Interview

Dunkle Wolken sind am 28.05.2016 von Schnaittach (Bayern) aus zu sehen.

Unwetter in Süddeutschland "Über Deutschland liegt ein Tiefdrucksumpf"

Stand: 30.05.2016 12:47 Uhr

Eine Mischung aus Tiefdruckgebieten, Hebungen und Wasserdampf in der Luft hat das Unwetter im Südwesten ausgelöst, erklärt Meteorologe Michael Köckritz im Gespräch mit tagesschau.de. Durch den Klimawandel könnten solche Extremwetter künftig häufiger auftreten.

tagesschau.de: Sturm, Gewitter und Starkregen über Süd- und Westdeutschland. Wie wurde das schwere Unwetter ausgelöst?

Michael Köckritz: Über Deutschland und Frankreich liegen seit dem Wochenende zahlreiche Tiefdruckgebiete. Meteorologen sprechen von einem Tiefdrucksumpf. Gestern ist noch starke Hebung dazu gekommen, die Luft also aufgestiegen und abgekühlt. Außerdem hatten wir sehr viel Wasserdampf in der Luft. So ergab sich folgendes Bild: Feuchte Luft stieg nach oben und kondensierte in den höheren Atmosphärenschichten, konnte durch mangelnden Wind aber nicht abziehen. Das hat dazu geführt, dass es an manchen Orten über Stunden hinweg stark geregnet hat.

alt Michael Köckritz

Zur Person

Michael Köckritz ist Diplom-Meteorologe. Er studierte an der Universität Hannover und arbeitet als ARD-Wetterexperte für den Hessischen Rundfunk.

tagesschau.de: Am stärksten entlud sich der Sturm im Südwesten Deutschlands. Warum ausgerechnet dort?

Köckritz: Über Süddeutschland lag ein Bereich, in dem die Hebung besonders stark war, ein sogenanntes Höhentief. Deshalb gab es dort besonders starke Gewitter.

tagesschau.de: Meteorologen hatten für dieses Jahr den "Sommer der Gewitter" angekündigt. Heißt das, die Unwettergefahr bleibt uns erhalten?

Köckritz: Man kann keine seriöse Aussage darüber machen, wie der Sommer wird. In den kommenden Tagen wird es in Deutschland allerdings noch unwetterlastig bleiben.

tagesschau.de: Kann man schon absehen, wo der nächste Sturm zuschlagen wird?

Köckritz: Der Schwerpunkt der Unwetter wird sich verlagern. Nach dem Süden und Westen wird bis Mittwoch vor allem der Norden und Osten betroffen sein - in einem Bogen vom Emsland über Sachsen-Anhalt bis ins östliche Erzgebirge und Vorpommern. Dort muss man mit Niederschlägen von bis zu 70 Litern in drei Stunden rechnen. Das entspricht etwa dem Niveau dessen, was gestern im Südwesten gefallen ist.

tagesschau.de: Das heißt, der Südwesten hat es hinter sich?

Köckritz: Der Tiefdrucksumpf bleibt uns für den Rest der Woche erhalten. Ab Donnerstag dürfte der Unwetterschwerpunkt wieder Richtung Mitte und Süden Deutschlands wandern. Dann könnte es auch die Region erneut erwischen, die gestern schon betroffen war. Ich gehe allerdings davon aus, dass die Intensität geringer ausfallen wird. Aber es wird nochmal ordentlich Regen fallen.

tagesschau.de: Müssen wir uns angesichts des Klimawandels auf eine Zunahme solcher Unwetter einstellen?

Köckritz: Die Luft in der Atmosphäre ist wärmer geworden und kann so mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Damit erhöht sich natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass Unwetter auftreten. Wie viele mehr Unwetter das jetzt im Jahr für Deutschland bedeutet, kann man allerdings nicht verlässlich vorhersagen.

Das Interview führte Julian Heißler, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Mai 2016 um 10:48 Uhr.

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