Interview

Interview zu prominenten Gerichtsfällen Vom Umgang mit Skandalen

Stand: 22.10.2015 10:44 Uhr

Ob im Fall des heute freigesprochenen Alt-Bundespräsidenten Wulff oder im Fall Schwarzer, oft spielen die Medien eine wichtige Rolle. Deshalb werden gezielt Informationen gestreut. Im tagesschau.de-Interview berichtet der Investigativ-Journalist Hans Leyendecker, wie er damit umgeht.

tagesschau.de: Herr Leyendecker, Sie sind als investigativ tätiger Journalist bekannt. Ihnen werden sicher oft Informationen zugetragen. Wie gehen Sie damit um?

Hans Leyendecker: Es muss ein Mindestbestand an Beweistatsachen vorliegen, um später etwas publizieren zu können. Die bloße Vermutung und das Gerücht genügen nicht. Man muss eine relativ sichere Basis für einen Verdacht haben und der Betroffene muss dazu in voller Länge Stellung nehmen können und rechtzeitig informiert werden.

Früher hat man Leute sehr kurzfristig mit Vorwürfen konfrontiert. Heute dauert das länger. Dem ADAC haben wir vier Tage Zeit gegeben, zu den ersten Vorwürfen Stellung zu nehmen. Das ist schon relativ üppig. Aber den anderen einbeziehen und zu sagen, was der dazu erklärt, ist wichtig.

Hans Leyendecker
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Für Leyendecker ist es nicht entscheidend, aus welchem Motiv heraus jemand Informationen streut.

tagesschau.de: Man muss auch immer abwägen: Ist es eine Durchstecherei, die jemand aus einem persönlichen Interesse heraus veröffentlicht sehen will oder ob die Information der Allgemeinheit dient.

Leyendecker: Der altruistische Whistleblower ist eher die Ausnahme. Das allermeiste soll demjenigen schaden, über den etwas verbreitet wird. Dass sich jemand allein über einen Missstand unabhängig von einer Person erregt, ist eher die Ausnahme.

Am Ende kommt es aber nicht darauf an, ob es jemand aus einer moralisch sauberen oder einer fragwürdigen Position heraus getan hat. Es kommt immer auf die Dinge an, ob sie gesellschaftlich wichtig sind, ob sie stimmen, ob man mit diesen Unterlagen weiter arbeiten kann. Natürlich versuchen Menschen, einen zu instrumentalisieren. Aber man muss seine eigene Rolle immer im Blick halten. Das ist der Abwägungsprozess.

Zur Person

Hans Leyendecker zählt zu den führenden investigativen Journalisten in Deutschland und deckte zahlreiche politische Affären auf. Dazu zählen die Steueraffäre um Peter Graf und die CDU-Spendenanffäre um den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl.

Von 1979 bis 1997 arbeitete Leyendecker für den "Spiegel". 1997 wechselte er als Leitender Politischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung. Derzeit leitet er das Ressort "Investigative Recherche".

Leyendecker gehört dem Beirat von Transparency International an. 2001 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Journalistenvereinigung Netzwerk-Recherche und war bis November 2011 ihr zweiter Vorsitzender.

Wie privat ist ein Facebook-Posting?

tagesschau.de: Heutzutage haben wir ja das Problem, dass Gerüchte schnell im Internet auftauchen, dann wird es über Twitter usw. verteilt. Wie sollte man sich da als seriöses Medium verhalten?

Leyendecker: Das hängt sicher davon ab, wie man den jeweiligen Fall beurteilt. Mich interessieren da eine Reihe von Fragen. Eine ist, kann man Postings von einer als privat deklarierten Facebook-Seite zitieren, die dann 5000 mal weiter gepostet wurde? Ist diese Information privater Natur? Ist es höchstpersönlicher Natur? Oder ist es durch die Tatsache, dass es an die Öffentlichkeit gelangte, frei verwendbar? Was für einen Wertekompass hat man bei solchen Fragen? Das ist für mich im Spiel. Ich bin mir nicht sicher, wie man damit umgehen sollte.

tagesschau.de: Welche Vorteile gibt es durch die Digitalisierung?

Leyendecker: Insgesamt sind die Zugriffsmöglichkeiten heute besser. Dass Sie heute beispielsweise aus der Schweiz Steuerakten bekommen auf einer CD. Da sind 10.000 Leute drauf. Früher wäre es nicht möglich gewesen, so eine Menge an Daten zu kopieren. Ähnlich ist es bei Offshore-Leaks, die der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlicht haben: Diese Vielzahl an Informationen wäre auf normalen Wegen nicht möglich gewesen. Aber das ist ja dann nur der Ansatz für eine Recherche.

Digitale Hatz im Netz

tagesschau.de: Wird die Gesellschaft dadurch transparenter und damit demokratischer?

Leyendecker: Sie kann demokratischer und transparenter werden. Es kann aber auch eine Cyber-Jagd werden. Die Veränderungen, die wir gerade erleben, kann man am ehesten beim Skandal sehen. Das Opfer oder der Täter einer Skandalgeschichte, je nach Blickwinkel, war bei den seriösen Medien früher immer eine halbwegs prominente Person. Der Boulevard hat auch die kleinen Leute fertig gemacht.

Das Internet hat dieses völlig aufgehoben: Wenn bei Youtube ein Video einer Frau gepostet wird, in dem sie von einem Verhältnis mit jemandem in der Firma erzählt, ist sie weltweit erledigt. Dass man gemeinsam eine Hatz auf jemanden veranstalten kann, hat durch das Internet eine andere Dimension erreicht. Es gibt ein schlaues Buch "Der digitale Skandal" mit vielen Beispielen dafür, wohin wir geraten, wenn wir das fortsetzen.

Fragwürdige Informationspolitik von Staatsanwaltschaften

tagesschau.de: In letzter Zeit kam häufig der Eindruck auf, dass Staatsanwaltschaften gezielte Informationspolitik betreiben, dass Durchstechereien vorkommen, oft bevor sich ein Verdacht wirklich erhärtet hat. Ist das auch Ihr Eindruck?

Leyendecker: Ich weiß nicht, ob man das auf Staatsanwaltschaften beschränken kann. Es gibt einige Fälle, über die man ernsthaft diskutieren muss. Zum Beispiel bei der HIV-positiven No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa. Da war die Haltung der Staatsanwaltschaft, glaube ich, verkehrt. Die Staatsanwaltschaft meinte, sie müsse durch den Druck der Medien an die Öffentlichkeit gehen und alles vorstellen. Da gibt es noch zwei, drei Beispiele mehr.

tagesschau.de: Was wäre ein anderes Beispiel?

Leyendecker: Wenn wir uns den Fall Wulff ansehen, ist der Eindruck, den wir zeitweise während der Skandalgeschichte gewannen und der Eindruck, den wir heute haben, sehr unterschiedlich. In der Skandalgeschichte Wulff haben die Menschen zunächst gedacht, da ist ja unheimlich viel dran. Im Kölner Karneval gab es das Wort Wulffen. Jeder hat sich gewissermaßen daran ergötzt.

Christian Wulff im Gerichtssaal
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Im Fall Wulff gab es nach Einschätzung Leyendeckers einen Ermittlungsexzess.

Tatsache ist aber, dass wir eine fragwürdige Ermittlung des Landeskriminalamtes Niedersachsen hatten, die weit über das Ziel hinausschoss und absurde Dinge gemacht hat. Die Berichte, die an die Staatsanwaltschaft gingen, waren in den Medien zu lesen. Wenn Sie sich den Fall Wulff angucken, stellen Sie fest, dass in Etappen bestimmte Zwischenberichte publik wurden.

Da sagen die Behörden, das kommt von den Verteidigern. Die Verteidiger haben aber wenig Grund, diesen Schwachsinn, wie es sich heute herausstellt, weiter zu reichen. Es kommt von irgendeiner Stelle. In aller Regel sind es nicht die Staatsanwaltschaften. Es ist die Polizei oder irgendjemand, der mit einer speziellen Geschichte zu tun hat.

Dass dies Staatsanwaltschaften zugeschrieben wird, ist ein Missverständnis derer, die nie solche Geschichten machen. Das ist gewissermaßen ein handwerkliches Missverständnis. Das meiste in Verfahren wird publik durch die Polizei und die Anwälte.

Ermittlungsexzess im Fall Wulff

tagesschau.de: Welches Interesse könnte jeweils dahinter stehen?

Leyendecker: Der Anwalt kann ein berechtigtes Interesse daran haben, wenn er das mit dem Mandanten abwickelt. Wenn er wegen einer ungerechtfertigten Ermittlung den Leuten das Material gibt und sagt, guckt Euch das an.

Im Fall Wulff hätte man das machen müssen. Man hat diese Verteidigungsmöglichkeit nicht genutzt, vermutlich, weil der Mandant es nicht wollte. Es gab einen Ermittlungsexzess. Da wurde eine Frau, die Nägel schneidet, von vier Beamten befragt, um zu erfahren, ob sie Frau Wulff zu Weihnachten ein Geschenk gemacht hat. Hätte man das zu einem früheren Zeitpunkt den Medien gesagt, die ergebnisoffen berichtet haben, hätte man möglicherweise eine Korrektur hinbekommen. So ist einseitig ermittelt worden.

Man kann in den Akten feststellen, dass immer wieder Journalisten der Staatsanwaltschaft Tipps gegeben haben in Bezug auf eigene Informanten. Oder sie haben Informanten an die Staatsanwaltschaft weitergereicht, um dann wiederum exklusiv darüber berichten zu können.

tagesschau.de: Welches Interesse könnte die Polizei haben, Informationen weiterzugeben?

Leyendecker: Wenn Polizisten so etwas weitergeben, glauben sie meist, der Sache zu dienen, der sie sich verschrieben haben. Korruptionsermittler können zu der Ansicht neigen, es wird sowieso von irgendwo wieder kaputt gemacht. Die Menschheit muss mal wissen, wie es hier in diesem Land zugeht. Polizisten reagieren da in der Regel noch mal anders als Staatsanwälte.

Skandale werden unterschiedlich wahrgenommen

tagesschau.de: Es gibt ja Legenden über "Giftschränke" in den Redaktionsräumen wichtiger Medien, in denen angeblich Geschichten hinter Verschluss gehalten werden. Gibt es Geschichten, die man aus einem Verantwortungsgefühl heraus nicht macht, weil sie zum Beispiel zu viel ins Rollen bringen könnten?

Leyendecker: Diese Giftschränke hat es nie gegeben. Es ist auch ein Missverständnis zu glauben, dass es den einen neutralen Skandal gibt. Es gibt einen wunderbaren Aufsatz von Ronald Hitzler von 1989 über die Inszenierungslogik von Skandalen. Seine Bewertung lautet, dass das Publikum höchst unterschiedlich darauf reagiert: Was für den einen ein Skandal ist, ist für den zweiten eine Bagatelle, für den dritten eine korrekte Handlungsweise und der vierte sagt, da gibt es eine besondere Befähigung.

Der Fall Hoeneß ist klassisch. Im Süden wird sein Fall eher als Bagatelle gesehen und im Norden als Skandal. Beim ADAC-Skandal dagegen gibt es größtmögliches Einverständnis bei den Menschen, die sagen, das habe ich nicht gewusst und das ist ungeheuerlich. Das ist aber die Ausnahme. Normal ist, dass es im Publikum ganz unterschiedliche Lager gibt.

Das Interview führte Silvia Stöber, tagesschau.de

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