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Agenturen arbeiten für Hilfsorganisationen Wenn Models auf Spendenjagd gehen

Stand: 17.12.2015 20:18 Uhr

Es ist ein Kampf um jede Unterschrift: Junge, wortgewandte Menschen werben in den Fußgängerzonen um Spender für Hilfsorganisationen wie WWF, Amnesty International oder Ärzte der Welt. Das ist oft bezahlte Auftragsarbeit.

Von Anna Herbst, WDR

"Hallo, ich brauche einmal kurz Ihre Hilfe!": Die junge Studentin mit einem Logo von Ärzte der Welt e.V. auf dem Rücken schenkt der Fußgängerin ein charmantes Lächeln. Die Passantin zögert kurz und bleibt stehen. "Kennen Sie die Ärzte der Welt?" fragt die zierliche Studentin und ihr blonder Pferdeschwanz schwingt über ihre weiß-blaue Regenjacke. Die 21-Jährige ist Spendensammlerin. Zusammen mit ihrem 18-jährigen Kollegen steht sie vor einem Pavillon der Hilfsorganisation Ärzte der Welt, heute in der Fußgängerzone in Siegburg.

Fast eine halbe Stunde lang spricht die Spendensammlerin mit der Passantin über Nahrung für unterernährte Kinder und die Arbeit von Ärzte der Welt. Schließlich willigt Angelika Meyering ein und unterschreibt einen Vertrag. Ab jetzt wird sie monatlich 15 Euro an Ärzte der Welt spenden.

Models auf Spendenjagd für Amnesty und Co.
ARD-Mittagsmagazin, 17.12.2015, Anna Herbst, WDR

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Dass ihre Gesprächspartnerin selbst gar kein Mitglied der Hilfsorganisation ist, sondern für eine Promotion-Agentur arbeitet, ist Angelika Meyering dabei nicht klar. Die Agentur heißt Pepperminds und wurde von Ärzte der Welt beauftragt und bezahlt, um neue Spender zu gewinnen.

"Ob sie jetzt hier ehrenamtlich ist oder bezahlt wird, das hat sie nicht gesagt", sagt Angelika Meyering, nachdem sie unterschrieben hat. Und auch Maurice Gerhards, ebenfalls ein neugeworbener Spender, ist davon ausgegangen, dass "die das aus freiwilligen Stücken macht und nicht noch etwas dafür verlangt".

Nur Vorteile für die Auftraggeber

Die Spendensammler selbst wollen in Siegburg nicht auf unsere Fragen antworten. Und auch die Agentur Pepperminds äußert sich nicht und verweist auf ihren Auftraggeber Ärzte der Welt. Dort sieht der Leiter des Fundraising nur Vorteile in der Zusammenarbeit mit einer Agentur: "Wir könnten diese Art von Spenderwerbung von unserer Personalstruktur her gar nicht selbst leisten. Dafür gibt es diese professionellen Agenturen, die wir dann auch gerne in Anspruch nehmen", sagt Bernward Scholtyseck.

Dass Hilfsorganisationen Agenturen mit der Akquise von Spendern beauftragen, ist ein gängiges Modell. Auf den Webseiten von Agenturen wie Talk2move oder Dialog Direct stehen fast alle großen Hilfsorganisationen auf der Kundenliste. Auch SOS-Kinderdörfer, World Vision oder das Rote Kreuz sind mit dabei. Die Agentur Pepperminds wirbt neben Ärzte der Welt auch für Terre des Hommes und die Welthungerhilfe Spender an.

Werbung funktioniert nach eigenen Gesetzen

Burkhart Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) weiß, dass viele Hilfsorganisationen Agenturen für die Werbung in den Fußgängerzonen bezahlen. Und auch, dass es manche Fundraising-Agenturen mit der Transparenz nicht ganz so genau nehmen. "Seriöse Organisationen haben natürlich ein Interesse, ihren Ruf nicht zu verlieren. Doch die Werbetechnik funktioniert mit eigenen Gesetzmäßigkeiten. Da können auch seriöse Organisationen in Versuchung kommen, die Wahrhaftigkeit etwas nach hinten zu stellen", sagt Wilke. Sprich: Dass eigentlich bezahlte professionelle Fundraiser Spenden eintreiben.

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Professionelle Spendensammlerin bei der Arbeit.

Das DZI vergibt ein Spendensiegel an Hilfsorganisationen, die verantwortungsvoll mit ihren Spenden umgehen, und überprüft dabei auch die Arbeit der beauftragten Fundraising-Agenturen. Nur dann bekommen sie ein Siegel. "Seriöse Organisationen sollten sehr ehrlich werben, sehr nachhaltig und im Zweifel eher auf einen Spender verzichten", sagt Wilke.

Wie steht es mit der Transparenz?

Bei Ärzte der Welt zweifelt man nicht daran, dass das bei Pepperminds der Fall ist. "Die Agentur hat sich selbst Qualitätsstandards gegeben und die überprüfen wir auch", sagt Bernward Scholtyseck. Zum Beispiel würden die Spendensammler Ausweise mit dem Namen der Agentur tragen und jederzeit Auskunft geben, für wen sie arbeiten. "Es ist also so, dass absolute Transparenz gegeben ist", so Scholtyseck.

In der Siegburger Fußgängerzone fragt aber keiner der Passanten nach einem Ausweis oder ob die Spendensammler bezahlt werden. Sie haben in einer Stunde drei neue Spender geworben. Unter ihnen auch Angelika Meyering und Maurice Gerhards. Auch wenn die beiden erst durch unsere Nachfragen von den professionellen Fundraising-Methoden erfahren haben, bereuen sie ihre Unterschrift nicht. Wichtig sei nur, dass "die Spende auch da ankommt, wofür ich sie hergebe", sagt Angelika Meyering.

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