Hintergrund

Eine vom Hochwasser der Elbe eingeschlossene Ortschaft am 05.06.2013 nahe Riesa in Sachsen | Bildquelle: dpa

Hochwasserschutz in Deutschland Nicht nur Deiche sind wichtig

Stand: 05.06.2013 16:10 Uhr

Starkregen, der nicht im Boden versickern kann, zugebaute Landschaften und begradigte Flüsse - die Ursachen für Hochwasser sind vielfältig. Doch höhere Deiche allein können das Problem nicht lösen.

Von Werner Eckert, SWR-Umweltredaktion

Hochwasserschutz fängt auf dem Acker an. Wo immer der Regen runterplatscht, hat er zwei Wege: in den Boden oder in den Bach. Alles, was in den Boden geht, ist erst mal gut. Das lässt den Pegel nicht steigen.

Vom Hochwasser überflutetes Feld | Bildquelle: dpa
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Wasser, so weit das Auge reicht. Überflutetes Feld bei Jena.

Waldboden, naturnaher Laubwald - das ist der optimale Schwamm, um die Wogen aufzusaugen. Fichtenforst ist weniger gut, und jeder Fahrweg im Wald ist ein weiterer potenzieller Ablauf, der die Lage verschlechtert.

Ackerböden sind nur zweite Wahl beim Hochwasserschutz. Aber auch da gibt es Unterschiede: Eine Studie des bundeseigenen Thünen-Instituts hat gezeigt, dass biologisch bewirtschaftete Felder fast doppelt soviel Wasser aufnehmen können wie konventionelle. Mehr Humus sorgt für bessere Bodenstruktur. Ein Mittelweg: Wenigstens auf den Pflug sollten die Bauern verzichten - das hilft gegen Hochwasser.

Zugebaute Landschaften

Beton nimmt gar kein Wasser auf. Trotzdem werden jeden Tag in Deutschland 100 Hektar Land zugebaut. Bei einem starken Regen kommen von dieser Fläche alleine dann 100.000 Kubikmeter Wasser zusätzlich in die Kanalisation und in die Flüsse.

Die Bundesregierung will zwar diesen Landschaftsverbrauch auf 30 Hektar am Tag senken, aber bislang sind die Erfolge gering. Je weniger verbaut wird, desto weniger Hochwasser. Eine praktikable Alternative wäre, Regenwasser in Neubaugebieten nicht mehr in den Kanal zu leiten, sondern in Zisternen, oder es versickern lassen.

Wenig Überflutungsgebiete

Ist das Wasser erst mal im Fluss, dann helfen Auen und Polder, die Sache unter Kontrolle zu behalten. Aber: 80 Prozent der natürlichen Überflutungsräume an Deutschlands Flüssen sind durch Begradigungen und Deiche verloren gegangen. Eine Folge ist, dass die Hochwasserwelle viel schneller den Fluss hinunterrauscht. Nach Untersuchungen des WWF-Aueninstituts braucht sie für die Strecke Basel-Karlsruhe am Rhein heute 30 Stunden. 1955 waren es noch 65 Stunden. Es bleibt viel weniger Zeit für die Anwohner, zu reagieren. Zudem bäumt sich das Wasser in dem engen Bett höher auf.

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Hochwasser in Deutschland (Juni 2013)

Der Kampf gegen die Wassermassen.

Elbehochwasser

Blick über die Wassermassen der Elbe zur Stadtsilhouette Dresdens. Am Mittwochmorgen stand der Pegel bei 8,27 Meter. Weitere Evakuierungen werden vorbereitet. | Bildquelle: dpa

Rückbau kommt nur langsam in Gang

1990 haben die Länder am Rhein vereinbart, wie viel Platz sie diesem Fluss wieder einräumen wollen. Aber nur die Hälfte dieser Planungen sind bisher umgesetzt worden. An der Elbe werden und wurden zwar auch Deiche zurückverlegt, etwa bei Lenzen in Brandenburg und bei Dessau in Sachsen-Anhalt. Aber alles zusammen macht das nur 1 Prozent der verlorenen natürlichen Überflutungsflächen aus.

Politik konzentriert sich häufig auf den Deichbau

Anpassung heißt dann eigentlich erst ganz am Ende technischer Hochwasserschutz, also Deiche und Dämme zum Beispiel. Immer ausgeklügelter werden mobile Systeme, die die Sandsack-Barrieren ersetzen sollen, damit das allerschlimmste verhindert werden kann. Die Politik konzentriert sich häufig auf diesen unmittelbaren Schutz. In Bayern wurden in den vergangenen Jahren Hundert von Deichkilometern saniert.

In Grimma und Eilenburg an der Mulde wurden Flutschutzanlagen gebaut und ausgebaut. Doch das alles dauert auch: Von den rund 350 Maßnahmen, die alleine Sachsen nach der Flut von 2002 geplant hat, ist erst ein Viertel abgeschlossen. Tatsache ist, dass durch technische Maßnahmen das Problem meistens nur verlagert wird in Richtung Flussmündung. Gelöst wird es nicht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, r) läuft am 29.05.2010 gemeinsam mit Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) in Frankfurt (Oder) an einer Hochwasser-Schutzwand am deutsch-polnischen Grenzfluss Oder entlang. | Bildquelle: dpa
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Ein Bild aus vergangenen Tagen: Kanzlerin Merkel und Brandenburgs Ministerpräsient Platzeck weihen eine Flutschutzanlage an der Oder ein.

Starkregen - eine Folge des Klimawandels

Hochwasser ist und bleibt aber auch ein Naturereignis: Sehr starker Regen hat schon immer Überflutungen ausgelöst und Menschen geschädigt. Aber durch den Klimawandel gibt es mehr Starkregenfälle als früher, wie etwa für Nordrhein-Westfalen nachgewiesen ist. Umweltverbände sprechen davon, dass sie sich in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren verdoppelt hätten. Praktisch alle Klimamodelle zeigen zudem, dass dieser Trend anhalten wird.

Da hilft dann nur eines: Abstand vom Wasser halten! Ein Bauverbot für von Überschwemmung bedrohte Gebiete ist trotzdem löchrig. In praktisch allen Bundesländern gibt es Regelungen, die zumindest Ausnahmen zulassen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Juni 2013 um 16:00 Uhr.

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