Angela Merkel (Foto: dpa)

CDU-Spitzenkandidatur Merkel - die Alternativlose

Stand: 18.11.2016 13:59 Uhr

Der vielbeschworene "geeignete Zeitpunkt" scheint gekommen: Im Rahmen einer Parteiklausur dürfte Angela Merkel am Sonntag ihre vierte Kanzlerkandidatur bekannt geben. Damit bewahrt sie die CDU vor dem Chaos, denn einen Plan B gab es nicht.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Zuletzt bekannte sich sogar der mächtigste Mann der Welt als Merkel-Fan. Wenn er könnte, würde er sie wohl wählen, sagte US-Präsident Barack Obama über die Bundeskanzlerin, als die beiden jüngst gemeinsam vor die Presse traten. Das amerikanische Staatsoberhaupt ist damit der prominenteste Unterstützer einer vierten Kanzlerkandidatur für Angela Merkel - doch bei weitem nicht der einzige.

In den vergangenen Wochen und Monaten hatten ihre Unterstützer immer wieder eine weitere Amtszeit für die Bundeskanzlerin gefordert. Die Führungsriege der CDU sprach sich bereits im Sommer für Merkel aus, mehrere Landesverbände nominierten sie bereits offiziell als Kandidatin. Vor wenigen Wochen schwenkte, nach langem Streit, auch die Schwesterpartei CSU offiziell in den Chor der Unterstützer ein.

Kretschmann für Merkel

Und sogar von der nominellen Opposition gibt es ermutigende Signale. Er fände es sehr gut, wenn Merkel noch einmal anträte, verkündete der Grüne Winfried Kretschmann kürzlich in einer Talkshow. Einer Parteifreundin fiel angesichts von so viel Unterstützung sogar der Duschkopf aus der Hand.

Doch trotz der zahlreichen Rufe verweigerte Merkel bislang ein öffentliches Bekenntnis zu einer weiteren Kandidatur. Sie werde sich zum "gegebenen Zeitpunkt" äußern, versprach sie vor einigen Monaten - eine Formulierung, die ihre Sprecher seitdem gebetsmühlenhaft wiederholen.

CDU hat keinen Plan B

Dieser Zeitpunkt scheint nun gekommen zu sein. Am Wochenende tagt der CDU-Bundesvorstand in Berlin. Am Sonntag will Merkel vor die Presse treten. Die Erwartung ist, dass sie dann auch offiziell verkündet, was sowieso die ganze Republik erwartet: Dass sie nämlich die CDU 2017 das vierte Mal als Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf führen wird. Anfang Dezember könnte ihre Partei sie auf dem Bundesparteitag in Essen auch formell nominieren.

In der Union gibt es an diesem Vorgehen bereits seit längerem keinen Zweifel. Einen Plan B gibt es nicht. Sollte Merkel überraschend ihren Verzicht bekannt geben, würde es ihre Partei ins Chaos stürzen. Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger ist nicht aufgebaut. Auch die Riege der Ministerpräsidenten mit CDU-Parteibuch ist sehr klein. Kurz: Merkel ist als Kanzlerkandidatin für die Union schlicht alternativlos.

Bayerns Ministerpräsident Seehofer und Kanzlerin Merkel auf dem CSU-Parteitag im November 2015. | Bildquelle: dpa
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Ganz beigelegt ist der Streit mit der CSU noch nicht. Trotzdem unterstützt die bayerische Schwesterpartei Merkels erneute Kandidatur.

Die ewige Kanzlerin

Das haben sie auch in der CSU gemerkt. Zwar ist der Streit über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin noch nicht vergessen, doch seit Wochen nähern sich die Parteien wieder an. Münchner Gedankenspiele, einen Keil zwischen Merkel und die CDU zu treiben, wurden bereits im vergangenen Herbst aufgegeben, nachdem die Christdemokraten sich auf dem Karlsruher Parteitag mit übergroßer Mehrheit hinter den Kurs der Kanzlerin stellten. Anfang des kommenden Jahres soll es auch formell zur Versöhnung zwischen den Schwesterparteien kommen.

Sollte Merkel die Bundestagswahl im kommenden Jahr gewinnen und weitere vier Jahre im Amt bleiben, würde sie nach Dienstjahren mit Helmut Kohl gleichziehen. Merkel als "ewige Kanzlerin", das war noch vor wenigen Jahren kaum abzusehen. Anfang dieser Legislaturperiode gab es Spekulationen, ob die Kanzlerin überhaupt die vollen vier Jahre im Amt bleiben würde. Es sei ihr daran gelegen, ihren Abschied aus der Politik selbst zu bestimmen, hieß es damals.

Krisen halten sie im Amt

Doch die Krisen der vergangenen Jahre machten diesem Plan, so es ihn denn gab, einen Strich durch die Rechnung. Internationale Großbaustellen wie die Griechenland-Krise, der Ukraine-Konflikt und zuletzt die hohen Flüchtlingszahlen im Zuge des Syrien-Kriegs spannten die Kanzlerin voll ein. Sie ist eine der dienstältesten Regierungschefinnen der westlichen Welt. Ihre Erfahrung wird international geschätzt. Auch die Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten erhöht den Druck auf Merkel, noch einmal anzutreten. Die "New York Times" erklärte die Kanzlerin jüngst zur "letzten Verteidigerin des freien Westens".

Sicher ist ihr Wahlsieg im kommenden Jahr dennoch nicht. Zwar liegt die Union in Umfragen nach wie vor deutlich vor allen anderen Parteien, doch Merkels Zustimmungswerte haben im Zuge ihrer Flüchtlingspolitik gelitten. Trotzdem: Stand heute hat sie gute Chancen, das Kanzleramt zu verteidigen - auch ohne Obamas Stimme.

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Vom "Mädchen" zur mächtigsten Frau der Welt: Die Karriere der Angela Merkel

Merkel, de Maiziere, Genscher

Angela Merkel mit Lothar de Maizière (Mitte), Ministerpräsident und Außenminister der letzten DDR-Regierung, und dem Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (rechts) im August 1990. Merkel, die 1989 dem Demokratischen Aufbruch beitrat, war stellvertretende Sprecherin der Regierung de Maizière.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. November 2016 um 17:00 Uhr.

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