Straße in Marxloh

Bürgerdialog in Duisburg Merkel besucht Marxloh

Stand: 25.08.2015 14:12 Uhr

Duisburgs "Problemviertel" heißt Marxloh: Viele Migranten auf engem Raum, Integration gescheitert, Warnung vor "No-Go-Areas". Nun besucht Kanzlerin Merkel den Stadtteil - im Rahmen des Bürgerdialogs "Gut leben in Deutschland". Ob sie helfen kann, damit dies in Marxloh gelingt, wird bezweifelt.

Von Demian von Osten, WDR

Duisburg-Marxloh gilt als Inbegriff verfehlter Kommunalpolitik. Einst ein florierendes und beliebtes Geschäftsviertel ist es heute in Teilen ein Hort von Kriminalität und gescheiterter Integration. Polizei-Gewerkschaften warnen vor rechtsfreien Räumen und wünschen sich mehr Unterstützung aus der Politik. Doch im Stadtviertel haben viele Zweifel, dass der Besuch von Angela Merkel etwas an den Problemen ändert.

Bundeskanzlerin Merkel besucht Problemviertel Marxloh
tagesschau 16:00 Uhr, 25.08.2015, Demian von Osten, WDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Brautmode - soweit das Auge reicht

Wer die Weseler Straße in Duisburg-Marxloh entlangschlendert, kommt an einer endlosen Reihe von Schaufenstern mit ausladenden Brautkleidern und stilechten Anzügen vorbei. Auf den Aufklebern am Schaufenster ist türkisch als Sprache immer dabei. Dazwischen Dönerläden und ein türkischer Supermarkt.

Klar ist: Das Business hier ist in weiten Teilen in der Hand türkisch-stämmiger Geschäftsleute. Und das seit Jahrzehnten. Kunden kommen wegen der Brautmode angeblich aus ganz Deutschland nach Marxloh. Dabei ist das Viertel Duisburgs schlagzeilenträchtigster sozialer Brennpunkt.

Brautmoden in Marxloh
galerie

Wegen der Brautmoden sollen Kunden aus ganz Deutschland nach Marxloh kommen.

Polizeieinsatz in Marxloh
galerie

Polizeieinsatz in Marxloh: "Es schlägt einem purer Hass entgegen", berichtet ein Beamter.

Polizei-Gewerkschaft warnt vor "No-Go-Areas"

"Die Situation wird immer dramatischer, immer schlechter", berichtet ein erfahrener Duisburger Polizist, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Jahrelang ist er durch Marxloh Streife gefahren und hat ständig brenzlige Situationen erlebt. "Es ist teilweise so, dass wir noch nicht mal einfache Einsätze wahrnehmen können, ohne von Unbeteiligten attackiert zu werden."

Unter den Polizisten macht sich immer stärker Verunsicherung breit. Die Polizei-Gewerkschaften warnen vor "No-Go-Areas", rechtsfreien Räumen, unter anderem hier in Marxloh. "Es schlägt einem purer Hass entgegen", erzählt der erfahrene Duisburger Polizeibeamte.

Ein Porträt von Duisburg-Marxloh
ARD-Morgenmagazin, 25.08.2015, Demian von Osten, WDR Köln

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Viele Migranten auf engstem Raum

Marxlohs Probleme sind Folgen eines hohen Migrantenanteils auf engstem Raum. 64 Prozent haben ausländische Wurzeln. Libanesische Familienclans bekriegen sich und verletzen Polizisten - mindestens drei Mal in den vergangenen Monaten. Rocker-Gangs wie die Hells Angels versuchen, ihr Revier zu verteidigen. Es ist dieses Umfeld, in dem unterschiedliche Kulturen ein neues Leben aufbauen wollen.

"Die türkischen Familien wohnen seit Jahrzehnten hier, die Anzahl von Bulgaren und Rumänen ist gewachsen und es gibt libanesische Großfamilien und Rockergangs", erklärt Monika Al-Daghistani von der AWO-Integration, die eine Beratungsstelle für Migranten in Marxloh betreibt. "Diese Menschen haben zwangsweise nicht alle die gleiche Lebenswelt und das ist eine Herausforderung für den Stadtteil", ergänzt ihre Kollegin.

Schlechte Wohnungen und Bürokratie zum Scheitern

Monika Al-Daghistani von der AWO-Integration
galerie

Viele Familien leben in schlechten Wohnungen, sagt Monika Al-Daghistani von der AWO-Integration.

Eine Herausforderung - so harmlos formulieren es viele Anwohner nicht. Ein paar Blöcke von der lebhaften Brautmodenmeile Weseler Straße entfernt liegt die Henriettenstraße. Hier gibt es keine Geschäfte, sondern Mehrfamilienhäuser - überwiegend von bulgarischen Familien bewohnt, erzählt Al-Daghistani. Sie hat selbst bulgarische Wurzeln und ist eine Art Sozialarbeiterin hier.

"Die Wohnungen sind in schlechtem Zustand und die Familien haben viele Kinder. Besonders wenn das Wetter gut ist, sind die meistens draußen."

Zum Leidwesen anderer Anwohner. Stephan Trogisch lebt schon lange hier, hat eigentlich nichts gegen Ausländer, sagt er. Früher habe er sich in einem Integrationsprojekt engagiert, aber der Zustand in seiner Straße sei untragbar.

"Kinder klettern über die Autos, die Eltern stehen daneben, ob das jetzt ihr eigenes Auto ist oder nicht, ist völlig egal. Dann gibt es Lärm bis frühmorgens, so dass man nicht schlafen kann. Grillaktionen mit offenem Feuer in den Wohnungen, weil sie keinen Strom haben in der Wohnung."

Außerdem: Müllberge im Hinterhof. Integrationshelferin Al-Daghistani schaut betroffen. "Sie haben ja recht, sauber ist es hier nicht. Aber denken Sie daran: Die Wohnungen sind in schlechtem Zustand."

Doch Trogisch macht gar nicht nur die Migranten selber verantwortlich. Vielmehr würden sie mit vielem an der deutschen Bürokratie scheitern:

"Wenn Sie als Neuzuwanderer zum Amt gehen und einen Antrag stellen, müssen Sie sich einen Termin geben lassen, um einen Termin zu kriegen, um den Antrag zu holen. Und dann wird das über zwei bis drei Monate bearbeitet."

Tatsächlich bestätigen viele im Stadtviertel: Anträge bei den Ämtern würden viel zu lange brauchen.

Ein Projekt vor fast unüberwindbare Hürden

Christine Bleks
galerie

Kämpft bei ihrem Projekt gegen die Mühlen der Bürokratie an: Christine Bleks

Davon kann auch Christine Bleks ein Lied singen. Sie hat ein Nachhilfeprojekt organisiert: Junge Leute im Studentenalter ziehen kostenlos nach Marxloh und geben im Austausch Kindern Nachhilfe. Dafür gibt es grundsätzlich staatliches Geld, doch die Anträge müssen Eltern in jedem Schuljahr neu stellen. Die Bearbeitung der Anträge dauert dann oft so lange, dass Bleks gar nicht mehr alle genehmigten Nachhilfestunden geben kann. Fast unüberwindbare bürokratische Hürden. "Die Politiker sollten sich mit den Menschen zusammensetzen, die tatsächlich hier täglich vor Ort die Arbeit machen", fordert sie. "Das wäre ein Gewinn."

Christine Bleks ist auch unter den 60 ausgewählten Bürgern, die mit Angela Merkel zusammentreffen. Sie ist aber skeptisch, ob der Besuch der Bundeskanzlerin etwas in Marxloh ändert. "Nur hinkommen, eine PR-Veranstaltung machen und gucken - damit ist noch keinem geholfen."

Juliane Fliegenschmidt, WDR, zum Bürgerdialog
tagesschau24 09:30 Uhr, 25.08.2015

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Korrespondent

Demian von Osten Logo WDR

Demian von Osten, WDR

Darstellung: