Jeansfabrikation in Indien

100 Tage Textilbündnis Hoher Anspruch, geringe Wirkung

Stand: 23.01.2015 16:00 Uhr

Vor 100 Tagen rief der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Müller, das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben. 59 Organisationen und Firmen sind mittlerweile beigetreten - die großen Textilunternehmen fehlen weiterhin. Konkrete Fortschritte sind nicht zu sehen.

Von Eva Lodde, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Er trägt einen schlichten blauen Anzug, wie so oft, wenn er im Auftrag der Regierung unterwegs ist. Gerd Müller ist eigentlich kein Minister, den man auf der Eröffnung einer Modemesse erwarten würde. Doch hier, auf der Ethical Fashion Show in Berlin, wandert er unermüdlich von Stand zu Stand, fühlt Stoffe, unterhält sich. Designs und Schnitte interessieren ihn dabei kaum, stattdessen stellt er die immer wieder gleiche Frage: "Sie kennen also ihre Lieferkette ganz genau: Vom Baumwollfeld bis zum Bügel?" Und jedes Mal antworten die fair produzierenden Modedesigner: "Ja." Das will der Minister hören, das ist seine Botschaft an diesem Tag: Seht her, es geht doch!

Gerd Müller auf der Ethical Fashion Show in Berlin
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Minister Müller auf der Ethical Fashion Show: Er rief das Textilbündnis ins Leben.

Nur leider kommt diese Botschaft bei den Textilunternehmen nicht an – oder sie wollen sie nicht hören. Seit 100 Tagen gibt es das ambitionierte Bündnis für nachhaltige Textilien vom Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Es soll in der der gesamten Produktions- und Handelskette für existenzsichernde Löhne, mehr Sicherheit am Arbeitsplatz und mehr Umwelt- und Gesundheitsschutz sorgen. Kurzum: das Geschäft vieler Textilunternehmen gründlich verändern. Der Start war bereits ernüchternd: Nur 28 Bündnispartner haben mitgemacht. Mittlerweile sind es zwar 59, aber das sind vor allem Nicht-Regierungsorganisationen und Firmen, die sowieso schon fair und ökologisch produzieren.

Das interessanteste Neu-Mitglied ist die fränkische Textilfirma NKD. Auf ihrer Internetseite bietet sie genau die Billigware an, die Minister Müller eigentlich kritisch sieht: Jungen-T-Shirts für 2,99 Euro, Rollkragenpullis für Damen, heruntergesetzt von 9,99 Euro auf 7,99 Euro. Denn die Frage ist, wie bei solch niedrigen Preisen alle Menschen in der Produktionskette fair bezahlt werden können. Tatsächlich hat NKD im Rana-Plaza-Gebäude in einem Vorort von Dhaka Kleidung produzieren lassen: 2013 brach das marode Betongebäude in Bangladesch zusammen, weil die Besitzer Sicherheitsmängel ignorierten. Mehr als 1100 Menschen starben. Das Unternehmen wurde scharf dafür kritisiert, dass es weder dem Entschädigungsfonds beigetreten war noch einem Abkommen, dass alle Produktionsstätten überprüfen und deren Sicherheit verbessern will.

Eine "Koalition der Willigen"

Das Textilbündnis sei nun eine "Koalition der Willigen", antwortet NKD schriftlich auf eine Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios. Man habe als Direktimporteur bereits ein Qualitätsmanagement in den Produktionsstätten vor Ort. Aber: "Das Bündnis sehen wir als Chance, diese Bemühungen zu standardisieren und transparenter zu gestalten." Bestimmte Mindestanforderungen sollen bis Ende 2015 beziehungsweise 2016 umgesetzt werden. Zumindest verpflichten sich alle Mitglieder, darauf "hinzuwirken".

Wie erfolgreich die Unternehmen dabei sind, soll dokumentiert werden. Doch wie das unabhängig kontrolliert werden kann, ob die Ergebnisse veröffentlicht werden - das entscheiden am Ende alle Mitglieder zusammen. Da sei man gerade noch im Abstimmungsprozess, heißt es im Ministerium. NKD hat aufgrund seiner Mitgliedschaft im Textilbündnis noch nichts an seiner Unternehmens- oder Preispolitik geändert: "Notwendig werdende Änderungen werden wir mit den Bündnispartnern diskutieren und innerhalb des vereinbarten Zeitrahmens auch umsetzen. [..] Die Preisgestaltung unserer Waren wird weiterhin ausschließlich von der Erwartungshaltung des von uns bedienten Marktsegmentes bestimmt."

Die großen Ketten machen nicht mit

NKD ist als größeres Textilunternehmen die Ausnahme auf der Mitgliederliste. Es fehlen weiterhin die großen Player am Markt wie Adidas, Aldi, Hugo Boss und H&M - obwohl viele von ihnen bei den Verhandlungen für das Textilbündnis dabei waren und Inhalte beigesteuert haben. So auch Adidas. Doch das fränkische Unternehmen bleibt dabei: Kein Interesse. "Einen deutschen Aktionsplan halten wir für wenig sinnvoll, wir sind ein globales Unternehmen", so Sprecherin Katja Schreiber. Mehr als eine Million Mitarbeiter hat Adidas in 60 Ländern, wie zum Beispiel in China, Indonesien und Vietnam.

Die Sprecherin verweist auf die bereits enge Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie der "Better Cotton Initiative" oder der "Fair Labour Association". "Die haben eben auch Leute vor Ort, da wo wir produzieren", sagt Schreiber. Von Deutschland aus sei es für das Bündnis doch schwierig, sich ein Bild zu machen. Warum Adidas dem Textilbündnis trotzdem nicht beitrete, wenn es doch schon so viel für Nachhaltigkeit tue und es ein Leichtes sein müsste, die Kriterien der deutschen Initiative zu erfüllen - darauf gibt sie keine konkrete Antwort.

Sehr hohe Ziele in sehr kurzer Zeit

"Wenn die großen Firmen nicht mitmachen, dann bleibt das ganze Bündnis ohne Wirkung", so Gisela Burckhardt von der "Kampagne für Saubere Kleidung" - eine der vielen Nicht-Regierungsorganisationen, die Teil des Bündnisses sind. 65 Prozent des deutschen Marktes werden schließlich von den großen Unternehmen produziert, so Burckhardt. Sie ist begeistert von der Idee des Ministers, glaubt aber auch, dass sich das Projekt in kurzer Zeit sehr hohe Ziele gesteckt habe. "Viele mittelständische Unternehmen haben sich mit ihrer Lieferkette nicht beschäftigt. Die haben total geschlafen die letzten zehn Jahre", so Burckhardt. Diese Firmen müssten erst mal nacharbeiten. Sie glaubt, nur ein Gesetz könne langfristig Fakten schaffen.

Müller setzt auf Freiwilligkeit

Doch der Minister setzt geduldig auf Freiwilligkeit. Dabei hat die berühmt-berüchtigte Selbstverpflichtung schon bei den Themen Umweltpolitik oder Frauenquote herzlich wenig gebracht. Frankreich zeigt, dass es auch anders gehen kann: Dort soll in Kürze ein Gesetz verabschiedet werden, das international tätigen Firmen eine Sorgfaltspflicht auferlegt - auch ihren Zulieferern, Tochter- und Subunternehmen im Ausland gegenüber. Französische Firmen können dann haftbar gemacht werden und sind verpflichtet, mögliche Opfer zu entschädigen, wenn Menschenrechte oder Umweltauflagen nicht erfüllt werden.

Minister Müller will aber nicht aufgeben. Er ist optimistisch, dass der Druck wächst. Auf der Ethical Fashion Show gibt es er sich hoffnungsvoll: "Im Frühjahr wird eine der ganz großen Firmen beitreten." Mehr könne er jetzt noch nicht sagen.

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