Fahndungsfoto al-Bakr | Bildquelle: Polizei Sachsen

Tod eines Terrorverdächtigen Ein Suizid, der viele Fragen aufwirft

Stand: 24.08.2017 12:11 Uhr

Der syrische Terrorverdächtige Al-Bakr erhängte sich vergangenes Jahr in einer Zelle der JVA Leipzig. Wie konnte es dazu kommen? Das ARD-Magazin Monitor enthüllt eine beispiellose Kette des Versagens.

Von Naima El Moussaoui, Jan Schmitt und Georg Restle, WDR

Er galt als Deutschlands gefährlichster Terrorist. Ermittler erhofften sich nach seiner Festnahme Erkenntnisse über Hintergründe und Netzwerke islamistischer Terroristen in Deutschland. Aber am Abend des 12. Oktober 2016 stirbt der Syrer Jaber Al-Bakr in der Leipziger JVA. Um 19.43 Uhr findet ihn eine Justizangestellte erhängt an einem Gitter in seiner Gefängniszelle. Wie konnte das geschehen? Recherchen des ARD-Magazins Monitor und der Story enthüllen jetzt eine beispiellose Kette des Justizversagens.

Der Fall des 22-jährigen Syrers hatte das Land schon Tage vor seiner Inhaftierung in Atem gehalten. Al-Bakr war vom Verfassungsschutz observiert worden, weil er im Verdacht stand, einen Sprengstoffanschlag vorzubereiten.

Sprengstofffunde in Al-Bakrs Wohnung

Aber Zugriff und Festnahme durch Spezialeinsatzkräfte unter Führung des LKA Sachsen scheiterten auf desaströse Weise. Al-Bakr entkam zunächst und wurde schließlich von drei syrischen Flüchtlingen überwältigt, bei denen er Unterschlupf gesucht hatte. Hunderte Beamte waren an der öffentlichen Fahndung beteiligt. In seiner Wohnung fanden die Ermittler hochexplosiven Sprengstoff, mit dem er einen Anschlag auf den Berliner Flughafen Tegel geplant haben soll.

Nach seiner Festnahme wird Al-Bakr einer Haftrichterin vorgeführt, die ihn für akut suizidgefährdet hält. "Es besteht Gefahr für Selbsttötung" hält sie fest und ordnet an: "Bitte umgehend dem Anstaltsarzt vorführen!" Doch eine solche ärztliche Untersuchung unterbleibt. Untergebracht wird der Häftling stattdessen in einer Zelle mit Zwischengitter, an dem er später auch erhängt aufgefunden werden wird.

Fatale Fehlentscheidung für Haftraum

Für Experten wie die Psychologin Katharina Bennefeld-Kersten eine fatale Fehlentscheidung mit vorhersehbaren Folgen: "Jemand, der suizidgefährdet ist, sollte auf keinen Fall in einem Haftraum untergebracht werden mit einem Zwischengitter. Wenn ich einen suizidgefährdeten Menschen dort unterbringe, mache ich es ihm sehr leicht, sich zu erhängen."

Außenaufnahme der JVA Leipzig | Bildquelle: dpa
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Außenaufnahme der JVA Leipzig

Auch weitere Entscheidungen der Justizbeamten werfen Fragen auf: Warum wurde das Suizidrisiko für Al-Bakr von der Gefängnispsychologin geringer eingeschätzt und die Entscheidung später nicht revidiert, obwohl eine ganze Reihe von Hinweisen dafür sprachen, dass Al-Bakr sich das Leben nehmen wollte?

Seit seiner Festnahme weigerte sich Al-Bakr zu essen und zu trinken. In seiner Zelle riss er die Kabel aus der Steckdose, die Deckenlampe wurde aus der Verankerung gerissen, an seinen Handgelenk werden nach seinem Tod deutliche Ritzspuren festgestellt, die auf einen versuchten Suizid schließen lassen. Spuren, die übersehen wurden?

Kommission stellt Verstöße fest

Die von der Sächsischen Landesregierung eingesetzte Expertenkommission kommt in ihrem vertraulichen Abschlussbericht zu einem deutlichen Ergebnis: "Insgesamt ist festzuhalten, dass beim Vollzug der Untersuchungshaft des J. Al-Bakr wiederholt gegen gesetzliche Vorgaben, allgemeine Richtlinien sowie Weisungen verstoßen wurde. Der Gefangene wurde unangemessen betreut und es wurde Sachverhalten nicht nachgegangen, die als Anzeichen für die Entwicklung einer Suizidgefahr hätten wahrgenommen werden können."

Aber es gibt noch mehr Versäumnisse: So waren die JVA-Mitarbeiter angewiesen, den Gefangenen halbstündlich zu kontrollieren und darüber detailliert Protokoll zu führen - auch um einen möglichen Suizidversuch zu unterbinden.

Kein Eintrag über letzten Kontrollgang

Monitor liegt der Kontrollbogen vor. Erstaunlich: Ausgerechnet über den letzten Kontrollgang vor Al-Bakrs Tod gibt es keinen Eintrag. Ein Hinweis darauf, dass diese Kontrolle unterlassen und damit auch der Suizid ermöglicht wurde?

Für den Bochumer Kriminologen Thomas Feltes ist dies eine naheliegende Schlussfolgerung: "Entweder die Beobachtungen wurden nicht durchgeführt oder aber sie wurde durchgeführt und der Bedienstete hat etwas gesehen, was er nicht aufschreiben wollte."

Zwei Polizisten bei der Festnahme des Terrorverdächtigen Al-Bakr in Chemnitz | Bildquelle: AFP
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Zwei Polizisten bei der Festnahme des Terrorverdächtigen Al-Bakr in Chemnitz

In den Ermittlungsakten findet sich zudem die zitierte Aussage eines Mithäftlings, die die JVA-Bediensteten schwer belastet. Demnach habe sich an der heruntergerissenen Deckenlampe in Al-Bakrs Zelle ein Feinripp-T-Shirt befunden. Möglicherweise ein Hinweis auf einen weiteren gescheiterten Suizidversuch, dem keine Beachtung geschenkt wurde. Zudem behauptet der Häftling in einer Audio-Aufzeichnung, ein JVA-Mitarbeiter hätte ihn angewiesen, die Lampe wieder möglichst fest an der Decke zu befestigen und dies mit dem Satz kommentiert:  "Wenn er das noch mal probiert, dann hält das."

Suizid in Kauf genommen?

Haben die JVA-Mitarbeiter einen Suizid möglicherweise sogar in Kauf genommen? Gegenüber Monitor bestätigt der Häftling seine Aussagen. Die Inhalte sind auch der Staatsanwaltschaft Leipzig bekannt. Das zeigen Akten, die Monitor vorliegen. Doch der Aussage wurde offenbar nicht weiter nachgegangen. Eine weitere ausführliche Befragung des Häftlings unterblieb.

Feltes hält dies für ein schweres Versäumnis: Nach "solchen Hinweisen auf eine alternative Tatversion" hätte "eine sehr intensive Vernehmung" stattfinden müssen.

Für die Staatsanwaltschaft Leipzig sind all diese Spuren strafrechtlich offenbar nicht relevant. Die Ermittlungen gegen die JVA-Mitarbeiter wurde Ende Juli eingestellt. Auf Monitor-Anfrage antwortet die Staatsanwaltschaft: "Im Ergebnis der durchgeführten Ermittlungen (...) haben sich danach keine hinreichenden Anhaltspunkte für ein strafbares Unterlassen im Zusammenhang mit dem Suizid von Jaber A. ergeben."

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Monitor" am 24. August 2017 um 22:00 Uhr.

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