Der neue Antisemitismus: Eine globale Gefahr?

Hintergrund

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Der neue Antisemitismus: Eine globale Gefahr?

Von Andrej Reisin, tagesschau.de

Friedhofsschändung (Bildquelle: SIPA)
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Mit Nazi-Symbolen beschmierter jüdischer Friedhof im Elsass. Friedhofsschändungen machen einen Großteil antisemitischer Straftaten aus.

Seit den 1990er-Jahren haben antisemitische Straftaten in Deutschland und Europa wieder zugenommen. Zum einen haben diese einen rechtsextremen Hintergrund, wobei hier die traditionellen Ressentiments gegen Juden im Vordergrund stehen. Zum anderen gibt es derzeit zwei weitere Quellen, die bei der Verbreitung antisemitischer Propaganda eine Rolle spielen. Ob deren Inhalte originär neu sind oder lediglich alte Klischees aktualisiert werden, ist nicht immer eindeutig. Augenfällig ist aber, dass die Zunahme antisemitischer Stimmungen und Gewalt seit den späten 90er Jahren direkt mit ihnen in Verbindung gebracht werden kann.

Antisemitismus und Nahost-Konflikt

Zum einen handelt es sich um antiisraelische Äußerungen, die zwar auf den Nahost-Konflikt Bezug nehmen, die Grenze zwischen objektiver Kritik israelischer Politik und Antisemitismus aber überschreiten. Dazu gehört etwa die Gleichsetzung der israelischen Politik mit den NS-Verbrechen. Auch wenn Juden - egal welche Staatsbürgerschaft sie besitzen und wo sie leben - pauschal für die Politik des Staates Israel in "Kollektivhaft" genommen werden, spiegelt dies die antisemitische Denkweise, wonach die Juden "alle irgendwie zusammenhängen".

Auch andere antisemitische Klischees tauchen häufig in Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt auf: Das Bibelzitat "Auge um Auge, Zahn um Zahn", mit dem die Berichterstattung zum Nahost-Konflikt gerne kommentiert wird, ist die Kolportierung eines der ältesten antisemitischen Ressentiments. Denn obwohl die Bibelstelle auf etwas ganz anderes verweist - nämlich, dass Vergeltung nicht blinde Rache sein darf, sondern die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt werden muss - wird sie seit jeher verwendet, um die Mär von der jüdischen Rachsucht zu verbreiten. Im Kontext des Nahost-Konflikts wird damit so getan, als sei dieser bösartig unterstellte Inhalt des Judentums die Handlungsmaxime des israelischen Staates.

Darüber hinaus werden an die israelische Politik oft Maßstäbe angelegt, die kein anderer Staat erfüllen muss. Gerade die Juden, so wird argumentiert, müssten es aufgrund ihrer Leidensgeschichte doch besser wissen. Auschwitz mutiert in dieser Rhetorik zu einer Art "moralischer Besserungsanstalt" für die Opfer und ihre Nachkommen.

Schließlich wird immer wieder das Existenzrecht Israels in Zweifel gezogen. Der Unterschied zu anderen Konflikten wird hier besonders deutlich: Bei aller Kritik an amerikanischer Politik käme wohl niemand auf die Idee, die amerikanische Regierung und Bevölkerung in eins zu setzen und anschließend den USA ihr Existenzrecht abzusprechen. Dies geschieht aber in Bezug auf Israel und eben dies ist der antisemitische Charakter dieser Art von Kritik.

Islamistischer Antisemitismus

Die zweite Quelle für den "neuen" Antisemitismus ist die Propaganda, die von islamistischen Gruppierungen verbreitet wird und in der muslimischen Welt zunehmend auf positive Resonanz stößt. Der Islamismus ist zunächst eine politische Ideologie, die sich auf den Islam beruft und sich als Gegenentwurf zur westlichen Demokratie versteht. Eine zentrale Rolle spielt dabei aber auch eine antisemitische Verschwörungstheorie. Diese mischt judenfeindliche Versatzstücke aus dem Koran mit Klassikern der antisemitischen Literatur und fügt ihnen eine radikale Kritik der aktuellen Weltpolitik hinzu.

Der aktuelle Islamismus kann sowohl für antisemitische Anschläge mit zahlreichen Todesopfern in der islamischen Welt (so in Djerba, Casablanca oder Istanbul) als auch für die Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen durch zumeist junge Muslime in Europa verantwortlich gemacht werden. Insbesondere in Frankreich stellen antisemitische Gewalttaten ein massives Problem dar.

Demonstration (Bildquelle: SIPA)
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Demonstration gegen antisemitische Gewalt in Paris

Die zerstörte Synagoge auf Dscherba (Archivbild April 2002)
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Die zerstörte Synagoge auf Dscherba (Archivbild April 2002)

Arabische Medien: Antisemitismus an der Tagesordnung

Die Identifikation junger Muslime mit den Palästinensern im Nahost-Konflikt wird von antisemitischer islamistischer Propaganda im Internet und in anderen Medien zur Mobilisierung genutzt. So drehte Al Manar (das Leuchtfeuer), der Fernsehsender der libanesischen Hisbollah, mit syrischer Unterstützung eine blutrünstige neunundzwanzigteilige Serie, die nichts weiter zum Inhalt hat als die angeblichen Verbrechen des Judentums. Sämtliche antisemitischen Klischees werden hier kolportiert und blutrünstig in Szene gesetzt. Über Satellit ist Al Manar weltweit zu empfangen und wird von circa zehn Millionen Menschen täglich konsumiert.

Und Al Manar steht nicht allein: Die Leugnung des Holocausts ist in vielen arabischen Medien üblich, ebenso die Behandlung der "Protokolle der Weisen von Zion" - einer antisemitischen Hetzschrift aus dem zaristischen Russland - als authentisches Dokument des Judentums. So wurde zum Beispiel im weltweit zu empfangenden arabischen Nachrichtenkanal Al Dschasira anhand der angeblichen Protokolle darüber diskutiert, was gegen die Pläne der Juden zu unternehmen sei.

Der islamistische Antisemitismus aber ist älter als der Nahost-Konflikt und keineswegs allein als Reaktion auf diesen, sondern auch als europäischer und nationalsozialistischer Ideologie-Export zu verstehen. Der damalige Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, der einen Großteil des Zweiten Weltkrieges in Berlin verbrachte, rief etwa 1944 im Kurzwellenradio die Araber dazu auf Juden zu töten "wo immer ihr sie findet". Husseini stellte auch persönlich eine muslimische Division der Waffen-SS in Bosnien auf. Bis heute wird er als Vater der palästinensischen Befreiungsbewegung verehrt.

11.09.2001: Antisemitismus als Motiv

Die Anschläge vom 11. September 2001 werden zumeist ausschließlich als Angriff auf die USA verstanden. Glaubt man aber den Zeugenaussagen von Shahid Nickels, einem ehemaligen Mitglied der Hamburger Gruppe um den Attentäter Mohammed Atta, dann hatte dieser "ein nationalsozialistisches Weltbild". Laut Nickels habe Atta New York deswegen als Ziel ausgewählt, weil es für ihn "das Zentrum des Weltjudentums" gewesen sei. Somit wäre Antisemitismus zumindest ein weiteres wichtiges Motiv für die Attentate gewesen, die mehr als 3000 Menschenleben forderten. Dies zeigt, dass auch im "neuen" Antisemitismus nach wie vor das tödliche Potenzial des "alten" steckt.

Stand: 24.08.2010 06:20 Uhr

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