Ein Schild mit der Aufschrift "Nebenkläger - Nebenklägervertreter" im Oberlandesgericht in München | Bildquelle: dpa

NSU-Verfahren Hickhack um die Phantom-Nebenklägerin

Stand: 07.10.2015 16:28 Uhr

232 Verhandlungstage lang war eine Frau Nebenklägerin im NSU-Prozess - obwohl es sie offenbar gar nicht gibt. Und so stellt sich inzwischen die Frage, ob das Gericht nicht schon früher an ihrer Existenz hätte zweifeln können.

Von Tim Aßmann, BR

Schon unmittelbar nach Verhandlungsbeginn wurde der Fall der wohl erfundenen Nebenklägerin Meral Keskin Thema im Prozess. Beate Zschäpes Verteidiger Wolfgang Heer beantragte dienstliche Erklärungen des Gerichts zu dem Vorfall. Im Kern geht es darum, ob das Gericht die Nebenklageberechtigung der Frau ausreichend geprüft hat.

Das ärztliche Attest, welches der Eschweiler Anwalt Ralph Willms im Namen seiner Mandantin Keskin vorlegte und das sie als Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße ausweist, ist offenbar eine Fälschung. Es handelt sich um das Attest eines anderen Nebenklägers, der es offenbar manipulierte und Rechtsanwalt Willms unterschob.

Hätte gefälschtes Attest auffallen können?

Dem Gericht lagen also inhaltlich deckungsgleiche Atteste für zwei unterschiedliche Nebenkläger vor. Das hätte auffallen können, glaubt Zschäpe-Anwalt Heer. Außerdem wurden zwei völlig unterschiedliche Standorte des angeblichen Opfers zum Zeitpunkt des Anschlags in der Keupstraße angegeben. Auch das hätte das Gericht bemerken können, trug die Zschäpe-Verteidigung nun vor.

Gerichtssprecherin Andrea Titz betonte allerdings am Rande des Verfahrens, die Nebenklage-Berechtigung von Meral Keskin sei vom Gericht ausreichend geprüft worden.

Erfundene Nebenklägerin auch vom Bund entschädigt

Der betroffene Rechtsanwalt Willms zog sich mittlerweile aus dem Verfahren zurück. Er räumte ein, dem Nebenkläger Attila Ö., von dem er das offenbar gefälschte Attest bekam, eine Provision von mehreren tausend Euro für das Mandat gezahlt zu haben. Willms wurde nach seiner Darstellung auch eine Frau als das angebliche Anschlagsopfer Meral Keskin vorgestellt. Er behauptet, auch hier von Ö. betrogen worden zu sein. Gegen diesen ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft Köln.

Meral Keskin ist jedenfalls offenbar nicht existent. In ihrem Namen wurde allerdings auch ein Entschädigungsantrag beim Bundesjustizministerium gestellt. Daraufhin wurden 5000 Euro aus dem Fonds der Bundesregierung für die NSU-Opfer und deren Angehörige gezahlt. Für die Nebenkläger im NSU-Prozess ist der Fall Keskin ein enormer Imageschaden.

Beate Zschäpe neben ihrem neuen Anwalt Mathias Grasel | Bildquelle: dpa
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Beate Zschäpe mit ihrem neuen Anwalt Mathias Grasel. Ihren bisherigen drei Anwälten hat sie zwar das Vertrauen entzogen, scheiterte aber mit Anträgen, diese zu "entpflichten". (29.09.15)

Zschäpe-Verteidigung tief zerstritten

Einmal mehr wurde im Prozess außerdem das zerrüttete Verhältnis innerhalb der Zschäpe-Verteidigung deutlich. Die Hauptangeklagte und ihr neuer Verteidiger Mathias Grasel waren über den Antrag zum Fall Keskin, den die drei anderen Pflichtverteidiger im Namen Zschäpes stellten, im Vorfeld nicht informiert.

Zschäpe-Verteidiger Heer erhob zudem Vorwürfe gegen seinen Kollegen Grasel. Dieser habe eine Einarbeitungspause, die ihm das Gericht ihm Sommer gewährte, nicht zur internen Beratung mit seinen Kollegen genutzt. Grasel erklärte daraufhin, diese Besprechung sei ihm von den anderen Pflichtverteidigern verwehrt worden. Das Hickhack zeigt überdeutlich: Beate Zschäpe hat zwar vier Anwälte, aber keine optimale Verteidigung.

Streit im NSU-Prozess über erfundene Nebenklägerin
Tim Aßmann, BR
07.10.2015 17:03 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 07. Oktober 2015 um 15:03 Uhr auf NDR Info.

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