Das Atomkraftwerk Tihange  | Bildquelle: dpa

Angst vor Radioaktivität Die Strahlung sichtbar machen

Stand: 13.12.2016 16:26 Uhr

Aus Angst vor einem GAU des belgischen Pannenreaktors Tihange messen Bürger im deutsch-belgischen Grenzgebiet Radioaktivität selbst - unterstützt von Ärzten und Technikern. Auf die Behörden vertrauen sie nicht mehr.

Von Verena Bünten, WDR

Es ist eine kleine unscheinbare Box, die Benoit Dupret auf seinem Privatgelände bei Lüttich aufgestellt hat, kaum größer als ein Nistkasten. Der Belgier Dupret wohnt 20 Kilometer Luftlinie entfernt vom umstrittenen Pannenreaktor Tihange - und die Box hat es in sich: Sie misst Gammastrahlen und damit Radioaktivität in der Luft.

Anders als viele seiner Nachbarn will sich Dupret nicht auf die belgischen Behörden verlassen: "Ich bin sehr besorgt, einfach auch, weil es von offizieller Seite keine Informationen gibt. Es werden nicht mal Jodtabletten an die umliegenden Schulen verteilt. Stattdessen wird einfach so getan, als gäbe es das Problem mit dem Kernkraftwerk nicht."

Bündnis aus Atomkraftgegnern, Technikern und Ärzten

Dupret ist Teil eines heute freigeschalteten Netzwerks, bei dem Bürger selbst Radioaktivität im Grenzgebiet messen. Initiiert wurde das von einem Aktionsbündnis aus Aachener Atomkraftgegnern, Technikern und Ärzten. Sie sehen gerade durch die Grenzlage Schwächen im bestehenden europäischen Messsystem: "Das Netz der bestehenden Messstationen ist hier in der Region nicht dicht genug“, so Walter Schuhmacher vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie.

"Das größte Problem ist aber, dass die Daten nur mit einer Verzögerung von vier bis sechs Stunden veröffentlicht werden, die radioaktive Wolke aber im schlimmsten Fall schon in vier Stunden Aachen erreicht."

Messwerte werden im Internet veröffentlicht

Schnellere und ungefilterte Informationen liefern - dafür entwickelten Informatiker der RWTH Aachen und der Kernforschungsanlage Jülich ehrenamtlich einen Prototypen und bauen jetzt die kleinen Messboxen. Zehn der Sensorstationen waren in den vergangenen Wochen im Testbetrieb, ab heute liefern sie offiziell Daten: Messwerte, die der Öffentlichkeit auf einer eigenen Internetseite zur Verfügung gestellt werden.

"Wir werden keine Warnmeldungen an die Bevölkerung rausgeben, das können wir nicht verantworten", sagt Dietrich Meyer-Ebrecht vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung. "Aber wir machen die Strahlung sichtbar und geben den Menschen die Möglichkeit, sich selbst zu informieren."

Katastrophenschutz ist an Zusammenarbeit interessiert

Der Aachener Katastrophenschutz hat laut Aktionsbündnis bereits Interesse an den Messwerten geäußert und eine eigene Notfall-Telefonverbindung zu den Netzwerkbetreibern in Aussicht gestellt.

Im Blick haben die am Messnetzwerk beteiligten Ärzte vor allem die Versorgung mit Jodtabletten. Diese müssten drei bis sechs Stunden vor Eintreffen der radioaktiven Wolke eingenommen werden, so Wilfried Duisberg vom Aktionsbündnis Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges.

Durch die schnelleren Informationen des privaten Netzwerks habe man bessere Chancen, sich im Ernstfall zu wappnen. Ein ausreichender Vorrat an Jodtabletten wurde von den Aachener Behörden bereits zentral angelegt, allerdings noch nicht verteilt.

Initiative in Aachen zur Messung von Radioaktivität gegründet
tagesschau 12:00 Uhr, 13.12.2016, Verena Bünten, WDR

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Mit Spannung warten die Atomkraftgegner jetzt auf Reaktionen der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC oder des AKW-Betreibers Electrabel. Und sie suchen Freiwillige zum Aufstellen weiterer Boxen und Spender. Denn je mehr Messstationen aufgestellt werden, desto verlässlicher sind die Werte. Auf belgischem Boden sollen rund um das AKW Tihange und künftig auch rund um den ähnlich umstrittenen Reaktor Doel weitere Sensorstationen aufgebaut werden.

Viele Unterstützer wollen anonym bleiben

Benoit Dupret ist einer der wenigen, die sich bislang offen zur Messbox an der eigenen Hauswand bekennen: "Gerade in der Nähe von Tihange wollen die anderen Unterstützer lieber anonym bleiben. Dort arbeiten viele Menschen im Atomkraftwerk. Wenn man sich offen dagegen ausspricht, kann es auch mal zu Gewalt kommen." Die genauen Standorte der Messboxen hält das Aktionsbündnis deshalb geheim.

Über dieses Thema berichtet das Nachtmagazin am 13. Dezember 2016 um 0 Uhr.

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