Angeklagte beim NSU-Prozess Andre E. - Prototyp eines Neonazis

Stand: 05.05.2013 02:57 Uhr

Andre E. steht beim NSU-Prozess vor Gericht, weil er die Rechtsterroristen unterstützt haben soll. Er und seine Ehefrau Susann waren offenbar seit Jahren mit den Rechtsterroristen befreundet, und sie teilten auch das braune Weltbild.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Festnahme Andre E. in Grabow | Bildquelle: dapd
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Andre E. (M.) bei seiner Festnahme im November 2011.

Sein Werdegang ist typisch für die Neonazi-Szene: Andre E. war in der regionalen Kameradschaftsszene in Sachsen aktiv, betrieb einen Szene-Versandhandel im Netz - und diverse Tätowierungen auf seinem Körper lassen keine Zweifel an seiner tiefbraunen Gesinnung aufkommen: Ein Porträt von Horst Wessel auf dem Oberkörper, der Schriftzug "Die Jew Die" (Stirb, Jude, stirb!) - sowie der Name der Kameradschaft "Weiße Bruderschaft Erzgebirge", dazu weitere einschlägige Symbole, die bei Rechtsextremen beliebt sind.

Seinen Kinder gab er nordisch-germanische Namen wie Thorwald, was Thors Stärke bedeutet. E., nur 1,68 Meter groß, trägt große Tunnelpiercings in beiden Ohren, sportliche Szenekleidung und einen Bart. Als er in den 1990er Jahren in die sächsische Neonazi-Szene eintauchte, dürfte man mit diesem Outfit noch als "linke Zecke" gegolten haben, doch die Rechtsextremen integrierten Elemente aus anderen Subkulturen - und modernisierten so ihr Auftreten. Unauffällig im Alltag, doch in den Codes für Gleichgesinnte eindeutig identifizierbar - die Outfits der modernen Nazis spiegeln das strategische Denken und Handeln in der braunen Bewegung wider.

Vom Maurer zum Fachmann für Videofilme

E. wurde 1979 geboren und wuchs in der sächsischen Kleinstadt Johanngeorgenstadt auf. 1996 beendete Andre E. die örtliche Realschule und hatte damals offenbar bereits Kontakte in die lokale Szene. Nach der Schule absolvierte E. eine Maurerlehre, arbeitete einige Jahre in dem Beruf, später folgte eine Umschulung zum Fachinformatiker. E betrieb eine Firma, die Dias digitalisierte und Videofilme erstellte, was später im Zusammenhang mit dem NSU von Bedeutung sein wird.

E. ließ sich zudem zum Berufskraftfahrer weiterbilden, machte sich selbstständig; als Beschreibung des Geschäftsgebiets gab er Berufskraftfahrer, Mediendigitalisierung, Ebay-Handel und Veranstaltungsservice an. Später ergänzte er dann noch den Vertrieb von Büchern, Bekleidung und Tonträgern - E.s rechtsextremer Versandhandel, der mittlerweile aus dem Netz verschwunden ist.

Bahnkarten für "Liese und Gerry"

Der Neonazi ist seit 2005 verheiratet mit Susann E. - beide sollen seit 2003 mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos befreundet gewesen sein. Gegenüber Bekannten und Freunden stellte das Ehepaar die Rechtsterroristen als Liese, Gerry und Max vor - die Spitznamen von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos.

Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe | Bildquelle: dpa
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Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe traten unter den Spitznamen Gerry und Liese auf.

Doch sie waren nicht nur Freunde, sondern sie halfen den gesuchten Neonazis mutmaßlich auch: So sollen sie die Anmietung von Wohnungen für die drei Neonazis vermittelt haben und besorgten Bahncards. Eine war auf den Namen Andre E. ausgestellt, war aber mit dem Bild von Uwe Böhnhardt versehen; eine weitere trug den Namen von Susann E. und dazu offenbar das Bild von Beate Zschäpe. Internen Ermittlungsakten zufolge wurde eine gefundene Bahncard von Andre E. erstmals im Mai 2009 ausgestellt - und bis 2012 verlängert. Bezahlt wurden die Karten über Konten der E.s bei der Kreissparkasse Aue-Schwarzenberg sowie bei der Commerzbank. Das Konto bei der Commerzbank war offenkundig das Geschäftskonto von E.s rechtsextremen Versandhandel.

Welche Bedeutung Andre E. in der regionalen Neonazi-Szene hatte, ist nicht eindeutig geklärt. Der Verfassungsschutz Sachsen beobachtete ihn nach eigenen Angaben zwischen 2002 und 2006 mehrmals, aufgefallen sei dem Geheimdienst angeblich nichts. Laut polizeilichen Erkenntnissen hatte er zumindest im Jahr 2006 Kontakt zu den "Freien Kräften" in Leipzig, zudem war er Mitglied der "Weißen Bruderschaft Erzgebirge" (WBE), die sich an den rassistischen Prinzipien von "Blood & Honour" orientierte. Der Verfassungsschutz schätzte, Andre E. habe eine "herausgehobene Position" in der regionalen Szene; die Polizei widersprach dem. Überregional trat E. auf jeden Fall nicht in Erscheinung.

Zwillingsbruder beim NPD-Nachwuchs

Festgenommen wurde E. im November 2011 etwa zwei Wochen nach dem Bekanntwerden des NSU in Brandenburg. Eine Spezialeinheit der Polizei schlug im Landkreis Potsdam-Mittelmark zu, wo Andre E. bei seinem Zwillingsbruder Maik E. untergeschlüpft war. Maik E. wurde unter anderem als Stützpunktleiter der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD, in Potsdam vom Verfassungsschutz beobachtet. Zudem war er beim mittlerweile verbotenen "Schutzbund Deutschland" aktiv und wurde laut Ermittlungsakten mit der verbotenen HDJ in Verbindung gebracht.

Dies ist typisch für rechtsextreme Strukturen: Zahlreiche Organisationen und Kameradschaften bilden ein engmaschiges Netz, die Verbindungen laufen oft über persönliche Bekanntschaften, der Weg zur NPD oder ihrer Jugendorganisation JN ist zumeist nicht weit. Im Alltag treten die Neonazis hingegen zurückhaltend auf. Man gibt sich bürgerlich beim "Kampf gegen das System".

Ein ehemaliger Vorgesetzter bei einer Spedition bezeichnete den angeklagten Andre E. als ruhigen und unauffälligen Menschen. Es habe aber Gerüchte gegeben, er sei ein Nazi. Ruhig und unauffällig war auch das Auftreten der Familie des Neonazis. Susann E. pachtete im April 2009 eine Parzelle in einem Schrebergartenverein in Zwickau. Der Vereinsvorsitzende betonte, die Eheleute seien "unauffällig" gewesen, hätten stets die Regeln beachtet. Susann sei oft mit den Kindern in dem Garten gewesen, ihr Mann wohl viel unterwegs gewesen. Nur die vielen Tätowierungen seien aufgefallen in der Gartenkolonie "Heimattreue".

Eine Bekenner-DVD des "Nationalsozialistischen Untergrunds", die der Bundesanwaltschaft vorliegt. | Bildquelle: dpa
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Auf dieser DVD bekannte sich der NSU zu Morden und Anschlägen.

Mittlerweile ist E. bundesweit bekannt. Zunächst war ihm vorgeworfen worden, er habe als Fachmann die Bekenner-DVD des NSU geschnitten. Die Staatsanwaltschaft hatte argumentiert, dass E. als einziger der Verdächtigen das nötige Wissen habe, solchen einen Film zu produzieren. Dem folgte der Bundesgerichtshof im Juni 2012 nicht. Der Film sei so geschnitten, dass auch "ein interessierter Laie hierzu in der Lage gewesen wäre", hieß es zur Begründung.

Gefängnisstrafe bis zu zehn Jahre

Doch die Bundesanwaltschaft wirft Andre E. weiterhin Beihilfe zum Sprengstoffanschlag des NSU in der Kölner Altstadt und in diesem Zusammenhang Beihilfe zum versuchten Mord sowie Beihilfe zum Raub und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Für Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sieht das Gesetz Strafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vor.

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