Traktor bringt Gülle auf einem Feld aus | Bildquelle: picture alliance / Philipp Schul

Nitrat im Grundwasser "Eine tickende Zeitbombe"

Stand: 21.09.2017 02:02 Uhr

Die Wasserversorger warnen schon länger vor steigender Nitratbelastung des Grundwassers. Nun hat die Regierung erstmals detaillierte Angaben zu einzelnen Messstellen genannt - und die Zahlen sind alarmierend.

Von Jürgen Döschner, WDR

Das beschauliche Süstedt im niedersächsischen Landkreis Diepholz hält einen traurigen Rekord: In nur drei Jahren hat sich an einer Grundwasser-Messstelle der Nitratgehalt fast verdreifacht - von 35 auf rund 100 Milligramm pro Liter. Zulässig sind höchstens 50 Milligramm. Die Zahlen stammen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag, die dem WDR vorliegt. Zum ersten Mal werden dort detaillierte Angaben zu einzelnen Nitrat-Messstellen genannt.

Die Ergebnisse seien beunruhigend, meint Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag. "Auf einem Drittel der Landesfläche in Deutschland haben wir heute so eine hohe Nitratbelastung, dass die Grenzwerte überschritten werden", sagt er. "Und es drohen weitere große Gebiete, wo wir demnächst eine Nitratbelastung über den Grenzwerten haben könnten. Dort haben wir heute entweder sehr schnell ansteigende Werte oder bereits die Situation, dass die Grenzwerte nur knapp unterschritten werden."

Bald 38 Prozent aller Messstellen über der Norm?

Damit droht an rund 70 Orten bundesweit in naher Zukunft eine Überschreitung des Nitrat-Grenzwertes - eine alarmierende Entwicklung. Statt 28 Prozent lägen dann 38 Prozent aller Messstellen in Deutschland über der zulässigen Norm. Dieser negative Trend deckt sich mit den neuesten Zahlen aus Nordrhein-Westfalen. Hier stieg nach amtlichen Angaben die Zahl der Messstellen, an denen der Grenzwert überschritten wird, allein im vorletzten Jahr um 18 Prozent.

Hauptverursacher ist aus Sicht des Bundesumweltministeriums die Landwirtschaft. Dort heißt es, man nehme diese Zahlen sehr ernst. Sie seien allerdings kein Beleg für einen negativen Trend bei der Nitratbelastung. "Dass es von Jahr zu Jahr auch mal wieder nach oben gehen kann, möchte ich überhaupt nicht ausschließen", sagt Jörn Krämer, Referent für Umweltpolitik beim Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband. Man müsse aber gerade bei Grundwasser längere Zeitabschnitte betrachten.

Veränderungen in der Düngepraxis gefordert

Genau das wollen auch die Wasserwerke. In ihrer kürzlich eingerichteten Grundwasserdatenbank haben sie unter anderem Daten aus Hunderten sogenannter Vorfeldmessstellen gesammelt. "Das sind quasi unsere Wareneingangskontrollen", sagt Ulrich Peterwitz, Leiter der Grundwasserdatenbank und Wasserfachmann beim Versorgungsunternehmen Gelsenwasser. "An den Stellen, an denen wir messen - je nachdem, wie weit sie von den Brunnen entfernt sind -, dauert es noch Jahre oder wenige Monate, bis das Wasser in den Brunnen ankommt. Und wir sehen hier viel zu hohe Werte."

Bei mehr als einem Viertel aller Proben seien Nitratwerte von mehr als 50 Milligramm pro Liter registriert worden, teilweise sogar bis zu 400 Milligramm. "Wir haben hier eine tickende Zeitbombe", sagt Peterwitz. "Die Situation wird nicht besser, wenn wir nicht deutliche Veränderungen in der landwirtschaftlichen Düngepraxis bekommen."

Es müsste also erheblich weniger Gülle und Mineraldünger auf Wiesen und Äcker kommen, um die "tickende Nitrat-Zeitbombe" rechtzeitig zu entschärfen.

Nitrat - "Tickende Zeitbombe"
Jürgen Döschner, WDR
21.09.2017 02:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. September 2017 um 09:38 Uhr.

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