Plakat mit Volksverräter-Vorwürfen gegen Gauck und Merkel (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Entscheidung von Sprach-Jury "Volksverräter" ist Unwort des Jahres

Stand: 10.01.2017 10:35 Uhr

Das Unwort des Jahres 2016 lautet "Volksverräter". Der Begriff sei "ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten", begründete die Jury der Sprachkritischen Aktion die Wahl.

Der Begriff "Volksverräter" ist das "Unwort des Jahres 2016". Das teilte die Sprecherin der "Unwort"-Jury, die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich mit. Das Wort sei ein "Erbe von Diktaturen" unter anderem der Nationalsozialisten. Als Vorwurf gegenüber Politikern sei das Wort "in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt".

Im Rahmen der Aktion wird jedes Jahr ein aus Sicht der Jury unmenschlicher oder unangemessener Begriff aus dem öffentlichen Gebrauch gewählt, um so für einen sensibleren und kritischeren Umgang mit Sprache zu werben.

Keine weitere Nominierung

Bundespräsident Gauck wird bei seinem Besuch in Sebnitz vor agressiven Demonstranten geschützt.
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Demonstranten beschimpften Bundespräsident Gauck bei seinem Besuch in Sebnitz als "Volksverräter".

Die Jury nominierte in diesem Jahr neben "Volksverräter" kein weiteres Unwort. Sie begründete dies damit, dass sie der mit der Wahl ausgedrückten Kritik an dem derzeit in sozialen Netzwerken, aber auch in der Politik "zunehmenden Sprachgebrauch mit faschistischem und fremdenfeindlichem Hintergrund" mehr Gewicht verleihen wolle.

Eine unabhängige Jury aus Sprachwissenschaftlern und einem Publizisten hatte den Begriff aus 594 verschiedenen Vorschlägen ausgewählt, von denen rund 60 den Unwort-Kriterien entsprachen. Ein Großteil der Vorschläge habe sich gegen einen diffamierenden Sprachgebrauch im Themenfeld Migration und Flüchtlinge gerichtet, sagte Janich. Insgesamt gab es 1064 Einsendungen.

Wahl des Unworts seit 1991

Die Aktion gibt es seit 1991. Sie soll das Bewusstsein und die Sensibiltät für Sprache fördern. Die Jury nimmt bei ihren Entscheidungen "sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch" in den Blick, "um damit zu alltäglicher sprachkritischer Reflexion aufzufordern".

Zum "Unwort des Jahres 2015" war der häufig von Rechtspopulisten verwendete Begriff "Gutmensch" gewählt worden. Für 2014 hatte das Gremium "Lügenpresse" ausgesucht. Im Jahr 2013 war "Sozialtourismus" das "Unwort", davor "Opfer-Abo" (2012) und "Döner-Morde" (2011).

Neben dem "Unwort des Jahres" gibt es auch das "Wort des Jahres". Dieser Begriff wird unabhängig von der sprachkritischen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden gewählt. Für 2016 entschied sie sich für den Begriff "postfaktisch". Zur Begründung hieß es, in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gehe es zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Januar 2017 um 11:00 Uhr.

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