Interview

Zentralrat der Muslime zur Integration "Extremismus können wir nur gemeinsam bekämpfen"

Stand: 01.03.2012 18:00 Uhr

Wie reagieren die Muslime auf die Integrationsstudie? Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Mazyek, zeigt sich über die Ergebnisse wenig überrascht. Die Probleme seien schon lange bekannt, sagt er im Interview mit tagesschau.de. Die Politik müsse aber endlich die richtigen Schlussfolgerungen ziehen.

tagesschau.de: Wie bewerten Sie das Ergebnis der Studie?

Aiman Mazyek: Wir sind ziemlich besorgt und nicht besonders überrascht. Die Studie bestätigt unsere Eindrücke. Ausgrenzungserfahrungen und Diskriminierungserlebnisse befördern die Radikalisierung besonders bei muslimischen Jugendlichen. Oft verbinden sich die Erfahrungen von Ausgrenzung leider mit einer fanatisierten Islamvorstellung. Besonders junge Muslime, die sich ausgegrenzt fühlen und wenig gesellschaftliche Perspektiven sehen, flüchten sich oft in Heile-Welt-Vorstellungen und suchen ihre Identität in Extremfällen im Fanatismus.

tagesschau.de: Bringt die Studie neue Erkenntnisse?

alt Aiman Mazyek | Bildquelle: SWR/A. Kluge

Zur Person

Aiman Mazyek studierte in Aachen Philosophie, Volkswirtschaft und Politikwissenschaft und in Kairo Arabistik. Seit 1994 gehört er dem Zentralrat der Muslime in Deutschland an. Von 2001 bis 2004 war er Pressesprecher des Zentralrats, ab 2006 dessen Generalsekretär, seit 2010 ist er Vorsitzender.

Mazyek: Die Studie stellt die Situation differenziert dar und bringt die Probleme auf den Punkt. Und sie zeigt, dass wir handeln müssen und gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze suchen sollten. Wir neigen ja dazu, Integrationsdefizite zu benennen und zu beklagen. Mit dem gleichen Engagement sollten wir endlich über Lösungsansätze debattieren und die richtigen politischen Schlussfolgerungen ziehen.

"Wir brauchen eine deutlichere Kultur der Wertschätzung"

tagesschau.de: Was wären denn die richtigen politischen Schlussfolgerungen?

Straßenszene in Deutschland | Bildquelle: ARD-aktuell
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"Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland ist friedliebend und integrationswillig"

Mazyek: Wir brauchen neben Prävention und Aufklärung eine deutlichere Kultur der Wertschätzung. Wir müssen Jugendlichen das Gefühl vermitteln, dass ihr Einsatz und ihre Leistung in diesem Land gebraucht und geschätzt werden. Im Kampf gegen extremistische Strömungen werbe ich seit Jahren für eine Zusammenarbeit mit den muslimischen Verbänden. Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland ist friedliebend und integrationswillig. Wir dürfen sie nicht immer wieder unter Generalverdacht stellen, sondern müssen um ihre Unterstützung werben im Kampf gegen Parallelwelten. Die jetzt veröffentlichte Studie unterstützt diese Forderung. Man kann sie geradezu als einen Aufruf an die Politik verstehen, den sogenannten "Empowerment-Ansatz" stärker zu verfolgen, das heißt: die Selbstverantwortung und Mündigkeit muslimischer Bürger zu stärken und mit ihnen gemeinsam gegen Extremismus anzukämpfen.

tagesschau.de: Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Mazyek: Ganz konkret fordern wir zum Beispiel Sektenbeauftragte für den Islam, die entsprechend ausgebildet sind. Wir wollen Scouts in den muslimischen Gemeinden einsetzen - zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung - die aufklären über die Ideologisierung von Religionen.  

"Wir kümmern uns intensiv um Aufklärung"

tagesschau.de: Aber müssten die muslimischen Verbände angesichts der bedenklichen Zahlen nicht selber aktiv werden, statt Forderungen an Politik und Gesellschaft zu stellen?

Muslime beim Gebet in einer Moschee in Stuttgart | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Viele Gemeinden und Moscheen leisten einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Extremismus, meint Aiman Mazyek.

Mazyek: Wir kümmern uns seit Jahren intensiv um Aufklärung und ein richtiges Verständnis des Islam. Wir bieten Lehrgänge für Imame an, um deren Sensibilität für extremistische Tendenzen weiter zu erhöhen. Wir bieten Handreichungen für Predigten im Freitagsgebet. Wir haben 2008 eine große Aufklärungskampagne in den Gemeinden gemacht unter dem Titel: "Kein Hass im Islam!" - als Reaktion auf Radikalisierungstendenzen im Internet. Und zwei Jahre vorher haben wir schon eine Studie veröffentlicht zu extremistischen Internetseiten und wie sich Muslime davor schützen können. Wir haben Ross und Reiter genannt, indem wir konkrete Internetseiten aufgelistet haben, auf denen Rattenfänger Themen wie den Irak oder den Nahostkonflikt benutzen, um ihre extremistische Propaganda zu verbreiten und Anhänger zu rekrutieren. Wir waren damals erstaunt, wie wenig Resonanz dies in der Öffentlichkeit fand. Auch die Gemeinden und Moscheen leisten sehr viel in Sachen Aufklärung. Allerdings wird das in der Gesellschaft zu wenig wahrgenommen. 

tagesschau.de: Innenminister Friedrich warnt vor Fanatismus und erklärt: "Wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten. Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben". Sind das die richtigen Töne?

Mazyek: Wir sehen das grundsätzlich genauso wie der Innenminister, nur der Duktus macht uns Sorge, weil er vermissen lässt, dass die große Mehrheit der Muslime das genauso sieht. Auch wir bekämpfen jede fanatisierte Auslegung des Islam. Wir lehnen extremistische Tendenzen ab und treten ihnen ganz entschieden entgegen. Allerdings können solche Äußerungen wie die des Innenministers bewirken, dass der Islam grundsätzlich als Problem gesehen wird. Wir müssen aufräumen mit dem Vorurteil, dass der Islam zu Fanatismus und Gewalt neigt. Genau das ist nicht der Fall. Stattdessen sollten wir gemeinsam gegen Extremismus vorgehen.  

tagesschau.de: Was erwarten Sie von der Politik als Reaktion auf diese Studie?

Mazyek: Wir erwarten, dass die Politik das Warnsignal erkennt und mit uns gemeinsam gegensteuert. Der Kampf gegen Extremismus ist keine Frage von "ihr" und "wir". Wir werden das Problem nur gemeinsam lösen können.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

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