Interview

Waffen "Made in Germany" | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Interview mit Bundeswehrverbandschef Wüstner "Das G36 ist unser geringstes Problem"

Stand: 23.04.2015 18:37 Uhr

Alle reden vom Sturmgewehr G36 - obwohl die Mängel bei der Ausrüstung der Soldaten in anderen Bereichen viel eklatanter seien, sagt Bundeswehrverbandschef André Wüstner. Er fordert mehr Geld und eine grundlegende Modernisierung der Ausstattung.

tagesschau.de: Das Sturmgewehr G36 wird nun aussortiert wegen mangelnder Treffsicherheit unter bestimmten Temperaturbedingungen. Wie sind denn die Erfahrungen der Soldaten mit dem Sturmgewehr?

André Wüstner: Ich war gerade im Irak und Afghanistan und habe mit vielen Soldaten gesprochen. Sie sehen die Diskussion rund um das Sturmgewehr sehr gelassen. Das hat verschiedene Gründe. Erstens verfügen die Soldaten bei ihrem Einsatz nicht nur über das G36, sondern sie haben verschiedene Waffen. Zweitens ist das G36 nach wie vor handhabungssicher. Und drittens sind die Soldaten natürlich realistisch: Von heute auf morgen wird es keine schnelle Lösung geben. Man erwartet jetzt aber schon, dass über Neubeschaffungen schnell entschieden wird. Die Bundeswehr hat es seit den 90er-Jahren mit neuen Einsatzszenarien zu tun und muss dafür ausgerüstet sein.

alt André Wüstner | Bildquelle: picture alliance / Eventpress He

Zur Person

Oberstleutant André Wüstner war im Kosovo und als Kompaniechef der Panzergrenadiere in Afghanistan. Er ist seit November 2013 Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes.

tagesschau.de: Merken die Soldaten die analysierte Treffunsicherheit bei bestimmten Temperaturen überhaupt?

Wüstner: Es kommt immer auf die Situation an: Bin ich in einem Hinterhalt oder in einem hochintensiven Gefecht, ist der individuelle Stress natürlich sehr hoch. Viele Soldaten erkennen in diesen anspruchsvollen Gefechtslagen nicht, woran es liegt, wenn sie ihr Ziel verfehlen: Ob sie zittern, ob die Schießtechnik unter extremer Belastung nicht passt, oder ob Fehlschüsse mit dem heißgeschossenen Rohr in Verbindung zu bringen sind. Das kann der einzelne Soldat im Gefecht unmöglich analysieren. Deswegen müssen Waffen-Systeme und Ausrüstung bei veränderten Einsatzbedingungen stets überprüft werden, wie es mit dem G36 ja auch nun endlich geschehen ist.

Reservisten schießen auf dem Truppenübungsplatz Lehnin (Brandenburg) mit dem G36-Standardgewehr | Bildquelle: dpa
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Die Soldaten bemerken die Treffunsicherheit des G36 nicht.

tagesschau.de: Müsste das Sturmgewehr dann nicht sofort aus dem Verkehr gezogen werden?

Wüstner: Es ist sehr wohl vertretbar, dass G36 unter bestimmten Voraussetzungen - Stichwort Waffenmix - vorerst weiter einzusetzen. Dennoch brauchen wir schnell eine Übergangslösung. Es wäre nicht verantwortbar von der Verteidigungsministerin, wenn man nach den jetzigen Untersuchungsergebnissen einfach so weiter macht wie bisher. Aber das will Ursula von der Leyen ja auch nicht.

tagesschau.de: Die SPD will nun wissen, ob deutsche Soldaten oder deren Verbündete wegen der Mängel des G36 getötet worden sind. Wie ist Ihre Einschätzung?

Wüstner: Ich finde, dass die Frage am Thema vorbeigeht, es ist auch nicht überprüfbar. Die Handwaffen sind ja nicht das alleinige Thema. Zum Beispiel der Afghanistan-Einsatz: Da hatten die Soldatinnen und Soldaten doch grundsätzlich lange Zeit nicht die richtige Ausstattung und Ausrüstung verfügbar. Wie lange haben wir diskutiert über Schützenpanzer, über Panzer-Haubitzen und Luftnahunterstützung. Da war das G36 das geringste Problem. Es muss verstanden werden, dass Soldaten im Einsatz alles erhalten, was für Ihren Auftrag und gerade auch zum Schutz notwendig ist - bis zur Drohne!

tagesschau.de: Welches sind die gravierendsten Mängel bei der Ausrüstung der Soldaten im Auslandseinsatz?

Wüstner: Insgesamt haben wir aufgrund der langen intensiven Sparauflagen einen enormen Modernisierungsstau. Das merken wir in allen Bereichen. Sei es bei den Schutzwesten, den Nachtsichtgeräten, den Funkgeräten oder den Fahr- und Flugzeugen - es besteht einfach überall Nachholbedarf. All das muss die Politik in Angriff nehmen, statt jetzt in einer Art Beißreflex sich nur auf das Sturmgewehr G36 zu stürzen - ohne dass ich die Bedeutung einer Handwaffe klein reden will.

tagesschau.de: Machen Sie uns Laien, die wir den Alltag der Soldaten vor Ort wenig kennen, mal deutlich, wo überall es beim Einzelnen an guter Ausrüstung fehlt.

Ein Rekrut während einer Schießübung mit einem Gewehr vom Typ G36. | Bildquelle: dpa
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Die Soldaten kaufen sich ihre Ausrüstung in Teilen selbst. Ein "Misstand", so Wüstner.

Wüstner: Das fängt an bei der persönlichen Ausrüstung der Soldaten: der Bekleidung, den Nachtsichtgeräten und Ähnlichem. Da hat die Bundeswehr in den letzten Jahren zwar Fortschritte gemacht, aber die reichen noch längst nicht aus. Noch immer geben die Soldaten im Schnitt 1000 Euro aus, um ihre persönliche Ausrüstung zu komplettieren oder zu optimieren. Das ist ein Missstand, der schnellstens beseitigt werden muss. Die Ministerin hat zwar vor wenigen Wochen zugesagt, Material nachzubeschaffen, aber das muss schneller gehen als bisher und vor allem endlich spürbar werden.

tagesschau.de: Und wie sieht es mit der Ausrüstung der Truppe insgesamt aus?

Wüstner: Im Bereich der Fahrzeuge, Flugzeuge, Hubschrauber haben wir über die Mängel ja schon viel diskutiert. Das bedeutet stets einen immensen Imageschaden für die Bundeswehr, geradezu eine Katastrophe. Jetzt muss das Thema insgesamt vorangetrieben werden. Die Modernisierung muss mit höchster Priorität angegangen werden, sodass wir wieder in den Bereich der zeitgemäßen Vollausstattung kommen und es nicht mehr an allen Ecken und Enden fehlt. Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte da in der vorherigen Legislatur leider anders gewichtet und war von der Vollausstattung abgerückt.

Bundeswehr in Afghanistan
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Die schlechte Ausrüstung der Bundeswehr führe zu einem immensen Imageschaden, so Wüstner.

Bundeswehr in Afghanistan | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Er fordert, dass von der Leyen die Behebung der Ausrüstungsmängel zur Priorität erklärt.

tagesschau.de: Ist das alles nur die Verantwortung von de Maizière? Hätte nicht auch in der Amtszeit von seiner Nachfolgerin mehr passieren müssen?

Wüstner: De Maizière handelte unter anderen Rahmenbedingungen. Der "Islamische Staat" oder die Ukraine waren damals kein Thema. Die Verteidigungsministerin hat versucht, erst einmal ein Lagebild zu bekommen. Spätestens jetzt, beim Sturmgewehr G36, ist sie aber persönlich gefragt. Jetzt muss sie bei der Folgelösung unter Beweis stellen, dass sie die richtigen Weichen stellt und den Beschaffungsprozess richtig angeht. Wir Soldaten schauen insgesamt nach vorn und hoffen, dass von der Leyen bei der Ausstattung ihren Worten Taten folgen lässt und dafür auch beim Finanzminister das notwendige Geld eintreibt. Was den Modernisierungsbedarf und die Anforderung an die Bundeswehr aufgrund erhöhter NATO-Verpflichtungen betrifft, werden die von Minister Schäuble in Aussicht gestellten Finanzmittel nicht ausreichen.

tagesschau.de: Wo muss von der Leyen zuerst ansetzen?

Wüstner: Es geht einerseits um ein besseres Management und andererseits um die richtigen strukturellen Weichenstellungen für die gesamte Bundeswehr aufgrund der weltweit veränderten Sicherheitslage. Da kann sie nicht in Gänze erst die Veröffentlichung eines neuen Weißbuches im nächsten Jahr abwarten. Was die Ausrüstung betrifft ist klar: Wir brauchen die materielle Vollausstattung nicht nur für den Einsatzbetrieb, sondern bereits für die Ausbildung in der Heimat - und das betrifft das gesamte Ausstattungsportfolio. Es reicht nicht, dass wir eine moderne Armee lediglich per Powerpoint oder Video vollausgestattet vorzeigen können. In der NATO sind die Erwartungen an uns enorm gewachsen und daher hört verantwortungsvolle Politik eben nicht beim Thema G36 auf.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de

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