Polizisten bei einem Terroreinsatz in Essen | Bildquelle: REUTERS

Debatte um Sicherheitskonzepte Mit Feinjustierungen gegen den Terror

Stand: 24.05.2017 19:04 Uhr

Nach dem Anschlag in Manchester wird erneut über Sicherheitskonzepte bei Großveranstaltungen diskutiert. Experten halten das für sinnvoll, auch wenn es nur um Feinjustierungen geht. Denn Terroristen verändern stetig ihre Strategien.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Nach einem kaltblütigen Terroranschlag wie dem in Manchester, bei dem mindestens 23 Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche getötet werden, sitzt der Schock tief. In die Trauer mischen sich rasch Fragen: Wie konnte das passieren? Und: Wie hätte das verhindert werden können?

Reflexhaft setzt auch in Deutschland eine immer wiederkehrende Debatte über eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen ein. Insbesondere dann, wenn wie in den kommenden Tagen in Berlin Großveranstaltungen bevorstehen: Zum Evangelischen Kirchentag, bei dem auch Barack Obama anwesend sein wird, und dem DFB-Pokalfinale werden insgesamt mehr als 200.000 Besucher erwartet.

Sicherheitslücke auch in Deutschland?

In der Manchester-Arena sprengte sich der Selbstmordattentäter gegen Ende eines Konzerts, im Eingangsbereich der Halle in die Luft, wo die Konzertbesucher in Scharen nach Hause strömten. Für diesen Bereich der Halle gab es offenbar keine Kontrollen, so dass der Täter ungehindert eindringen konnte, wie britische Medien berichten. Eine Sicherheitslücke, die auch bei Veranstaltungen in Deutschland entstehen könnte?

Die Aussagen von Bundesinnenminister Thomas de Maizière legen das zumindest nahe: Nach dem Anschlag in Manchester würden die Sicherheitskonzepte noch einmal überprüft. Dabei müsse auch die Situation nach Abschluss der Veranstaltung genau in den Blick genommen werden, sagte er der Bild-Zeitung.

"Auf Fälle wie in Manchester vorbereitet"

Andreas Geisel | Bildquelle: dpa
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Laut Andreas Geisel ist Berlin gut auf die bevorstehenden Veranstaltungen vorbereitet.

Berlins Innensenator Andreas Geisel betonte im rbb, dass Berlin gut auf die bevorstehenden Veranstaltungen vorbereitet sei: Zur Sicherung der beiden Großveranstaltungen würden 6000 Polizisten eingesetzt. Auf Fälle wie in Manchester sei man vorbereitet.

Doch der Anschlag in der Manchester-Arena ist nicht der erste, der im Umfeld eines Konzerts passiert. Im Pariser Musikklub "Bataclan" im November 2015 hatten die Attentäter es ebenfalls auf Konzertbesucher abgesehen. Auch die Art des Anschlags mit einem selbstgebauten Sprengsatz ist nicht prinzipiell neu. Wie kann es also sein, dass die Sicherheitskonzepte nach solchen Anschlägen immer wieder neu überprüft werden müssen?

"Augenmerk auf Ende von Veranstaltungen"

"Es geht dabei nur um Feinjustierungen", sagt eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums im Gespräch mit tagesschau.de. Generell würden die Sicherheitskonzepte durch die zuständigen Stellen vor Ort fortlaufend überprüft und bei Bedarf angepasst. "Allerdings ist dieser spezielle Fall ein Anlass, noch einmal besonderes Augenmerk auf die Situation beim Verlassen von Veranstaltungen zu legen."

Ähnlich formuliert das Thomas Neuendorf, Sprecher der Polizei Berlin: "Beim Sicherheitskonzept des Kirchentages seien Szenarien wie in Manchester beim Zu- und Abstrom zu Veranstaltungen bereits berücksichtigt", sagt er gegenüber tagesschau.de.  "Wir schauen uns jetzt Feinheiten an, ob wir etwas noch besser machen können." Allerdings sei es dafür fast noch etwas früh, weil von dem Anschlag in Manchester noch zu wenige Details bekannt seien.

Möglichst Menschentrauben verhindern

Die immer wiederkehrende Diskussion nach weiteren oder schärferen Sicherheitsregeln ist also sinnvoll. Denn tatsächlich verändern sich die Anschläge immer wieder: Vor Jahren wurden die Attentate in Europa noch vor allem durch Bomben, beziehungsweise mit Sprengstoff verübt, wie in den Pendlerzügen von Madrid 2004 oder der Londoner U-Bahn 2005. Später gab es häufig Attentate, bei denen Schusswaffen gebraucht wurden, wie 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel oder beim Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" 2015 in Paris. Seit dem Anschlag auf dem Strandboulevard in Nizza, sind Anschläge mit Lkw oder Pkw verstärkt in den Fokus gerückt.

Polizisten untersuchen nach dem Attentat von Nizza den Lkw (Archivbild)
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Anschlag auf dem Strandboulevard in Nizza im Juli 2016

Stefan Hansen, Geschäftsführer des Instituts für Sicherheitspolitik (ISPK) an der Universität Kiel, hält nach dem Anschlag von Manchester keine grundsätzlich anderen Sicherheitsvorkehrungen für möglich. "Wir haben bereits aus der Erfahrung mit Fußballspielen Konzepte, die so etwas berücksichtigen", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Hier setze man zum Teil auf Absperrungen weit im Vorfeld des möglichen Anschlagsziels, wo beispielsweise Torbogensonden eingesetzt würden. Außerdem versuche man durch möglichst viele Zugänge Menschentrauben zu verhindern. "Ob in Manchester die für eine Veranstaltung dieser Größenordnung angemessenen Maßnahmen getroffen worden sind, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beurteilt werden. Allerdings lassen sich aufwändige Vorkehrungen ohnehin nicht bei allen Veranstaltungen durchsetzen. Wenn man so etwas verpflichtend einführen wollte, könnten beispielsweise kleinere Volksfeste gar nicht mehr stattfinden.“

Sprengstoff aus der Ferne aufspüren

Außerdem habe das Fraunhofer InstitutTechniken entwickelt, mit der Sprengstoff bereits aus der Ferne aufgespürt werden könne: "Wenn jemand Sprengstoff bei sich trägt, entstehen kleine Verdunstungswolken über der Person, die man von Weitem detektieren kann", erklärt Hansen. Doch: Je aufwändiger die Technik und die Konzepte, desto deutlicher wird, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben kann. Man kann nicht jede Einkaufsstraße und jede Besucherschlange vor einer Sehenswürdigkeit mit Betonpollern oder Sicherheitskontrollen schützen.

Bemerkenswert findet Stefan Hansen auch, wie rasch Terroristen ihre Strategien anpassen. Nachdem beispielsweise an Flughäfen die Sicherheitsvorkehrungen stark erhöht wurden, kam es dort kaum mehr zu Anschlägen. Die Folge: Terroristen suchten sich weniger geschützte Ziele. Seiner Ansicht nach hilft in erster Linie eine Stärkung der Nachrichtendienste, um Kommunikation und Planungen von Terroristen bereits im Vorfeld abzufangen.

Mehr Sicherheit führt zu Einschränkung der Freiheit

Letztlich führt die Debatte über Sicherheitskonzepte immer wieder zu der Frage zurück: Wie stark will eine Gesellschaft sich in ihrer Freiheit einschränken lassen, um die Sicherheit zu erhöhen? Noch werde in Deutschland das Gut der Freiheit, auch aus der Erfahrung der beiden Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts heraus, traditionell sehr hoch gehalten, meint Sicherheitsexperte Hansen. "Aber wenn sich Anschläge, wie die in Manchester häufen, wo Terroristen nicht einmal davor zurückschrecken, gezielt Kinder und Jugendliche zu töten, wird das unser Denken in Bezug auf Sicherheit wahrscheinlich mehr und mehr verändern."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Mai 2017 um 18:03 Uhr

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