Interview

Interview zu einem Jahr Sexismus-Debatte "Wir haben das Schweigen gebrochen"

Stand: 25.01.2014 06:01 Uhr

In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2013 erfand Anne Wizorek das Hashtag #aufschrei. Zuvor hatten mehrere Autorinnen Texte zum einen über sexistisches Verhalten von Politikern, aber auch über die alltägliche Belästigung auf der Straße veröffentlicht, besonders viel Aufsehen erregte ein Porträt des FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle im "Stern". In der Folge veröffentlichten unter dem Stichwort #aufschrei tausende Frauen ihre Erfahrungen mit Übergriffen, eine deutschlandweite Debatte über den ganz alltäglichen Sexismus entstand.

tagesschau.de: Frau Wizorek, hätten Sie vor einem Jahr damit gerechnet, dass #aufschrei eine solche Resonanz erzeugen würde?

Anne Wizorek: Nein, definitiv nicht. Und zwar nicht, weil ich nicht damit gerechnet hätte, dass diese Vorfälle in hoher Zahl passieren. Sondern deshalb, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass so viele Frauen darüber schreiben würden.

tagesschau.de: Wie entstand #aufschrei?

Wizorek: Das Thema war an dem 24. Januar sehr präsent. Es waren kurz vorher mehrere Blogtexte zu sexualisierten Übergriffen erschienen, und im Spiegel und im Stern thematisierten Annett Meiritz und Laura Himmelreich den Umgang von übergriffigen Spitzenpolitikern mit Journalistinnen. In der Nacht begann dann die Twitternutzerin Nicole von Horst, eigene Erlebnisse zu twittern.

Grundsätzlich hat ein Hashtag die Funktion, Tweets zu einem Thema zu verschlagworten. So können Nutzerinnen und Nutzer unabhängig davon, ob sie einem Account folgen oder nicht, mitlesen. Im englischsprachigen Raum gab es vorher bereits Kampagnen, die sich mit Belästigung auseinandersetzen, ein Beispiel ist das Hashtag #shoutingback. Ich wollte nun der gerade entstehenden Debatte ein deutsches Wort zuordnen.

"Ich bin den vielen Frauen dankbar"

tagesschau.de: Schon in der ersten Woche wurden unter dem Hashtag 57.000 Tweets veröffentlicht. Waren Sie überrascht, wie viele Frauen sich beteiligt haben?

Wizorek: Ich war nicht überrascht davon, dass leider so viele Frauen von solchen Erfahrungen betroffen sind. Die Zahlen sind ja bekannt. Ich war aber positiv davon überrascht, dass so viele Frauen den Mut fanden, sich zu beteiligen. Denn es ist ja bis heute keine Selbstverständlichkeit, über solche Vorfälle zu reden. Die meisten Situationen sind mit Scham verbunden oder mit konkreten Gewalterfahrungen. Das ist nicht leicht, sich in der Öffentlichkeit dazu zu äußern.

Verleihung des Grimme Online Awards 2013 an #aufschrei | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Stellvertretend für "alle, die sich konstruktiv an #aufschrei beteiligt haben" überreicht Jan Hofer Nicole von Horst, Kathy Meßmer, Anne Wizorek und Jasna Strick (v.l.n.r.) den Grimme Online Award.

Ich bin aber sehr dankbar, dass so viele Frauen das getan haben. Denn ohne all die mutigen Frauen wäre die Debatte natürlich nicht ins Rollen gekommen. Vielen, auch mir selbst, ging es so: Je mehr Geschichten ich gelesen habe, umso mehr Vorfälle fielen mir selbst wieder ein. Viele Frauen haben aber auch berichtet, wie gut es ihnen getan hat, die Berichte der anderen zu lesen; zu sehen, dass es vielen anderen genau so geht, dass es nicht meine Schuld ist. Insofern war es ein Befreiungsakt, der wiederum noch mehr Frauen motiviert hat, sich zu beteiligen.

tagesschau.de: Es gab aber auch Frauen, die sich von #aufschrei distanzierten. Die Frauen machten sich zu Opfern, hieß es beispielsweise, sie könnten sich ja wehren. Wie sehen Sie das?

Wizorek: Ich sehe das genau andersherum: Indem eine Frau darüber redet, macht sie sich ja gerade nicht zum Opfer. Sie befreit sich aus der Hilflosigkeit und gewinnt so auch ein Stück Autonomie zurück. Zudem haben viele Tweets auch thematisiert, dass es oft Gewalt nach sich gezogen hat, wenn Frauen sich gegen Übergriffe verbal oder physisch gewehrt haben. Auch Fachleute aus der Gewaltprävention raten Frauen mit einem gewalttätigen Partner, sich unbedingt nicht aktiv zu wehren, sondern lieber zu versuchen, aus der Situation zu entkommen.

alt Anne Wizorek | Bildquelle: picture alliance / dpa

Zur Person

Anne Wizorek, 32, ist Beraterin für digitale Medien und entwickelt Netzstrategien. Für ihr Engagement in der Sexismusdebatte, die sie durch das Hashtag #Aufschrei wesentlich mit initiierte, wurde ihr und anderen Aktivistinnen im Juni 2013 der Grimme Online Award verliehen.

Von Twitter zu Jauch

tagesschau.de: #aufschrei war die erste Netzdebatte, die es in die klassischen Medien geschafft hat. Zwei Tage, nachdem Sie das Hashtag erfanden, saßen Sie als Gast in der Sendung bei Günther Jauch. Wie erklären Sie sich, dass #aufschrei so funktioniert hat?

Anne Wizorek und Günther Jauch | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Zwei Tage nach #Aufschrei: Anne Wizorek ist zu Gast in der Sendung von Günther Jauch am 27. Januar 2013.

Wizorek: Erleichtert wurde das natürlich dadurch, dass der klassische Journalismus durch das Brüderle-Porträt im Stern für das Thema sensibilisiert war. Das war aber nicht alles. Wenn man #aufschrei runterbricht, dann geht es um eine zwischenmenschliche Frage: Wie wollen wir miteinander umgehen? Zu dem Thema haben erstmal alle etwas zu sagen. Das unterscheidet diese von anderen Debatten, die im Netz geführt wurden, bei denen es oft um spezifische netzpolitische Themen ging. Die Sexismusdebatte konnte nur so groß werden, weil sie so viele Menschen betrifft.

tagesschau.de: Was hat die Sexismus-Debatte bewirkt?

Wizorek: Das wichtigste ist, dass die Debatte überhaupt stattgefunden hat. Das Thema wurde vorher als nicht mehr problematisch angesehen. Die Debatte legte dann offen, dass das mitnichten so ist. Überhaupt zu thematisieren, dass tausende Frauen nicht mit dem Verhältnis der Geschlechter zu einander einverstanden sind, war ein großer Schritt.

Eine in dieser Woche erschienene Umfrage ergab, dass 24 Prozent der Deutschen aufgrund der Sexismus-Debatte über ihr Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht nachgedacht haben, bei den 18- bis 24-jährigen gaben das sogar 36 Prozent der Befragten an. Diese Reflektion des eigenen Verhaltens ist ein ganz wichtiger Schritt in Richtung einer sexismusfreien Gesellschaft, das sehe ich als Erfolg.

"Wir brauchen ein modernes Männerbild"

tagesschau.de: Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Wizorek: Es gibt zum einen ganz konkrete Aufgaben an die Politik: Lohngerechtigkeit, Frauenquote, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Altersarmut von Frauen sind da nur die bekanntesten Themen. Aber auch der Vergewaltigungsparagraf muss verschärft werden und der Schutz vor Stalking, online und offline, verbessert werden.

Mindestens genauso wichtig ist aber immer noch, überhaupt darüber aufzuklären, was Sexismus eigentlich ist. Wir müssen außerdem darüber reden, was eigentlich ein modernes Männerbild ist. #aufschrei hat auch gezeigt, dass viele Männer selbst darüber erschrocken waren, was Frauen täglich erleben und damit nicht einverstanden sind. Brüderle ist beispielsweise in der Sexismus-Debatte oft in Schutz genommen worden mit der Argumentation, er gehöre "einer anderen Generation" an. Er hat sich auch nie für seine Bemerkungen entschuldigt, möglicherweise weil er gar kein Bewusstsein dafür hat, dass es eben nicht charmant ist, ungefragt über das Dekolletée einer Frau zu reden. Sexismus hängt ganz stark mit einem Männerbild zusammen, das von vorgestern ist.

Das Gespräch führte Anna-Mareike Krause, tagesschau.de

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