Interview

Kai Gniffke bei "Sag's mit ins Gesicht" (Foto: Wulf Rohwedder)

Tagesschau-Aktion "Sag's mir ins Gesicht" "Kein beleidigendes Wort"

Stand: 28.05.2017 21:13 Uhr

ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke hat live im Netz den persönlichen Dialog mit Kritikern gesucht. Er war überrascht, wie respektvoll der Ton war. Sein Fazit: Beleidigungen schreiben sich viel leichter als sie jemandem ins Gesicht zu sagen.

tagesschau.de: "Arrogante Fresse", "Volksverräter", "Verbrecher" - das sind Dinge, die Sie und Ihre Kollegen in sozialen Netzwerken zu hören bekommen. Warum sind Sie nun auch noch in den persönlichen Dialog mit den Verfassern dieser Kommentare getreten?

Kai Gniffke: Ich wollte denen zeigen, dass wir keine Mimosen sind, die sich zu fein dafür sind, auch mal Diskussionen zu führen, die etwas schärfer sind. Dass wir nicht sofort in Deckung gehen, wenn der Ton rauer wird. Vor allem war mir wichtig, den Leuten deutlich zu machen, dass wir im Gespräch bleiben wollen - auch mit denen, die uns sehr scharf kritisieren oder sogar abschaffen wollen.

tagesschau.de: Wie haben Sie heute den persönlichen Dialog mit den Usern erlebt, war es so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Gniffke: Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was passieren wird. Ich war darauf gefasst, dass das Ganze auch tosend in die Hose gehen kann. Umso mehr freue ich mich, dass es offensichtlich sehr viel respektvoller geht, wenn man miteinander spricht - auch wenn ich nicht mit jedem User einer Meinung war.

tagesschau.de: Um welche Themen ging es?

Gniffke: Um die Ukraine, um Trump, um die Frage, ob wir regierungsgesteuert sind. Immer schwingt der Vorwurf mit, wir würden nicht ausgewogen berichten und hätten eine große Staatsnähe.

tagesschau.de: Hat es Sie überrascht, dass es so eine große Differenz gibt zwischen den geschriebenen Kommentaren im Netz und einem Videogespräch?

Gniffke: Ja. Ich hatte gedacht, dass es ein paar Leute gibt, die richtig losmaulen und auch verbal schärfer werden. Das war überhaupt nicht der Fall, es fiel kein beleidigendes Wort. Es war sogar sehr zivilisiert. Die Angesicht-zu-Angesicht-Situation hebt offenbar das Niveau: "Du Hetzer, du Arschloch", das schreibt sich viel leichter als es jemandem ins Gesicht zu sagen.

tagesschau.de: Wie erklären Sie sich, dass der Hass im Netz so zugenommen hat und Menschen auch keine Hemmungen mehr haben, mit ihrem Klarnamen menschenverachtende Dinge von sich zu geben?

Gniffke: Es ist, als ob jemand im Frühjahr 2014 einen Schalter angeknipst hätte: Es begann mit der Eskalation der Ukraine-Krise, da schossen die Kommentare in die Höhe. Auch beim Pegida-Phänomen, das etwa zeitgleich begann, war das zu beobachten. Da sind die Leute hochemotional geworden.

tagesschau.de: Was war der schlimmste Kommentar, der je in sozialen Netzwerken an Sie gerichtet wurde? Wie haben Sie darauf reagiert?

Gniffke: Zum Beispiel: "Erschieß dich, du Hurensohn" oder: "Wir wissen, wo Du wohnst". Aber das prallt an mir ab. Das sind in der Regel Maulhelden. Ich reagiere auch nicht darauf. Nur einmal bin ich zur Staatsanwaltschaft gegangen, als ich eine Morddrohung bekommen habe.

Das Gespräch führte Friederike Ott, tagesschau.de

Über dieses Thema berichteten am 29. Mai 2017 tagesschau24 um 11:00 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

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