Gregor Gysi sitzt im Sommerinterview Tina Hassel und Rainald Becker gegenüber. | Bildquelle: dpa

Gregor Gysi im ARD-Sommerinterview "Wir haben alle versagt!"

Stand: 16.08.2015 19:58 Uhr

Die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte sind für Linken-Fraktionschef Gysi das Resultat eines Totalversagens von Medien, Politik und Wissenschaft. Mit Blick auf die griechische Schuldenkrise sagte er, das Handeln der Gläubiger komme einer "Abschaffung der Demokratie" gleich.

Überall in Deutschland ist es in den vergangenen Wochen zu fremdenfeindlichen Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte gekommen. Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Gregor Gysi, sieht darin ein Totalversagen von Politik, Medien und Wissenschaft. "Wir haben alle versagt! Mich eingeschlossen", sagte der Politiker im ARD-Sommerinterview.

Die Gesellschaft müsse dafür sorgen, dass Ängste abgebaut werden, bestenfalls gar nicht erst entstehen. "Wir müssen alle einen Beitrag zu viel mehr Normalität leisten", forderte Gysi. Er habe folgende Erfahrung gemacht: "Dort wo wirklich Muslime leben, wird nicht rechtsextrem gewählt. Aber dort wo keine leben und wo so eine abstrakte Angst davor besteht, da passiert das."

Bericht aus Berlin - Sommerinterview mit Gregor Gysi
16.08.2015

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Turbulente Zeiten für die Linkspartei

Das Sommerinterview ist das letzte mit Gysi als Fraktionsvorsitzendem. Der Politiker hatte auf einem Parteitag Anfang Juni angekündigt, nicht mehr für den Fraktionsvorsitz im Bundestag zu kandidieren. In einer emotional gefärbten Rede hatte er seinen Schritt unter anderem damit begründet, dass es Zeit sei, die Fraktionsführung in jüngere Hände zu übergeben. Seinen Posten werden die bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden der Linkspartei-Fraktion im Bundestag, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, übernehmen.

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht auf dem Parteitag der Linkspartei in Bielefeld. | Bildquelle: dpa
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Werden Gysi im Amt nachfolgen: Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht

Sein Rückzug sei nicht aus der Angst heraus entstanden, womöglich bald aus seinem Amt geschmissen zu werden, sagte Gysi im Sommerinterview. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie beliebt ich gerade in der Fraktion bin", scherzte er. Eine weitere Amtszeit hätte er "schon durchgesetzt, wenn ich das gewollt hätte". Seine Entscheidung zu gehen sei vielmehr von langer Hand geplant gewesen.

Von der neuen Doppelspitze erhofft sich Gysi eine bessere Zusammenarbeit zwischen den zerstrittenen Flügeln der Partei: "Ich hoffe, dass die beiden nicht nur einen Kompromiss für sich selbst finden, sondern auch für die Fraktion und für die Partei", sagte Gysi. Der Poltiker verlässt die Fraktions-Spitze in turbulenten Zeiten: Da ist die Problematik im Umgang mit Flüchtlingen, die NSA-Affäre und nicht zuletzt die Rettungspolitik für Griechenland.

Athen "ist ja auch erpresst worden"

Insbesondere bei der Frage, ob sie dem neuen Hilfspaket für Griechenland zustimmen soll, steckt die Linkspartei aktuell in einem Dilemma: Einerseits sieht sie sich als Verbündeten der linken griechischen Regierung, deren Chef Alexis Tsipras dem Hilfspaket inzwischen zugestimmt hat. Andererseits hält Die Linke die Sparauflagen der Gläubiger für falsch und lehnt diese ab.

Gysi kündigte im Sommerinterview an, am Mittwoch gegen das Hilfspaket zu stimmen. "Wenn wir mit Nein stimmen, kritisieren wir unsere Regierung", begründete er diese Entscheidung. Das bedeute aber nicht, dass die Linkspartei der Regierung in Athen in den Rücken falle. "In Griechenland würde ich immer mit Ja stimmen. Die sind ja auch erpresst worden", erklärte der Politiker.

Die Art, mit der die Gläubiger in Athen aufgetreten seien, käme einer "Abschaffung der Demokratie" gleich. "Mich ärgert die Gängelung der Troika", sagte Gysi.

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