Kleine Kulturgeschichte des "ß" Nie groß, sehr scharf und typisch deutsch

Stand: 25.08.2007 08:53 Uhr

Das ß ist ein letzter Mohikaner. Es existiert nur in der deutschen Schriftsprache und selbst hier wird es verfolgt. Seit der Rechtschreibreform sollen wir es noch seltener benutzen als zuvor. Trotzdem lebt das Kuriosum weiter und erlebt in einem unerwarteten Zusammenhang eine Renaissance.

Von Johannes Büchs für tagesschau.de

Regeln zum Einsatz des ß in einem Wörterbuch
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Wie so oft: Ein Blick ins Wörterbuch hilft

Typisch deutsch. Das scharfe S, auch Eszett genannt ist eine Eigenart der deutschen Schriftsprache. Niemand sonst benutzt es und sogar deutschsprachige Schweizer verzichten seit den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts auf den sonderbaren Buchstaben. Vereinfacht dargestellt, beginnt die Geschichte des ß vor mehr als tausend Jahren. Damals rollte die sogenannte zweite germanische Lautverschiebung durch das heutige Deutschland. Die Menschen veränderten über Jahrhunderte ihre Aussprache. So fingen sie unter anderem an, anstelle des T an bestimmten Stellen ein S zu sprechen. Diese Entwicklung gab es in anderen germanischen Sprachen nicht. So sagen zum Beispiel die Engländer „that“, während es im Deutschen „dass“ heißt.

Eszett

Aus S und Z wird Eszett
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Aus S und Z wird Eszett

Ab dem 14. Jahrhundert setzte sich langsam die Schreibweise „sz“ für den Laut durch. Diese Verbindung erklärt auch den zweiten Namen „Eszett“ und das Zeichen „ß“, weil es bildlich in der alten Frakturschrift der Zusammensetzung des langen S und Z ähnelt.

Einheitliche Regeln

Einheitlich wurde aber auch die Schreibung „sz“ nicht benutzt. Und auch sprachlich verschwamm der Unterschied zwischen dem neuen Laut und dem alten S. So sprechen wir heute das S in „Haus“ in gleicher Weise wie das ß in „weiß“. Weil die Schriftsprache nicht einheitlich war, schrieb jeder Autor so, wie er es für richtig hielt. Erst mit der Reform der deutschen Rechtschreibung 1901 setzten sich feste Schreibweisen für einzelne Wörter durch. Es existiert aber bis heute trotz der neuen Rechtschreibreform keine durchgängige Regel, wann wir ein ß schreiben und wann ein doppeltes S. Zur Orientierung kann man sich aber merken, dass zumeist ein ß nach einem langgesprochenen Vokal steht (Beispiel: Straße). Ein doppeltes S dagegen nach einem kurzgesprochenen (Beispiel: Masse). Zwei S stehen auch am Schluss und vor einem T (Beispiele: Kuss, musst).

Immer klein

Noch eine Besonderheit: Das ß existiert nur als Kleinbuchstabe. Wenn ein Wort einmal nur in Großbuchstaben geschrieben wird, ersetzt man das ß meist durch ein doppeltes S. Das kann bei Wörtern wie Buße oder Maße zu Verwirrungen führen. Auch deshalb diskutieren einige Schriftsetzer, Sprachliebhaber und Experten seit langem Vorschläge, einen Großbuchstabe des ß zu kreieren und offiziell einzuführen.

Großbuchstabenentwurf für die Schrift Times New Roman von Ralf Herrmann (www.typografie.info)
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Großbuchstabenentwurf für die Schrift Times New Roman von Ralf Herrmann (www.typografie.info)

Renaissance

Mittlerweile findet das scharfe ß nicht nur Beachtung bei Experten, sondern vermehrt bei ganz normalen Menschen und erlebt eine kleine Renaissance. Aber nicht in Deutschland oder Österreich, sondern in der Schweiz. Nicht weil die Schweizer aus Tradition das ß wieder lieb gewinnen, sondern weil es beim SMS-Schreiben hilft, Buchstaben zu sparen. Vor allem junge Schweizer benutzen das ß. Allerdings kennen sie oft die Regeln der deutschen Rechtschreibung zum ß nicht und ersetzen mit ihm einfach jedes doppelte S. Das passt auch zum Namen des ß in der Schweiz. Dort heißt es nämlich nicht scharfes S oder Esszett, sondern einfach „Doppel-S“.

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