Interview

Judentum in Deutschland nach Auschwitz

Zentralratschef Graumann zum Holocaust-Gedenktag "In Deutschland wächst ein neues Judentum"

Stand: 27.01.2011 04:27 Uhr

Heute vor 66 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages sprach tagesschau.de mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, über die Erinnerung ohne Zeitzeugen, das jüdische Leben in Deutschland sowie den neuen Antisemitismus.

tagesschau.de: Viele Zeitzeugen sterben - wie kann die Erinnerung an den Holocaust dennoch wach gehalten werden?

Dieter Graumann | Bildquelle: dapd
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Dieter Graumann ist der erste Vorsitzende des Zentralrats, der den Holocaust nicht miterleben musste.

Dieter Graumann: Nichts ist zu vergleichen mit der unmittelbaren Authentizität von Zeitzeugen. Doch, so hat es der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel formuliert, wer Zeitzeugen zuhört, der wird selbst zu einem. Wir, die zweite Generation, haben sehr viel zugehört. Wir sind aufgewachsen mit den Geschichten aus dem Holocaust. All das, was unsere Eltern erlebt und erlitten haben, all die Traumata - das ist in unser Fleisch und Blut übergegangen. Es liegt daher nun an uns, die Erinnerung weiter zu tragen. Aber wir brauchen Menschen, die das interessiert, die zuhören wollen, damit man das überhaupt verstehen kann.

tagesschau.de: Nun gibt es Menschen, die überhaupt nicht zuhören wollen. In den Landtagen von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen nutzt die NPD den 27. Januar, um Neonazi-Propaganda zu verbreiten. Muss eine Demokratie das aushalten?

Graumann: Diese Frage ist in Deutschland sehr umstritten. Ich meine: Unsere Demokratie soll das nicht aushalten müssen. Wir sollten entschlossen an einem erneuten NPD-Verbotsverfahren arbeiten. Es ist nicht hinnehmbar, dass die NPD Steuermittel, Parlamente sowie den Anschein der Legalität nutzt und dabei missbraucht. Damit können sich vielleicht andere abfinden, ich kann es nicht.

"Kritik an der israelischen Regierung ist legitim"

tagesschau.de: Neben dem öffentlich nicht tolerierten NS-Antisemitismus gibt es andere Formen der Feindschaft gegenüber Juden. Auch Neonazis sprechen heute nicht mehr von "Untermenschen", sondern hetzen stattdessen gegen den Staat Israel. Welche Rolle spielt dieser neue Antisemitismus?

Graumann: Ein ordentlicher Faschist muss Juden hassen, und zwar alle auf einmal, sonst ist er einfach nicht glücklich. Das ist die Seele des Faschismus. Bei anderen Gruppen muss man differenzieren. Natürlich ist es legitim, die konkrete Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Das geschieht in Israel auch ständig. Dort wird sehr leidenschaftlich diskutiert. Auch wer in Deutschland israelische Politik leidenschaftlich ablehnt, ist damit noch längst nicht Antisemit. Es gibt aber einen Unterschied zwischen konkreter Kritik und einer Feindschaft, die sich dadurch zeigt, dass man Israel die Existenzberechtigung abspricht. Oder dadurch, dass man alle Juden auf der Welt gleich in Generalhaftung nimmt für alles, was einem an Israel nicht gefällt, von geschmacklosen Nazi-Vergleichen ganz abgesehen. Wer sich derart äußert, der hat die Schwelle zum Antisemitismus überschritten.

tagesschau.de: Dem Zentralrat der Juden kommt in der öffentlichen Debatte oft eine Rolle als Mahner zu. Sie werden gerne gefragt, wenn Rassismus oder Antisemitismus thematisiert werden. Nervt Sie diese Rolle manchmal?

Graumann: Wir sollten uns nicht nur auf diese Rolle konzentrieren. Diese wird von den Medien von uns erwartet, aber wir müssen noch viel mehr sein - und sind es ja auch. Wir werden aber dennoch unsere Stimme weiter erheben für das, was uns am Herzen liegt oder was uns stört. Beispielsweise die NPD. Oder das islamo-faschistische System in Teheran, das den Holocaust bis heute laut leugnet und den jüdischen Staat auslöschen will. Darüber werden wir leidenschaftlich reden. Aber wir müssen auch ein modernes Bild vom Judentum transportieren.

Der Innenraum der Synagoge in der Berliner Rykestraße | Bildquelle: dpa
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1940 wurde die Synagoge Rykestraße von den Nazis konfisziert - heute ist sie die größte Synagoge in Berlin.

Integration mit den Mitteln des Sports

tagesschau.de: In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren wieder ein öffentliches jüdisches Leben entwickelt, das war nach dem Holocaust fast undenkbar. Sie waren beispielsweise mehr als zehn Jahre Präsident des Sportvereins Makkabi Frankfurt. Was steckt hinter der Idee der Makkabi-Vereine?

Graumann: Jüdische Jugendpolitik soll auch mit den Mitteln des Sports vorangetrieben werden. Unsere Kinder sollen eine jüdische Identität gewinnen, beziehungsweise diese weiter stärken. Im Sport funktioniert auch die Integration wunderbar. Dies ist für uns besonders wichtig, da die jüdischen Gemeinden zu 90 Prozent aus Mitgliedern bestehen, die in den vergangenen 20 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind. Bei den Makkabi-Vereinen spielen aber auch sehr viele nicht-jüdische Kinder, hier wird auf spielerische Weise das harmonische Zusammenleben eingeübt und vorgelebt. Ich meine: Wer heute zusammen Sport treibt, der wird sich morgen nicht fremd gegenüberstehen.

60 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland
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"Unsere Kinder sollen eine jüdische Identität gewinnen, beziehungsweise diese weiter stärken", fordert Graumann.

tagesschau.de: Die Integration der Menschen aus der Ex-Sowjetunion hat aber auch für viele Probleme in den Gemeinden gesorgt. Was ist da noch zu leisten?

Graumann: Es ist noch viel zu tun, aber es ist auch schon viel geleistet worden. Diese Integration ist eine große Erfolgsstory. Es entsteht eine ganz neue jüdische Gemeinschaft in Deutschland, es entsteht ein neues, plurales Judentum. Das ist eine große Herausforderung und Chance für die Zukunft.

"Lebendiges Judentum inmitten einer freiheitlichen Gesellschaft"

tagesschau.de: 66 Jahre ist die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz nun her. Wie soll das deutsche Judentum im Jahr 2077 aussehen?

Graumann: Wir wollen uns nicht nur in der Opferrolle sehen, sondern ich wünsche mir ein frisches, putzmunteres Judentum, das sich auf seine Stärken besinnt, auf die Ansammlung von positiven Werten und Traditionen. Ich wünsche mir ein lebendiges Judentum inmitten einer freiheitlichen Gesellschaft, die sich gründet auf gemeinsam akzeptierte Regeln von Toleranz, Respekt und Freiheit. Ich will übrigens glauben, dass wir dafür gar nicht bis zum Jahr 2077 warten müssen.

tagesschau.de: Welchen Stellenwert wird der 27. Januar für das deutsche Judentum künftig haben?

Graumann: Wir werden uns natürlich immer an die Shoah erinnern. Wir Juden haben ein gutes Gedächtnis, wir erinnern uns heute noch an Ereignisse, die 3000 Jahre zurückliegen. Da werden wir nicht vergessen, dass erst vor einigen Jahrzehnten sechs Millionen jüdische Menschen ermordet wurden. So gesehen, und ohne jede Schuldzuweisung an die Menschen im Deutschland von heute: Für uns ist jeder Tag im Jahr Holocaust-Gedenktag.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

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