Eine Maschine der Turkish Airlines auf dem Rollfeld | Bildquelle: dpa

Turkish-Airlines-Mitarbeiter Gekündigt wegen Gülen-Sympathie?

Stand: 15.06.2017 22:16 Uhr

Mitarbeiter der Fluglinie Turkish Airlines, die mit der Gülen-Bewegung sympathisieren, müssen mit Kündigung rechnen. Sogar, wenn sie mit einem deutschen Arbeitsvertrag in Deutschland arbeiten. Das zeigen Recherchen des ARD-Magazins Monitor.

Von Achim Pollmeier, WDR

Die Nachricht kam aus heiterem Himmel. Bis zum Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 war Selman (Name von der Redaktion geändert) noch erfolgreicher Manager bei Turkish Airlines. Angestellt in Deutschland, mit einem deutschen Arbeitsvertrag.

Doch kurz nach dem Putsch bekam er eine "ordentliche" Kündigung. Warum er das Unternehmen verlassen sollte, stand darin nicht. Doch Selman war sofort sicher, dass seine Kontakte zur Gülen-Bewegung der Grund sind: "Ich habe nie jemandem erzählt, dass ich privat mit der Gülen-Bewegung sympathisiere. Aber ich bin mir sicher, dass die Direktoren bei Turkish Airlines die Anweisung hatten, systematisch herauszufinden, wer Kontakt zur Gülen-Bewegung hat."

Tausende Menschen verloren ihren Arbeitsplatz

In der Türkei haben seit dem Putsch - neben anderen Kritikern und Gegnern von Präsident Recep Tayyip Erdogan - tausende Menschen mit Kontakten zur Gülen-Bewegung ihre Existenzgrundlage verloren: Sie verloren ihren Arbeitsplatz, sind sozial isoliert, viele kamen ins Gefängnis.

Doch die Politik des Präsidenten reicht anscheinend auch nach Deutschland - und schert sich offenbar wenig um deutsches Arbeitsrecht. Bundesweit wurde etlichen Mitarbeitern von Turkish Airlines gekündigt, die mit der Gülen-Bewegung sympathisieren. Die Betroffenen erhielten betriebsbedingte Kündigungen: Turkish Airlines argumentiert, man müsse sparen, da durch die Terrorgefahr in der Türkei der Umsatz eingebrochen sei.

Keine Stellungnahme

Wer vor das Arbeitsgericht zog, bekam dann im Laufe des Verfahrens oft noch eine außerordentliche Kündigung - wegen angeblich groben Fehlverhaltens am Arbeitsplatz. Auf den Vorwurf, die Kündigungen seien in Wahrheit politisch begründet, reagierte Turkish Airlines auf Anfrage des ARD-Magazins Monitor nicht.

In einer internationalen Pressemitteilung kurz nach dem Putsch war das Unternehmen weitaus offener: Dort heißt es, man habe 211 Mitarbeiter entlassen, im Kampf gegen die sogenannte FETÖ-Struktur, also gegen die Gülen-Bewegung. Deren Weltanschauung sei unvereinbar mit den Interessen der Türkei und des Unternehmens.

Turkish Airlines gehört knapp zur Hälfte dem türkischen Staat. Vorstandschef Ilker Ayci und andere Vorstandsmitglieder haben sich politisch klar zu Staatspräsident Erdogan und der AKP bekannt.

Die Ziele der Gülen-Bewegung sind auch in Deutschland umstritten. Manche halten sie für eine moderne Islam-Bewegung, weil sie hier säkulare Bildungseinrichtungen betreibt. Kritiker hingegen sprechen von einem straff organisierten islamischen Geheimbund, ähnlich einer Sekte.

Kündigungen nicht gerechtfertigt

Aber Kontakte zur Gülen-Bewegung können nach deutschem Arbeitsrecht keinesfalls eine Kündigung rechtfertigen, sagt Peter Schüren, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Münster: "Bei uns ist es so, dass eine Religionszugehörigkeit oder eine Weltanschauung, die jemand vertritt, auf keinen Fall ein Kündigungsgrund ist. So was kann nur zum Kündigungsgrund werden, wenn sich daraus ernsthafte Aktivitäten gegen den Arbeitgeber ergeben. Aber davon ist hier in keiner Weise die Rede." Die Kündigungsgründe seien hier nicht haltbar, so Schüren.

Peter Schüren, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Münster
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Peter Schüren, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Münster

Rechtswidrige Kündigungen wegen der falschen Weltanschauung? Ein schwerwiegender Verdacht. Genährt wird er von einer E-Mail aus dem Jahr 2014, die die Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichte. Geschrieben wurde sie von einem ranghohen Mitarbeiter der Fluggesellschaft an Erdogans Schwiegersohn.

Angebliche "Parallelstrukturen" bei Airline

Darin werden so genannte "Parallelstrukturen" der Gülen-Bewegung bei Turkish Airlines beschrieben und auch konkrete Personen benannt, die der Bewegung angehören sollen. Zumindest ein Teil davon wurde nach Monitor-Recherchen danach aus dem Unternehmen gedrängt - ganz im Sinne des türkischen Staatspräsidenten.

Mehrfach wurde Turkish Airlines auch damit konfrontiert und um Stellungnahme gebeten - doch alle Anfragen von Monitor blieben gänzlich unbeantwortet.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Monitor" am 15. Juni 2017 um 21:45 Uhr.

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