Flüchtlinge in Altena (NRW) | Bildquelle: dpa

Monitor-Umfrage zu Flüchtlingen Kommunen kaum überfordert?

Stand: 25.02.2016 10:01 Uhr

An der Grenze der Belastbarkeit, aber nicht überfordert - so sehen viele Kommunen in Deutschland die Herausforderung durch hohe Flüchtlingszahlen. Das ist das überraschende Ergebnis einer Umfrage des ARD-Magazins Monitor unter Städten und Gemeinden.

Von Moritz Seidel und Jochen Taßler, WDR

50 Prozent der befragten Kommunen geben an, dass die Grenze erreicht sei, man aber mit aktuellen Zahl der Flüchtlinge zurechtkomme. 16 Prozent könnten laut eigener Einschätzung sogar noch mehr Flüchtlinge aufnehmen. 28 Prozent wollten sich zu der Frage nicht äußern, wie stark belastet sie sich empfinden. Entgegen weitläufiger Annahmen sehen sich nur sechs Prozent der Kommunen selbst überfordert. An der Umfrage beteiligten sich 373 von 700 Städte und Gemeinden Deutschlands, die Monitor in den vergangenen Wochen befragt hat.

Altena im Sauerland gehört zu den Gemeinden, die bereit sind, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Und das, obwohl sie schon jetzt mehr Flüchtlinge beherbergt, als sie eigentlich müsste. Bürgermeister Andreas Hollstein wirbt aktiv dafür, dass mehr Flüchtlinge kommen, weil er sie als Chance sieht: "Die Hälfte der Flüchtlinge sind unter 25", sagt er. "Das ist etwas, das in unserer Gesellschaft fehlt. Die kommen mit allen möglichen Erfahrungen und Biografien, das sind weder Akademiker, noch sind das alles nur Analphabeten. Wir müssen versuchen Menschen mitzunehmen und sie schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren.“ Von den Ergebnissen der Umfrage fühlt sich Hollstein bestätigt.

Gemeinden doch nicht überlastet
tagesschau 14:00 Uhr, 25.02.2016, Jochen Taßler, WDR

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Große Unterschiede bei Flüchtlingszahlen

Auch der Stadtsoziologe Aladin El-Mafaalani von der FH Münster sieht die Kommunen insgesamt gut aufgestellt. Es gebe aber viele Motive, die Situation öffentlich dramatischer darzustellen als sie sei. "Wer laut und nachdrücklich ‚Wir sind überfordert‘ schreit, kann besser Finanzierungshilfen fordern, kann hausgemachte Probleme auf die derzeitige Situation schieben oder sich politisch profilieren", sagt er.  

Die Umfrage gibt auch Aufschluss darüber, wie Flüchtlinge in deutschen Kommunen zum Jahresanfang 2016 verteilt sind. Der Durchschnitt liegt demnach bei 14,5 Flüchtlingen je Kommune pro tausend Einwohner. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede:  Während einzelne Kommunen nur einen Flüchtling pro 1000 Einwohner aufgenommen haben, liegt der Spitzenwert im sächsischen Borna bei rund 33 Flüchtlingen pro 1000 Einwohnern.

Besonders viele Kommunen Bayerns und Nordrhein-Westfalens finden sich in der Spitzengruppe wieder, während überproportional viele Kommunen in Baden-Württemberg am Ende der Tabelle stehen. Bei diesen Berechnungen wurden von den Bundesländern betriebene Einrichtungen nicht mit eingerechnet.

Flüchtlinge in Passau | Bildquelle: dpa
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In Bayern und Nordrhein-Westfalen sind die Gemeinden, die die meisten Flüchtlinge pro Einwohner aufnehmen.

Große Anstrengungen

Um eine Integration der Flüchtlinge zu erleichtern, fordern Experten, möglichst viele Flüchtlinge dezentral in eigenen Wohnungen unterzubringen. Die Umfrage zeigt, dass das von den Kommunen sehr unterschiedlich gehandhabt wird. 43 Prozent geben an, überwiegend auf Gemeinschaftsunterkünfte zu setzen, während 40 Prozent  Flüchtlinge bevorzugt in einzelnen Wohnungen unterbringen.

Der Deutsche Städtetag sieht sich durch die Monitor-Umfrage in seiner Einschätzung bestätigt, dass die deutschen Kommunen zwar an der Grenze ihrer Belastbarkeit agierten, aber nicht überfordert seien. Dennoch fordert der Städtetag mehr Unterstützung von Bund und Ländern, um mehr für die Integration der Flüchtlinge tun zu können. Die Kommunen "bewältigen die Situation gegenwärtig dank großer Anstrengungen", heißt es in einer Stellungnahme gegenüber Monitor. Und wie die Umfrage zeigt, könnte jede sechste Kommune sogar noch mehr.

Das Magazin Monitor können Sie heute Abend um 22.15 Uhr im Ersten sehen.

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