Eine deutsche und eine türkische Fahne wehen im Wind | Bildquelle: dpa

Putschversuch in der Türkei Hauptbeschuldigte suchen Asyl in Deutschland

Stand: 25.05.2017 18:00 Uhr

Immer mehr türkische Diplomaten und Soldaten suchen Asyl in Deutschland. Für die Bundesregierung wird das zunehmend zum Problem - denn nach Recherchen von NDR, WDR und "SZ" stellten nun auch Türken einen Antrag, nach denen die Regierung in Ankara seit Monaten fahndet.

Von Lena Kampf, Georg Mascolo und Andreas Spinrath, WDR/NDR

Nach zwei türkischen Offizieren, die am Frankfurter Flughafen um Asyl gebeten haben, lässt die Türkei im Zusammenhang mit dem Putschversuch öffentlich fahnden. Das ergeben Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung". Demnach handelt es sich um einen Oberst und einen Oberstleutnant. Ihr Fall könnte für die Bundesregierung zum Problem werden.

Die Männer waren in Begleitung von zwei weiteren Militärangehörigen und einer Frau mit einem Flugzeug aus Griechenland in Deutschland gelandet. Darüber hatte zuerst die "Bild"-Zeitung berichtet, bezeichnete die Offiziere jedoch fälschlicherweise als Generäle.

Auftrag von Gülen?

Ihren Asylantrag begründeten die Offiziere damit, dass sie unter den meistgesuchten Militärs der Türkei seien. Die Ehefrau eines Offiziers soll diesen nach ihrer Verhaftung schwer belastet haben - er habe von Fethullah Gülen persönlich einen Auftrag bekommen und gehöre zu dessen Organisation. Es ist jedoch nicht bekannt, unter welchen Umständen die Frau das Geständnis ablegte. Sie war wenige Wochen nach dem Putschversuch verhaftet worden.

Die Offiziere gehörten nach türkischen Angaben zum Führungspersonal der renommierten Militärakademie in Ankara. Der bekannteste Absolvent der Elite-Ausbildungsstätte ist Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Türkische Medien berichteten, dass Offiziere der Akademie zu den maßgeblichen Verschwörern des gescheiterten Putschs vom 15. Juli zählen sollen. Sie sollen unter anderem junge Kadetten angestiftet haben, am Putsch teilzunehmen.

Bundesregierung unter Druck

Sollte die Türkei nun stichhaltige Beweise für die Mitschuld der Offiziere am gescheiterten Militärputsch vorlegen, steht die Regierung in Berlin wohl vor einer schwierigen Entscheidung. Bislang hatte es große Zweifel daran gegeben, dass unter den 437 ehemaligen Diplomaten, Militärs und hochrangigen Staatsbeamten, die bislang in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben, Putschisten sind. Vielmehr ging man davon aus, dass die Vorwürfe der Türkei, es handle sich um Anhänger des Predigers Gülen, ein politischer Schachzug sei, um nicht loyal zur Regierung Erdogans stehende Militärs zu entfernen.

Der aktuelle Lagebericht des Auswärtigen Amtes in Berlin spricht von "Säuberungsmaßnahmen". Mehr als 130.000 Richter, Anwälte, Professoren, Lehrer und Militärs sind mittlerweile entlassen worden, Zehntausende sitzen in Haft. Auch deshalb war Anfang Mai erstmals Antragstellern mit Diplomatenpass Asyl in Deutschland gewährt worden, wie WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" berichteten.

Brisante Fälle von neuer Qualität

Als politische Flüchtlinge anerkannt wurden ehemalige NATO-Soldaten der Türkei, die in Deutschland stationiert waren. Nach allem Dafürhalten soll es auch in Zukunft zu zahlreichen positiven Asylentscheidungen kommen - obwohl die türkische Regierung auf die ersten Fälle mit diplomatischem Druck reagierte und zum wiederholten Male Parlamentariern den Zugang zum Bundeswehrstützpunkt im südtürkischen Incirlik verweigerte.

Die Fälle der nun in Frankfurt eingetroffenen Offiziere haben allerdings eine andere Qualität: Sollte es sich womöglich wirklich um Verschwörer handeln, die die Regierung eines NATO-Partners stürzen wollten, würde der Eindruck entstehen, dass die Bundesregierung solche Leute decken wolle. Das Bundesinnenministerium wollte sich zu den Fällen mit Verweis auf den Datenschutz nicht äußern.

Und die Probleme werden nicht weniger werden: Inzwischen registrieren deutsche Behörden, dass sich immer mehr türkische Funktionsträger aus aller Welt nach Deutschland absetzen und hier um Schutz bitten. Einige europäische Länder sollen den türkischen Militärs und Diplomaten sogar dazu geraten haben, nicht bei ihnen um Schutz zu ersuchen, sondern sich nach Deutschland zu begeben.​

Über dieses Thema berichtete Echo des Tages am 25. Mai 2017 um 18:30 Uhr.

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