Drogenabhängige am Hamburger Hauptbahnhof
Mittendrin

Steigender Drogenkonsum Hat Deutschland ein Crack-Problem?

Stand: 03.10.2023 09:29 Uhr

Offener Drogenkonsum gehört in vielen Städten inzwischen zum Straßenbild. So auch am Hamburger Hauptbahnhof. Eine immer größere Rolle spielt die Droge Crack. Woran liegt das?

Yilmaz F. ist 50 Jahre alt, obdachlos und schwer drogensüchtig. Angefangen hat seine Abhängigkeit in der Jugendzeit, als er mit Freunden aus Neugier Heroin geraucht hat. Aus Spaß wurde schnell bitterer Ernst: Binnen weniger Tage war Yilmaz abhängig. Und das ist er bis heute.

Zwar hat er seinen Heroin-Konsum Dank ärztlicher Hilfe weitgehend im Griff, aber gegen seine andere Abhängigkeit, die im Laufe der Jahre dazugekommen ist, gibt es kein Medikament: Yilmaz raucht Crack, also gestrecktes Kokain. Dafür gibt er inzwischen fast sein ganzes Geld aus, wie viele seiner Leidensgenossen. Sie versammeln sich am Hamburger Hauptbahnhof - manchmal sind es Hunderte.

Sichtbar kranke Menschen mit offenen Wunden, ihr Hab und Gut in Plastiktüten, die Crack-Pfeife im Mund. Yilmaz hält sich hier nicht lange auf. "Zu gefährlich", sagt er. "Es ist nicht mehr wie früher. Inzwischen stechen sich die Leute ab - für ein Feuerzeug oder zwei Euro", sagt er. Weil die Lebensumstände der Abhängigen prekärer werden, nehmen auch die Eskalationen zu. Das bestätigen auch lokale Hilfseinrichtungen.

Yilmaz F.

Yilmaz F. ist seit Jahren drogenabhängig.

Warum wird Konsum in der Öffentlichkeit geduldet?

Andere Großstädte, etwa Frankfurt, Dortmund und Hannover, haben ähnliche Probleme. Nach Angaben des Bundesdrogenbeauftragten, Burkhard Blienert, ist der Crackkonsum in acht Bundesländern teilweise massiv angestiegen. Die Gründe seien vielfältig: Corona habe die Situation deutlich verschlechtert, ebenso die Inflation mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten. Mehr Menschen haben psychische und finanzielle Probleme, landen auf der Straße, greifen zu minderwertigen, billigen Drogen, die ein höheres gesundheitliches Risiko bedeuten.

Die Suchtkranken aus der Innenstadt zu vertreiben, ist laut Sozialarbeitern nicht der richtige Weg. "Wenn man die Menschen sieht, in welcher körperlichen Verfassung sie sind, dann weiß man auch, dass sie keine weiten Wege gehen werden. Und dann geht es darum, sie dort zu erreichen, wo sie sich aufhalten", erklärt Christine Tügel, Vorsitzende des Hamburger "Drob Inn", einem Beratungszentrum direkt am Hauptbahnhof. Sie meint: Es sei auch wichtig, das Elend sichtbar zu machen - denn das Problem sei nicht wegzudiskutieren und sollte deshalb auch erkennbar sein. Nur so könne Veränderung angeschoben werden.

Mittendrin bei Cracksüchtigen in Hamburg: Ein Abhängiger erzählt seine Geschichte

Angela Fussy, NDR, tagesthemen, 02.10.2023 23:15 Uhr

Suchtkranke gelten laut WHO als "seelisch behindert"

Die Abhängigkeit von Crack, Heroin und anderen Drogen ist kein selbstgewähltes Schicksal. Die meisten Betroffenen sind schwer traumatisiert, zeitlebens psychisch krank oder befinden sich nach zunächst sporadischem Freizeitkonsum in einer Abwärtsspirale, die sie meist aus eigenem Antrieb nicht mehr verlassen können.

Hilfseinrichtungen sorgen dafür, dass die Suchtkranken ihren Konsum möglichst unbeschadet überleben, indem sie ihnen sauberes Besteck, Hygieneartikel, medizinische Kontrollen und psychosoziale Beratung bieten. Die Maßnahmen sind in der Regel niedrigschwellig und richten sich auch an Menschen, die nicht versichert sind. Ziel ist es, die Abhängigen an einem zentralen Ort zu versorgen, damit sich das Problem nicht unkontrolliert durch das gesamte Stadtbild zieht.

Ursachen bekämpfen

"Natürlich können das Touristen und Anwohner als störend empfinden. Das löst ganz unterschiedliche Gefühle aus - von Angst, Ekel bis hin zu Mitleid. Aber unsere Erfahrung ist, dass die Suchtkranken für gewöhnlich unter sich bleiben und so auch Konflikte miteinander austragen, ohne Passanten zu involvieren", so Christine Tügel.

Dennoch kam es zuletzt zu mehr Gewaltdelikten in der Gegend um den Hamburger Hauptbahnhof. Die Zahl der Diebstähle und auch der Körperverletzungen sei im Verlauf des Jahres signifikant gestiegen, so die Bundespolizei. Allerdings gibt es keine Daten darüber, inwiefern diese Erkenntnisse kausal mit der Ausbreitung des offenen Drogenkonsums zusammenhängen.

Prävention sei derzeit das Allerwichtigste, so Tügel. Ziel müsse es sein, psychischen Erkrankungen schon im Kindesalter stärker vorzubeugen und die Lebenssituation armer Bevölkerungsteile so weit zu verbessern, dass weniger Menschen drogenabhängig werden und in die Obdachlosigkeit rutschen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Oktober 2023 um 23:15 Uhr.