Interview

Interview mit Feridun Zaimoglu "Der Islam ist eine Modewelle"

Stand: 27.08.2007 00:48 Uhr

Als Sprachrohr der "Kanakster", der jungen Türken in Deutschland, ist Feridun Zaimoglu bekannt geworden. In seinen Büchern schreibt er über die schwierige Selbstfindungdieser Generation "jenseits ihrer Herkunft" zwischen türkischer Tradition und deutschem Alltag. Im Interview mit tagesschau.de kritisiert Zaimoglu Politiker und Medien, die das düstere Bild eines "Klischee-Moslems" zeichnen. Und ererklärt, warum der Islam heute so attraktiv ist.

Feridun Zaimoglu
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Feridun Zaimoglu

tagesschau.de: Nach dem Attentat an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, aber auch aufgeschreckt durch das schlechte Abschneiden von Einwandererkindern bei Pisa 2, wird in Deutschland wieder über Integration diskutiert. Gemeint sind meist die muslimischen Mitbürger. Von denen hört man aber sehr wenig in der Debatte. Woran liegt das?

Zaimoglu: Die Diskussion wird so heftig und hysterisch geführt, dass man sich nicht wundern muss, wenn keiner der „Betroffenen“ Lust hat, an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Es wird überhaupt nicht differenziert zwischen areligiösen oder gläubigen Muslimen, orthodoxen, islamistischen oder politisierten. In den Medien wird das Bild eines Klischee-Moslems gezeichnet. Und der ist ein defizitärer Muselmane, eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung, fast schon ein Fahnenträger des Islamismus. Ich bin zum Beispiel von einem Journalisten in die Nähe von Schläfern gerückt worden, als ich in einer Diskussion dafür geworben habe, doch auch einmal Musliminnen, die zum Kopftuch greifen, ins Gespräch einzuladen.

tagesschau.de: Viele Deutsche irritiert es, dass immer mehr türkische Frauen Kopftuch tragen – gerade auch junge Mädchen.

Zaimoglu: Wenn man in einer Demokratie lebt, muss man sich damit anfreunden, dass die Menschen großen Wert auf Individualität legen. Es ist Sache dieser Frauen – so sie nicht dazu gezwungen werden – das Kopftuch anzulegen, wenn sie wollen. Wenn sie diese jungen Neo-Musliminnen fragen, antworten ihnen 95 Prozent, dass sie sich als deutsche Musliminnen begreifen. Aber man fragt sie gar nicht. Stattdessen ist man schnell bereit, von einer Parallelgesellschaft zu sprechen und den Teufel an die Wand zu malen.

"Parallelgesellschaft und multikulti sind Kampfbegriffe"

tagesschau.de: „Parallelgesellschaft“ ist ein Wort, das eine neue Angst ausdrückt: Hilfe, da gibt es in Großstädten Ghettos, in denen ganz andere Werte gelten. Gibt es diese Parallelwelten?

Zaimoglu: Ich begrüße es, dass man sich mit den Parallelgesellschaften, oder besser Parallelgemeinden auseinandersetzt. Ein Metin Kaplan wird von den meisten Türken und Kurden ohnehin als Polit-Clown angesehen. Man hat ihn aufgebauscht – aber man kann auch Angst vor solch einem Idioten haben.

Eins ist klar: Parallelgesellschaft ist genauso wie Multikulturismus ein Kampfbegriff. Wenn man nach praktikablen Lösungen sucht, dann muss man sich von diesen Begriffen lösen. Stattdessen sollte man zur Kenntnis nehmen, dass die meisten fremdstämmigen Muslime sich zu Deutschland bekennen und es als ihr Land ansehen.

tagesschau.de: Die Pisa-Studien haben gezeigt, dass Kinder ausländischer Eltern in der Schule im Durchschnitt sehr viel schlechter abschneiden als deutsche Kinder.

Zaimoglu: Da muss man genauer hinschauen. Nach der ersten Pisa-Studie hieß es ja zunächst: Schon wieder die blöden Türken, die es nicht hinbekommen und deren Kinder auf die Sonderschule abgeschoben werden müssen. Pisa 2 hat gezeigt, dass das Schulsystem versagt. Damit lässt sich natürlich nichts entschuldigen. Immerhin macht die Debatte allen klar, dass die zweite und dritte Generation der Einwanderer richtig deutsch sprechen muss. Deshalb sollten für Migrantenkinder auch Sprachkurse Pflicht sein. Aber wenn sie sich umschauen, werden sie vielleicht feststellen, dass es nicht viele Angebote gibt.

tagesschau.de: Wie erklären sie sich, dass Staat und Eltern so lange darüber hinweg gesehen haben, dass viele Einwandererkinder nicht richtig deutsch lernen?

Zaimoglu: Das ganze Problem stammt ja noch aus der Zeit, als die ersten Türken nach Deutschland kamen. Damals war es doch für beide Seiten ausgemachte Sache, dass die Gastarbeiter nach fünf oder zehn Jahren Arbeit wieder nach Hause zurückkehren. Wozu sollte man also Deutschkurse anbieten? Die Migranten der ersten Generation müssen sich wiederum den Vorwurf gefallen lassen, dass es ihnen viel wichtiger war, so viel Geld zu horten, dass sie sich in der Türkei ein Häuschen bauen konnten, als in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Sie haben in der Erziehung versagt, und ihre Kinder sind verwahrlost.

"Die Grenzen der Toleranz sind erreicht"

tagesschau.de: Herr Zaimoglu, Sie gehören zur zweiten Generation, die schon in Deutschland aufgewachsen ist. Vor zehn Jahren haben sie ihr erstes Buch herausgebracht, „Kanak Sprak“. Darin schreiben sie über die schwierige Selbstfindung türkischstämmiger Jugendlicher in Deutschland. Was macht es so schwierig? Ist das auch ein Problem der anderen Religion?

Zaimoglu: Nein, es liegt nicht an der Religion. Die Gastarbeiter der ersten Generation sind eine eingewanderte Unterschicht. Menschen aus einer ländlichen Umgebung mit archaischen, patriarchischen, bäuerlichen Werten, die den Sprung in die modernen Industriemetropolen gewagt haben. Das ist das Problem. Und es ist nicht diskriminierend, heute zu sagen: Die Grenzen der Toleranz sind erreicht.

tagesschau.de: Welche Grenzen der Toleranz meinen Sie?

Zaimoglu: Man muss heute nicht mehr mit Eltern darüber diskutieren, ob ihre Tochter mit auf Klassenfahrt darf oder nicht. Auch wenn die Eltern religiöse Gründe für ihre ablehnende Haltung angeben – es sind Traditionen. Die Migranten der ersten Generation leben noch immer in der konservierten Welt der 60er Jahre, als sie ihre Heimat verlassen haben. In der Türkei dagegen ist das Leben weitergegangen. Deshalb schütteln viele Besucher aus dem türkischen Festland auch den Kopf, wenn sie in Deutschland sind. Sie sind fassungslos darüber, dass die Leute hier in einer solchen Ethno-Blase leben können, wie in einem Museum. Solch ein Leben gibt es in der Türkei nicht mehr.

tagesschau.de: Eines ihrer Bücher, „Abschaum“, wurde unter dem Titel „Kanak Attak“ verfilmt. Und sie haben noch einen anderen Begriff geprägt: den „Kanakster“. Was ist das? Eine Pose, ein Lebensstil, eine Verlegenheitslösung? Ein Weg der zweiten Generation?

Zaimoglu: Kanakster waren Menschen aus vielen türkischen Szenen. Es war eine neue Art, sich im Alltag zu behaupten - weder deutsch noch türkisch. Uns ging es darum, eine Plattform zu schaffen für all jene, die neue Ausdrucksmöglichkeiten suchten, fernab der Klischees. Kanakster war der Wildwuchs, der neue Jargon der wilden Ethno-Biester. Menschen, die sich erfrecht haben, Regeln zu durchbrechen, die es mit den Regeln der Kunst und der Kultur versucht haben. Aber das war vor sieben oder acht Jahren. Das ist vorbei. Heute übt der Islam eine viel stärkere Faszination auf die türkisch- und kurdischstämmigen jungen Leute aus.

Islam als "Hit der Saison"

tagesschau.de: Warum ist der Islam heute so attraktiv?

Zaimoglu: Im Augenblick sieht man den Islam ja als eine wuchtige Religion an. Ich kenne einige junge Frauen, die quasi über Nacht das Kopftuch angelegt haben. Der Islam ist jetzt der heiße Feger, eine Idee, die viele Menschen schick finden. Wenn alle Welt, alle Experten darauf hinweisen, wie schlimm doch der Moslem oder der Islam sei, dann macht das Eindruck bei den jungen Migranten. Die sagen sich, das hört sich aber gefährlich an und dann schmückt man sich damit. Sie kokettieren mit dem Gefährlichen, dem Verbotenen. Der Islam ist der neue Hit der Saison.

tagesschau.de: Beunruhigt sie das?

Zaimoglu: Nein. Es ist eine Modewelle. Einige meinen es sicher auch ernst, die glauben schon, dass ihnen der Glaube weiterhilft. Aber wir stehen nicht vor einer großen Mobilmachung der Muselmanen. Natürlich gibt es immer einzelne Soziopathen, die eine Idee missbrauchen, das ist auch bei den Islamisten so. Aber es herrscht weiterhin Normalität. Es ist ja nicht so, dass plötzlich Kampfscharen zum großen Feldzug aufrüsten. Dieser Eindruck entsteht allerdings, wenn man bestimmten Politikern zuhört. Da staune ich bloß, ich sitze vor der Zeitung, dem Fernseher oder Radio und denke: Leute, was redet ihr eigentlich; wir leben in Deutschland, wir sprechen doch nicht über Saudi-Arabien.

tagesschau.de: Läuft alles richtig? Oder was müssen wir anders machen?

Zaimoglu: Die Zeit wird es richten, weil man nicht so weitermachen kann wie bisher. Eines haben wir in den letzten Jahren verstanden: Dass wir in einer Einwanderungsgesellschaft leben. Wir werden in Deutschland auch noch in vierzig, fünzig Jahren über die ethnischen Fragen reden und verhandeln müssen. So ist das nun mal in Einwanderungsgesellschaften.

tagesschau.de: Haben Sie einen Vorschlag, wie "alte" und "neue" Deutsche einander näher kommen? Was ist wichtig?

Zaimoglu: Dass genauer hingeschaut wird. Die Lösung besteht aus hunderten von Lösungen. Politiker sollten zum Beispiel mal einen Migranten-Verein besuchen. Viele Experten haben noch nie einen türkischen Männerverein von innen gesehen – aber sie reden über die Türken, als wüssten sie alles. Praktikable Lösungen kann man nur anbieten, wenn man weiß, worüber man spricht. Was in Kreuzberg erfolgreich ist, muss nicht automatisch auch in Duisburg erfolgreich sein. Es gibt schon viele gute Beispiele, über die aber nicht berichtet wird. Dort, wo die Front der Einwanderergesellschaft verläuft, bewegt sich viel. Da muss man mal genau hinsehen.

Das Gespräch führte Christine Kahle, tagesschau.de

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