Public Viewing in Sandhausen | Bildquelle: dpa

Pressestimmen zum Rücktritt "Özil hinterlässt Scherbenhaufen"

Stand: 23.07.2018 07:07 Uhr

"Übers Ziel hinausgeschossen", "eine Art umgekehrter Chauvinismus" - viele Kommentare deutscher Medien kritisieren die Rücktrittserklärung von Özil. Doch sie weisen auch auf seine "Zerrissenheit" hin.

Özils Rücktritt sei lange vorbereitet worden und hinterlasse einen "Scherbenhaufen", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Sein Rundumschlag vom Sonntag wird vielen noch lange in den Ohren klingen. Er wird den DFB und seinen Präsidenten Grindel, den Özil offen zum Rücktritt auffordert, noch tiefer in die Krise stürzen. Das Versagen des Verbandes rund um die Causa Özil/Erdogan, verbunden mit dem Versagen in der Aufarbeitung des sportlichen Desasters während der WM könnte selbst einen über alle Maßen selbstgefälligen Verband wie den DFB zu Reaktionen zwingen, die mehr sind als Retusche.

In vielem, nicht in allem, ist Özil am Sonntag über das Ziel hinausgeschossen. Grindel offen rassistische Tendenzen zu unterstellen, geht zu weit, auch Özils pauschale Attacken gegen Medien, die in die gleiche Richtung zielen sind ebenso abstrus wie unverschämt. Derjenige, der ihn tatsächlich zum Sündenbock gemacht hat für das Scheitern in Russland, Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, kommt in seiner Wutrede dagegen erstaunlich gut weg."

Die "Frankfurter Rundschau" schreibt dazu: "Es gehört zu Özils persönlicher Tragik, dass ausgerechnet er zum Bolzball seiner türkischen Berater, der geglückten Wahlkampagne des Präsidenten Erdogan, des DFB bei dessen missratener Titelverteidigung und einer auch von enthemmter Bösartigkeit getriebenen Debatte auf dem Resonanzboden von Rassismus geworden ist, gegen den jeder mal treten durfte. Dabei wollte der Mesut doch immer nur gut Fußball spielen."

Für die Zeitung "Die Welt" hat das Foto mit Erdogan gezeigt, wie zerrissen Özil ist: "Und er ist wohl nicht der einzige Deutsche mit türkischen Wurzeln, dem es so geht. Doch zum Bekenntnis, ein deutsches Trikot zu tragen, gehört mehr als das gute Spiel. Nationalspieler sind Vorbild, gerade auch für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Und da muss der DFB zwischen Hymnenschmettern und klarem Bekenntnis definieren, was gefordert ist. Über Jahrzehnte hatten die Deutschen kein Verhältnis zu ihren Einwanderern.

Deutschland muss seine Erwartungen klar formulieren, und jeder zwischen den Kulturen wandernde Sportler muss sich entscheiden, ob er das leisten kann oder will. Wer den deutschen Pass annimmt und das Nationaltrikot überzieht, muss wissen, was das für ihn bedeutet. Der Fall Özil hat das klargemacht."

"Trotziger Schluss"

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" konstatiert: "Nach Wochen des Schweigens kommt der Nationalspieler zu dem trotzigen Schluss, er würde auch heute alles genauso gemacht haben wie im Mai, als er den Wahlkämpfer Erdogan werbewirksam zum Posing traf. Özils Erklärung – warum eigentlich auf englisch? - klingt einnehmend, wenn er auf Respekt und auf die Hochachtung vor dem familiären Erbe verweist, die seine Mutter ihn gelehrt hätten. In Wahrheit spricht daraus eine Art umgekehrter Chauvinismus. Die deutschen Medien hätten diese - seine Wahrheit nicht wahrgenommen. Özil hätte alle Zeit der Welt gehabt, sich zu erklären und sich ebenso empathisch zu seiner neuen Heimat zu bekennen."

Die "Rheinische Post" vertritt die Ansicht, Özil habe nicht verstanden, was viele Menschen an dem Foto mit Erdogan empört hat: "Er habe mit seinem Treffen dem höchsten politischen Amt der Heimat seiner Familie Respekt gezollt, nicht Erdogan als Person, schreibt er. Diese Argumentation muss jeden Bürger der Bundesrepublik - egal ob mit oder ohne ausländische Wurzeln - befremden.

Denn es ist ja nicht das Amt, das politische Gegner verfolgt, Grundrechte einschränkt und Tausende Bürger ohne Anklage wegsperrt. Es ist Erdogan, der das Amt für demokratiefeindliche Aktionen benutzt. Es mag sein, dass es tiefergehende Gründe für Özil gab, dem Foto zuzustimmen, zum Beispiel die Angst, dass seinen Verwandten, Freunden und seinem Eigentum in der Türkei andernfalls Schaden droht. Dann aber hätte die Stellungnahme auch tiefgehender ausfallen müssen. So wird die Kritik nicht verstummen."

"Was für eine Anmaßung"

Das Nachrichtenportal "Spiegel Online" kommt zu einer anderen Einschätzung: "In Deutschland wird das Denken aber nicht vorgegeben. Hier herrscht Meinungsfreiheit. Und die gilt für AfD-Anhänger genauso wie für Fußballspieler und für viele Erdogan-Fans, die hier leben. Mit ihnen darf und muss man streiten. Aber man darf sie wegen ihrer Positionen nicht von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließen. Bei der Kritik an Özil und Gündogan schwang aber von Beginn an mit, dass den beiden Sportlern das "Deutschsein" abgesprochen wurde. Was für eine Anmaßung."

Die "Badischen Neuesten Nachrichten" führen aus: "Seit Mitte Mai hatte Özil zu der zur Staatsäffäre stilisierten Sache geschwiegen und Debatten erduldet, die unsachlicher, ja unfairer wurden. Angeheizt und breit gewalzt von rechten Hetzern, denen das Stillhalten des Verbandes in die Karten spielte wie Özils WM-Spiele selbst. Nein! Er alleine ist sicher nicht schuld daran, dass die Mannschaft zu keiner Minute sie selbst war. Özil hat sehr spät getan, wozu ihn Verbandschef Grindel und Teamdirektor Bierhoff kürzlich aufforderten, als gäbe es noch mehr zu retten als deren eigene Haut in der amateurhaft ausgesessenen Affäre."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 23. Juli 2018 um 07:24 Uhr.

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