacht nachgegangen, dass der ehemalige russische Oberst des Militärgeheimdienstes GRU, Sergej Skripal, und seine Tochter mit einem Nervengift getötet werden sollten. Die beiden liegen im Koma. Im vergangenen Jahr wurde auf dem Flughafen in Malaysia ein Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un mit einem chemischen Kampfstoff getötet.

Auch die deutschen Sicherheitsbehörden registrieren beunruhigende Anzeichen: Im vergangenen Jahr wurde vom Berliner Kammergericht ein iranischer Agent verurteilt, der den früheren Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, ausspionierte. Die detaillierten Erkenntnisse über den einstigen SPD-Politiker dienten der Vorbereitung eines möglichen Anschlages, glauben die deutschen Sicherheitsbehörden.

Wie hart auf solche Übergriffe reagiert werden soll, ist stets auch eine Sache der politischen Opportunität. Einer, der im Kanzleramt früher an solchen Entscheidungen beteiligt war, sagt, Deutschland jedenfalls "stehe für keine besonders harte Linie. Wir wollen immer möglichst schnell wieder zu normalen Beziehungen zurück." Im Fall Vietnam scheint es ähnlich zu sein, auch weil die Vietnamesen als wichtiger Partner des BND bei der Beobachtung Chinas gelten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. März 2018 um 13:18 Uhr.

Darstellung: