Interview

IS Kämpfer

Deutsche Jugendliche als IS-Kämpfer Aus dem Klassenzimmer in den Dschihad

Stand: 21.11.2016 11:53 Uhr

Sicherheitsbehörden gehen von weit mehr als 400 Deutschen aus, die bis jetzt als IS-Kämpfer nach Syrien oder in den Irak gereist sind. Auch frühere Schüler von Lamya Kaddor sind dabei. Mit tagesschau.de sprach die Islamlehrerin über die Motivation der Jugendlichen.

tageschau.de: Was sind das für Menschen, die aus Deutschland in den Heiligen Krieg ziehen?

Lamya Kaddor: Zum Profil dieser Menschen gehört sicher eine bestimmte Gewaltbereitschaft und gleichzeitig auch Orientierungslosigkeit. Diese ist häufig geprägt von Frustrationserfahrungen - zum Beispiel durch Ausgrenzung und das Gefühl, hier nicht hinzugehören, nichts wert zu sein. Und dann entstehen Allmachtsfantasien, diesen Frust auch irgendwo abzulassen.

Die Religion ist nur das Mittel zum Zweck. Man muss ja irgendwie für sich legitimieren können, dass man diese Aggression, diese Gewalt, diese Ausweglosigkeit loswerden will. Das versucht man dann mit dem Islam hinzukriegen. Indem man sagt: "Wir fühlen uns als Muslime ungerecht behandelt und wir müssen uns doch wehren dagegen, dass der Islam weltweit so schlecht behandelt und unterdrückt wird." Damit hat man das Ventil, um der Aggression Platz zu verschaffen.

alt Lamya Kaddor

Zur Person

Lamya Kaddor ist islamische Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin. Sie wurde als Tochter syrischer Einwanderer im westfälischen Münster geboren und ist erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, der die liberale Auslegung des Islams vertritt.

tageschau.de: Haben Lehrer, Eltern oder Behörden in diesen Fällen versagt?

Kaddor: Es geht nicht um einzelne Berufs- oder Personengruppen im Umfeld dieser jungen Menschen. Das Problem ist viel komplexer. Die Betroffenen sind in einem Land aufgewachsen, in dem sie sich - überspitzt dargestellt - nicht richtig zu Hause fühlen, in dem sie vielleicht diskriminiert werden, weil sie eben nicht so heißen wie jeder "eingeborene" Deutsche, weil sie eine andere Religion haben, die jetzt gerade auch noch absolut im Fokus steht. Und darüber hinaus werden sie zu Hause eventuell auch noch mit Werten erzogen, die nicht in diese Zeit passen.

Aber wie sich diese Gesamtsituation auf jeden Einzelnen auswirkt, hängt natürlich von individuellen Faktoren ab: Ausgrenzungserfahrungen, Familienstruktur, soziales Umfeld, Bildungsgrad - all' das spielt eine Rolle. Darum ist es schwierig, eine pauschale Ursache zu finden. Ich glaube, dass die gesamte Gesellschaft schuldig ist.

tageschau.de: Fünf Ihrer ehemaligen Schüler sind nach Syrien gegangen, um dort zu kämpfen. Wie kann man "gefährdete" Jugendliche erkennen?

Kaddor: Nur wenn man vorher sensibilisiert worden ist, hat man eine Chance, solche Radikalisierungs-Tendenzen zu erkennen. Aber das gilt ja auch nicht nur für radikale Tendenzen im Islam, sondern zum Beispiel auch für Neo-Nationalsozialismus und andere extreme Strömungen.

Fahne des "Islamischen Staats"
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Vor allem Orientierungslosigkeit treibt deutsche Jugendliche an, IS-Kämpfer zu werden.

Ein Anzeichen für eine mögliche Radikalisierung im Salafismus ist zum Beispiel, wenn von heute auf morgen ganz abrupt ein völlig anderer Lebensstil gelebt wird. Wenn plötzlich ganz fromm gebetet und gefastet wird und das "alte" Leben vernachlässigt wird.

Wir müssen also die Gesellschaft sensibilisieren. Es reicht nicht, vor Rückkehrern zu warnen, es muss präventiv geschult werden. Imame, Lehrer, Sozialarbeiter - alle, die mit jungen Menschen arbeiten, müssen wissen, worauf sie achten sollten.

tageschau.de: Gibt es spezielle "Rattenfänger" in Deutschland, die Jugendliche gezielt als IS-Kämpfer anwerben?

Kaddor: Direkt mitbekommen habe ich es noch nicht, dass Jugendliche gezielt für den Heiligen Krieg angeworben werden. Aber ich habe davon gehört, dass bestimmte Menschen versuchen, Jugendliche zu einer radikalen Weltsicht zu bringen. Meistens läuft das über den Freizeitbereich. Bei Sportangeboten nach der Schule oder beim privaten Religionsunterricht, der am Anfang ganz harmlos erscheint.

Solche "Rattenfänger" können ganz unterschiedliche Menschen sein, Konvertiten oder auch geborene Muslime. Aber in der Regel sind es vor allem rhetorisch relativ gut ausgebildete Menschen mit einer stark reduzierten, islamistisch geprägten Weltsicht. Sie sprechen die Sprache der Kinder, der Jugend - im doppelten Sinne: Sie können natürlich alle Deutsch, sie haben aber darüber hinaus auch den gleichen Zungenschlag.

tageschau.de: Wie sollte man aus Ihrer Sicht am besten mit Rückkehrern umgehen?

Kaddor: Es kommt natürlich darauf an, wie lange der Rückkehrer weg war, wie traumatisiert er ist. Aber ich glaube schon, dass eine Re-Sozialisierung möglich ist. Das kennt man ja auch bei Aussteigern aus der Nazi-Szene und da klappt es auch. Natürlich nur, wenn die IS-Kämpfer sich nicht strafbar gemacht haben. Ansonsten muss ihnen erstmal der Prozess gemacht werden.

tageschau.de: Brauchen wir schärfere Gesetze?

Kaddor: Nein, Gesetze helfen nicht. Ich halte zum Beispiel auch von der ganzen Diskussion rund um den Entzug von Staatsbürgerschaften nichts. Die Politik kann aber dabei helfen, die gesamte Gesellschaft besser zu sensibilisieren, ohne Angst zu schüren. Wir müssen vernünftig und sachlich mit diesem Thema umgehen.

Wir müssen das Problem ernst nehmen und in sämtlichen Bereichen, vor allem in Bildung investieren. Und wir müssen ein Stück weit unsere Mentalität ablegen. Solange wir Menschen, die teilweise in der dritten Generation in Deutschland leben, immer noch nicht als Deutsche bezeichnen und auch nicht als Deutsche wahrnehmen, darf man sich doch nicht wundern, dass die sich hier als Fremdkörper sehen.

tageschau.de: Wie sehen Sie die Gefahr einer pauschalen Vorverurteilung des Islam?

Kaddor: Eine generelle Alarmbereitschaft ist absolut nicht berechtigt. Da wünsche ich mir auch von Medien und Politik Vorsicht, denn Islam ist nicht Islamismus. Und auch der Salafismus ist an sich erstmal "nur" eine puristische Herangehensweise an den Glauben. Das machen auch evangelikale Christen und orthodoxe Juden. Der Salafismus an sich ist also nicht gefährlich, nur wenn dann politische Ziele in seinem Namen umgesetzt werden, wird es problematisch. Meiner Meinung nach würde es der ganzen Debatte gut tun, wenn wir versuchen, sie ein Stück weit nüchterner zu betrachten.

Das Interview führte Katharina Knocke für tagesschau.de

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