Bei einer Operation wird einem Spender eine Niere entnommen.

Bericht über Transplantationsskandal Mit Schummelei zur Spenderlunge?

Stand: 14.11.2016 17:59 Uhr

Patientendaten frisieren, um schneller an Spenderlungen zu kommen - laut Recherchen des NDR-Politikmagazins Panorama 3 sind entsprechende Ermittlungen gegen Ärzte vom UKE Hamburg im Gange. Die Rede ist von 14 Fällen und systematischer Vertuschung.

Gegen das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) werden schwere Vorwürfe erhoben. Nach Recherchen des NDR Politikmagazins Panorama 3 und der "taz" besteht der Verdacht, dass Daten von 14 Lungenpatienten falsch angegeben wurden, um den Kranken einen schnelleren Zugang zu einem Spenderorgan zu verschaffen. Das UKE soll dabei in einem Lungentransplantationsprogramm mit der LungenClinic Großhansdorf zusammengearbeitet haben. Umfangreiche Originalakten der Patienten seien verschwunden.

Ermittlungen im UKE und in der LungenClinic Großhansdorf

Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittele deshalb wegen "Aktenunterdrückung" im UKE und in der LungenClinic Großhansdorf. Die Strafermittlungen wurden offenbar von einem Bericht einer Überwachungskommission ausgelöst, die das Hamburger "Lungentransplantationsprogramm" im vergangenen Jahr überprüfte.

Die Kommission aus Experten der Bundesärztekammer, des Spitzenverbandes der Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft habe in ihrem Bericht "Unregelmäßigkeiten" in erheblichem Ausmaß festgestellt, so die Recherchen von Panorama 3. Untersucht wurden demnach 25 Lungentransplantationen im Zeitraum 2010 bis 2012. In mehr als der Hälfte der Fälle (14) hätten die Ärzte im UKE und in Großhansdorf den Gesundheitszustand der Lungenpatienten schlechter dargestellt, als er tatsächlich war.

Alles für die schnelle Spenderlunge

In Anträgen bei der Vermittlungsstelle "Eurotransplant" auf Spenderlungen gaben die Ärzte laut dem Bericht für ihre Patienten extrem niedrige Sauerstoffsättigungswerte von teilweise weniger als 70 Prozent an. Dies zeigt einen lebensbedrohlichen Zustand an. Dadurch sollten die Patienten offenbar auf der Warteliste nach oben rutschen und als "High-Urgency-Fälle" (Fälle mit hoher Dringlichkeit) schneller an eine gespendete Lunge kommen.

Laut Überwachungskommission stehen die Daten in den Anträgen im Widerspruch zu Angaben, die sich in Kopien einiger Krankenunterlagen fänden. Darin seien beispielsweise die Gesundheitswerte der Patienten kurz vor der Antragstellung auf eine Spenderlunge mit deutlich besseren Werten notiert worden. Der Verdacht liege nahe, so der Bericht, dass der Gesundheitszustand nicht ganz so kritisch war und es somit zu einer unlauteren Bevorzugung der Hamburger Patienten kam.

"Systematisches Fehlverhalten"

Als "ganz außergewöhnlich" bezeichnen die Kontrolleure die Tatsache, dass die Originalakten in großem Umfang "unauffindbar" seien. "Die fehlenden Dokumente (...) begründen den Verdacht, dass auf diese Weise systematisches Fehlverhalten der beteiligten Ärzte vor Entdeckung bewahrt werden sollte," heißt es in dem Untersuchungsbericht. "Wir wollten in dem Bericht sehr deutlich zum Ausdruck bringen, wie einmalig der Vorgang einmal ist," begründet Torsten Verrel die scharfe Sprache des Berichts im Interview mit Panorama 3.

Verrel ist Professor für Strafrecht an der Uni Bonn und Mitglied der Überwachungskommission. Bereits 2012 hatte es eine Affäre um manipulierte Patientendaten die Transplantationsmedizin in Deutschland erschüttert. Brennpunkt des noch nicht endgültig aufgearbeiteten Skandals war damals die Uniklinik Göttingen. Das UKE, das im Hamburger Lungentransplantationsprogramm die Federführung hat, sagte in einer Stellungnahme gegenüber Panorama 3, man "erkenne einige Kritikpunkte der Kommission an".

Behörde prüft berufsrechtliche Konsequenzen

Allerdings bestreitet das Klinikum "Eingriffe in die Rangfolge von Patienten auf der Transplantationsliste". Auf Anfrage von Panorama 3 teilte die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz mit, dass sie die Befunde der Überwachungskommission "sehr ernst" nehme. Es würden berufsrechtliche Konsequenzen geprüft.

Hamburger UKE möglicherweise in Transplantationsskandal verwickelt
Jörn Straehler-Pohl, NDR
14.11.2016 18:32 Uhr

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Diesen und weitere Berichte sehen Sie am Dienstag, 15.11.2016 um 21:15 Uhr im NDR-Fernsehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. November 2016 um 20:00 Uhr und Panorama 3 berichtete am 15. November 2016 um 21:15 Uhr.

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