Interview

Rassistische Gewaltwelle vor 20 Jahren Als aus Parolen Brandsätze wurden

Stand: 16.09.2011 14:27 Uhr

Vor 20 Jahren belagerten Neonazis ein Flüchtlingsheim in Hoyerswerda, unterstützt von Anwohnern. Es folgte bundesweit eine rassistische Gewaltwelle mit vielen Toten. Heute sei die Öffentlichkeit aufmerksamer, meint Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye zu tagesschau.de. Doch noch immer gebe es No-Go-Areas für dunkelhäutige Menschen.

tagesschau.de: Neonazis randalieren, Anwohner applaudieren, der Staat kapituliert vor dem Mob. Welche Erinnerung haben Sie an die rassistischen Ausschreitungen vor 20 Jahren in Hoyerswerda?

Uwe-Karsten Heye: Die besonders Überraschung war, dass ausgerechnet auf dem Territorium der Ex-DDR der militante Rechtsextremismus mit diesem Hass und dieser Brutalität ausbrach. Man hatte - vielleicht zu optimistisch - ganz andere Probleme bei der Vereinigung erwartet. Die DDR hatte sich antifaschistisch genannt, doch es gab einen Fundus von rechtsextremistischen Einstellungen - auch bei Jugendlichen.

alt Uwe-Karsten Heye | Bildquelle: picture alliance / dpa

Zur Person

Uwe-Karsten Heye war Regierungssprecher unter Gerhard Schröder, Generalkonsul in New York und Chefredakteur des "Vorwärts". Heye ist Vorstandsvorsitzender des Vereins "Gesicht zeigen!". Er sei, so Heye, in "einer Zeit aufgewachsen, die geprägt war von dem zivilisatorischen und moralischen Zusammenbruch". Nach dieser Erfahrung sollte "es selbstverständlich sein, allem zu widerstehen, was zu einer Wiederbelebung von Rassismus oder Antisemitismus beitragen könnte".

tagesschau.de: Was war ausschlaggebend für die Diskrepanz zwischen offiziellem Antifaschismus und verbreiteten rassistischen Einstellungen?

Heye: Der internationale Austausch, der im Westen ab den 1960er-Jahren selbstverständlich wurde, fehlte in der DDR. Es gab vietnamesische Arbeitskräfte, die allerdings systematisch aus dem Alltag der DDR ausgesperrt waren. Im Westen gab es eine langsame Gewöhnung daran, dass die Menschheit eben nicht nur aus deutschsprachigen, blonden und blauäugigen Menschen besteht. In der DDR hingegen wurden Hymnen gesungen, doch die Wirklichkeit war sehr abgeschirmt und von Mauern eingeengt. Eine Rolle bei den Ausschreitungen spielte sicher auch die Enttäuschung, dass nach der Vereinigung nicht sofort die schöne bunte Welt aus dem Westfernsehen da war.

tagesschau.de: Welche Rolle spielten westdeutsche Rechtsextreme?

Heye: Die Rekrutierung dieses Potenzials in der Ex-DDR geschah durch Sumpfblüten aus dem rechtsextremen Spektrums Westdeutschlands, also NPD, DVU usw. Wir haben es immer mit einem gesamtdeutschen Problem zu tun.

tagesschau.de: Nachdem die Bilder aus Hoyerswerda über die Bildschirme flimmerten - wie waren die Reaktionen im fernen Bonn und in der Gesellschaft?

Heye: Verblüfft und überrascht. Die Dimension des Problems wurde nicht wahrgenommen. Ich hatte den Eindruck, dass sich erst zehn Jahre später so etwas wie Widerstand in der Zivilgesellschaft entwickelt hat. Erst nach dem Wechsel von Bonn nach Berlin wurde erkannt, dass es eine Art Normalität von rechtsextremistischem Denken und rechtsextremer Gewalt gibt - und dass man dagegenhalten muss.

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tagesschau.de: Anfang der 1990er-Jahre war die "Asyl-Debatte" ein populäres Thema. Welche Rolle spielten die Medien bei der rassistischen Gewaltwelle?

Heye: Die Asyldebatte hat sicher eine Rolle gespielt. Sie hat eine bestimmte Haltung befeuert: Es wurde hingenommen, dass Einwanderer nur als Eindringlinge galten, die gekommen waren, um das Sozialsystem auszunutzen. Und wenn der CSU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Bayern heute noch sagt, wir sind nicht das Sozialamt der Welt, dann befördert das weiter dieses vergiftende Denken. Teile der CSU und auch der CDU sollten es unterlassen, sich aus dem Arsenal rechtslastiger Propaganda zu bedienen.

tagesschau.de: Vor fünf Jahren sorgten Sie für bundesweite Schlagzeilen, als Sie warnten, es "gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen". Gibt es solche No-Go-Areas noch immer?

Heye: Ja, das gibt es noch, natürlich. Die Gewaltbereitschaft von Rechtsextremisten hat eine breite und sehr blutige Spur in Deutschland hinterlassen. Wir haben seit der Wende 147 Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Umso befremdlicher erscheint mir der Versuch der Bundesregierung, nicht genauer hinschauen zu wollen.

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tagesschau.de: Die Gefahr von rechtsextremen Gewalttätern ist nach wie vor da. Haben die 2001 aufgelegten Programme für Demokratie und gegen Rechtsextremismus also versagt?

Heye: Die Frage ist: Was wäre ohne den zivilgesellschaftlichen Widerstand der vielen Initiativen - einschließlich des Vereins "Gesicht zeigen!", den ich gegründet habe? Es war wichtig, die Gesellschaft und die Menschen, die aus den Weltkriegen und der NS-Zeit lernen wollten, noch einmal zu wecken und zu sagen, das Problem ist nie ganz erledigt. Jede Generation muss sich erneut die Frage beantworten, wie human die Gesellschaft sein soll, in der sie lebt. Es gibt nach wie vor gesellschaftliche Haltungen, die sehr fremdenfeindlich sind. Da sind wir noch weit entfernt von einem toleranten Land.

tagesschau.de: Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren verbessert?

Heye: Mittlerweile haben wir sehr fundierte Untersuchungen, was und wie Rechtsextremismus sich entwickelt. Doch die Studien bringen erschreckende Ergebnisse. Immerhin werden diese mittlerweile zur Kenntnis genommen. Die Gesellschaft ist insgesamt aufmerksamer geworden.

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tagesschau.de: Sie sprachen Ihren Verein "Gesicht zeigen!" an. Die Initiativen gegen Rechtsextremismus müssen nun eine Demokratieerklärung unterzeichnen, wenn sie Fördergeld erhalten wollen. Wie kommt das bei Bürgern an, die sich seit Jahren für Demokratie engagieren und mutig Neonazis entgegentreten?

Heye: Das ist eine Form der Zurückweisung von bürgerschaftlichem Engagement für die Demokratie, die mich konsterniert und die für mich völlig unverständlich ist. Da werden Menschen, die sich für eine tolerante und friedliche Gesellschaft engagieren, mit Misstrauen überzogen, sie sollen eine Art Gesinnungs-TÜV ablegen. Aber dabei bleibt es nicht. Jedes Projekt, das wir dem Bundesfamilienmisterium gegen Rechtsextremismus oder Rassismus vorschlagen, müssen wir mit 50 Prozent gegenfinanzieren. Das gilt auch für Projekte gegen Antisemitismus. Jedes Projekt, das gegen Linksextremismus angemeldet wird, muss dagegen nur zehn Prozent Eigenmittel aufbringen. So kann man Engagement im Keim ersticken. Nun kann man abwarten, bis die Projekte gegen Rechtsextremismus nicht mehr abgerufen werden, weil die Träger die Gegenfinanzierung nicht mehr stemmen können. Die Projekte gegen Linksextremismus hingegen werden alle abgefordert. Dann kann man sich ausrechnen, wie lange es noch Projektmittel geben wird, um Initiativen wie die unsere für Toleranz und gegen Gewalt und Rechtsextremismus zu finanzieren.

tagesschau.de: Warum tut die Bundesregierung das?

Heye: Ich fürchte, das sind ideologische Positionen. Ideologie und Wirklichkeit passen nicht immer zueinander - und dann wird die Wirklichkeit an die Ideologie angepasst - so auch hier. Es wird versucht, den Linksextremismus neu zu entdecken. Brennende Autos in Berlin sind eine Herausforderung für die Polizei, aber sicher nicht geeignet, als Beleg für eine gewachsene Gefahr von Links herzuhalten. Die Bundesregierung behauptet, Rechts-, Links- und islamistischer Extremismus sei alles eine Soße. Das ist Unsinn.

tagesschau.de: 20 Jahre nach Hoyerswerda - was muss getan werden, damit so etwas nicht wieder geschehen kann?

Heye: Wir müssen hinsehen, was in den ländlichen Räumen passiert. Die NPD will sich dort festkrallen, sie hat dort oft fast keine Gegenöffentlichkeit. Viele Bundesländer sind bei dieser Auseinandersetzung materiell überfordert, aber wir müssen diese Regionen demokratisch und kulturell zurückzuerobern. Das muss auch über Bundesmittel finanziert werden, das kann man nicht Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern überlassen. Wir brauchen einen nationalen Plan, der alle mit einbezieht, Kulturschaffende, Parteien, Wirtschaft. Dann haben wir eine gute Chance, dieses Land vom Rechtsextremismus zu befreien. Und: Wenn die Unterfinanzierung in der Bildung behoben würde, wäre ein riesiger Schritt getan.

tagesschau.de: Bildung ist für Sie also der Schlüssel zum Erfolg?

Heye: Wir brauchen eine Freiheit zur Bildung, die wir zurzeit nicht haben, weil eine soziale Selektion stattfindet. Bildung ist nicht alles, aber ohne Bildung ist alles nichts. Alle Bemühungen und Initiativen gegen Rechtsextremismus sind nichts wert, wenn wir an dieser Stelle nicht eine Chancengleichheit erreichen und Menschen so in die Lage versetzen, Zusammenhänge zu erkennen - und nicht aus Unwissenheit in die falsche Richtung zu marschieren.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

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