Interview

 Büste von Karl Marx  in Neuhardenberg | Bildquelle: picture alliance / Patrick Pleul

200. Geburtstag von Karl Marx "Arbeitern geht es besser, als er erwartete"

Stand: 05.05.2018 05:05 Uhr

Zu pessimistisch mit Blick auf den Kapitalismus - so beschreibt Marx-Experte Jansen den kommunistischen Vordenker im tagesschau.de-Interview. In zwei heutigen Autoren sieht er Marx' Nachfolger.

tagesschau.de: Vor 200 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren, vor gut 150 Jahren erschien "Das Kapital". Zurzeit sind Marx und seine Theorien wieder sehr präsent - in Talkshows, Ausstellungen, politischen Debatten. Ist Marx noch aktuell?

Christian Jansen: Zunächst einmal geht es in den Talkshows fast nie um Inhalte - also um das, was Marx geschrieben hat. Das bleibt alles sehr oberflächlich. Es gibt aber zentrale Ideen, die auch heute noch helfen, die Welt zu verstehen. Etwa: Dass wir wegen der privaten Profite von Unternehmern und Kapitalgebern mehr arbeiten, als wir müssten, um das zu produzieren, was wir brauchen. Oder, dass Krisen zum Kapitalismus notwendig dazu gehören.

Karl Marx Zeichnung von Wladimir Dworan | Bildquelle: dpa
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Marx wird von vielen verehrt - aber mindestens genauso scharf auch kritisiert.

Marx war der Erste, der eine dynamische Geschichtstheorie entwickelt und auf die Ökonomie als treibenden Faktor in der Geschichte hingewiesen hat. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit. Er war der Erste, der gesagt hat, dass der Kapitalismus auch die entlegensten Flecken dieser Welt erfassen wird, weil er ohne Wachstum in die Krise gerät, und dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann. Marx dachte, dass es viel eher zum großen Knall kommt, aber jetzt sind die Grenzen des Wachstums klar erkennbar. Es wäre aber eine Illusion, dass man mit Marx die gesamte heutige Welt und aktuelle sozioökonomische Fragen klären kann.

alt Christian Jansen

Zur Person

Christian Jansen ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte an der Universität Trier mit dem Schwerpunkt 19. Jahrhundert. Davor war er unter anderem Assistent von Hans Mommsen und hatte Lehraufträge in Münster, Berlin und Jerusalem. Er forscht unter anderem zur Revolution von 1848 in Deutschland und deren Folgen.

tagesschau.de: Worin lag Marx denn falsch?

Jansen: Zum einen hat er gedacht, dass die Verelendung der Arbeiter, der Massen sehr schnell voranschreitet und es deshalb zu einer Revolution kommt. Er hat die technologische Entwicklung unterschätzt, aber auch, dass der Sozialstaat, den die Arbeiterbewegung durchgesetzt hat, viele Konflikte abmildert. Heute geht es den meisten Arbeitern bei uns viel besser, als Marx erwartet hätte.

Er hat aber auch die Rolle von kreativen Unternehmern unterschätzt: Kapitalisten, die im eigenen Interesse dafür gesorgt haben, dass ihre Arbeiter gute Wohnungen und bessere Arbeitsbedingungen bekommen. Zu Marx' pessimistischer Sicht auf den Kapitalismus hat entscheidend sein Besuch in Manchester beigetragen. Dort lebten die Leute in extremem Elend. Wir kennen noch heute den Begriff "Manchester-Kapitalismus". Solches Elend findet man heute zwar kaum noch in Europa, aber durchaus in der Dritten Welt, da treffen Marx' Analysen auch auf die Gegenwart zu.

tagesschau.de: Also war Marx der erste Globalisierungsgegner?

Jansen: Nein! Marx hat die Globalisierung als eine zwangsläufige Entwicklung angesehen. Er glaubte an den Fortschritt durch die bürgerliche Gesellschaft. Im Zentrum seines politischen Programms steht "Befreiung", nicht nur aus Ausbeutungsverhältnissen, sondern auch aus anderen Zwängen. Die Befreiung der Arbeiter durch Verkürzung der Arbeitszeit, so dass jede und jeder neben den notwendigen Tätigkeiten auch Zeit hat, kreativ zu sein.

Piketty und Herrmann als Nachfolger

tagesschau.de: Also "muss" man Marx heute noch lesen?

Jansen: Ich empfehle jedem, mal in einige Texte wie das "Kommunistische Manifest" reinzuschauen. Diese Kraft und der Veränderungswille darin könnten auch heutige Leser faszinieren. Ich lese Marx als Aphoristiker, als Stichwortgeber: Er hat viele sehr kluge Sätze geschrieben, die nicht nur von historischem Interesse sind. Es gibt aber nicht ein Hauptwerk, das man kennen muss. Und man muss seine Analysen von damals auf heutige Verhältnisse übertragen, um sie nutzbar zu machen. Das machen Leute wie der Franzose Thomas Piketty oder die deutsche Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann - sozusagen das "Kapital des 21. Jahrhunderts".

Das Interview führte Christin Jordan, SWR

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 04. Mai 2018 um 00:32 Uhr.

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