Eine Hand stellt eine Uhr von 2 Uhr auf 3 Uhr vor
FAQ

Beginn der Sommerzeit Warum die Zeit weiter umgestellt wird

Stand: 26.03.2023 08:33 Uhr

Der Wechsel zwischen Sommer- und Normalzeit nervt viele Deutsche - zumal die EU die Zeitumstellung schon längst hatte abschaffen wollen. Woran hakt es?

Von Mit Informationen von Stephan Ueberbach, ARD-Studio Brüssel

Die Uhren wurden in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 2 Uhr auf 3 Uhr vorgestellt. Der Sonntag ist somit 60 Minuten kürzer und man kann weniger schlafen, wenn man zu gewohnten Zeit aufsteht. Zugleich bleibt es ab Sonntag aber infolge der Zeitumstellung auch abends eine Stunde länger hell.

Wie funktioniert die zentrale Zeitumstellung?

Rein technisch ist die Zeitumstellung unproblematisch. Taktgeber für die Zeit sind in Deutschland die Atomuhren der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Über Sender werden die Signale übertragen, durch die sich die Funkuhren automatisch an die Zeitumstellung anpassen. Auch für die Deutsche Bahn ist die Zeitumstellung längst Routine.

Uhren vor- oder zurückstellen - wie merkt man sich das?

Es gibt dafür eine Reihe von Eselsbrücken. Eine der bekanntesten ist der Vergleich mit Gartenmöbeln: Im Sommer werden die Gartenmöbel vor das Haus in den Garten gestellt - so wie auch die Uhr vorgestellt wird. Im Winter stellt man die Gartenmöbel zurück ins Haus. Genauso stellt man auch die Uhr zurück.

Wie lange gibt es die Zeitumstellung schon?

Im Deutschen Reich gibt es erst seit 1893 überhaupt eine einheitliche Uhrzeit. Damals wurde die sogenannte Mitteleuropäische Zeit festgelegt. Im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen wurde von 1916 bis 1919 und von 1940 bis 1949 allerdings eine eigene Sommerzeit eingeführt - vor allem, um das Tageslicht in Landwirtschaft und Rüstungsindustrie besser nutzen zu können.

Zwischen 1950 und 1979 drehte Deutschland nicht an den Uhren. Erst im Zuge der Ölkrise führten beide deutschen Staaten wieder eine Sommerzeit ein, um Energie zu sparen. Bis 1996 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union vereinheitlicht. Seitdem stellt Deutschland die Uhren Ende März und Ende Oktober um, also jedes Jahr einmal auf die Sommerzeit und einmal zurück auf die Normalzeit.

Warum wird über die Abschaffung diskutiert?

Seit Jahren zeigen Umfragen, dass die Zeitumstellung in vielen europäischen Ländern sehr unbeliebt ist. Deshalb hat die EU-Kommission - um vor den Europawahlen 2019 Handlungsfähigkeit und Bürgernähe zu demonstrieren - 2018 eine Umfrage in der EU gestartet: Es war die bislang mit Abstand erfolgreichste Online-Umfrage in der Geschichte der EU-Kommission. Das klare Ergebnis: 84 Prozent der rund 4,6 Millionen Teilnehmer, darunter drei Millionen Deutsche, sprachen sich für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus. Die meisten Menschen votierten für eine dauerhafte Sommerzeit.

Was folgte politisch daraus?

Als Konsequenz schlug die Kommission vor, die Zeitumstellung in Europa zu beenden und den Mitgliedstaaten die Entscheidung zu überlassen, ob sie dauerhaft die bisherige Normalzeit der Wintermonate oder die Sommerzeit haben möchten. Das Europaparlament sprach sich dafür aus, die Umstellung 2021 abzuschaffen - was aber bislang ohne Konsequenzen blieb.

Und warum passiert nichts?

Was weiterhin fehlt, ist die Zustimmung der 27 EU-Länder. Aber diesbezüglich herrscht seit Jahren Stillstand. Die zuständigen Verkehrsminister im Rat der EU haben sich zuletzt 2019 mit dem Thema befasst.

Zudem gibt es im Kreis der EU-Staaten keine einheitliche Position, welche Zeit künftig gelten soll. Es besteht die Sorge, dass die Auswirkungen einer Änderung nicht ausreichend erforscht und analysiert seien. Außerdem befürchten Beobachter, dass Europa wieder zu einem Flickenteppich unterschiedlicher Zeitzonen zwischen Griechenland im Osten und Portugal im Westen zurückkehren könnte, - was etwa neue Hindernisse für Wirtschaft, Verkehr und grenzüberschreitenden Alltag bedeuten würde.

Warum ist die Zeitumstellung so umstritten?

Kritiker argumentieren, dass die zweimalige Umstellung pro Jahr den Biorhythmus von Menschen und auch von Nutztieren durcheinander bringt, vergleichbar mit einem Mini-Jetlag. Das führe bei vielen Menschen zu gesundheitlichen Problemen, darunter vor allem Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK aus dem vergangenen Jahr gaben 27 Prozent der Befragten an, aufgrund der Zeitumstellung schon einmal gesundheitliche Probleme gehabt zu haben.

Auch die grüne EU-Abgeordnete Anna Derparnay-Grunenberg findet es falsch, den Menschen ohne Not zweimal im Jahr einen Mini-Jetlag zu verpassen: "Auf EU-Ebene ist es tatsächlich ein leidiges Thema, weil die Bürgerinnen und Bürger erwarten, dass gehandelt wird, aber die Sache zugleich doch sehr kompliziert ist."

Und was ist mit dem Thema Energieverbrauch?

Wissenschaftler unterstreichen, dass die Zeitumstellung, anders als zunächst vermutet, nicht zur Energieeinsparung beiträgt: Zwar werde im Sommer tatsächlich weniger Strom für Licht verbraucht. Im Frühjahr und Herbst werde jedoch in den Morgenstunden auch mehr geheizt.

Welche Modelle gibt es?

Denkbar ist es, die bisherige Zeit der Wintermonate, die über Jahrzehnte bereits die Normalzeit in Deutschland war, zum Standard für das gesamte Jahr zu machen. Die deutliche Mehrheit der Deutschen ist allerdings laut Umfragen für eine ständige Sommerzeit.

Welche Argumente gibt es für eine ständige Sommerzeit?

Sie würde im Winter abends für längeres Tageslicht sorgen. Viele Befürworter sehen darin einen Gewinn für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Was spricht dagegen?

Eine ständige Sommerzeit würde bedeuten, dass es im Winter teilweise erst gegen 9 Uhr morgens hell würde. So würden etwa Schüler die ersten Unterrichtsstunden noch im Dunkeln absolvieren. Das erhöht nach Einschätzung mancher Mediziner die Gefahr von Depressionen.

Wie geht es weiter?

Gibt es weiterhin eine große Zeitzone mit 16 Ländern? Oder müssen Grenzpendler jeden Tag zweimal an der Uhr drehen? Was ist mit der Bahn, den Flughäfen, den Logistik-Unternehmen? Und: Wird es im Winter in Spanien erst am späten Vormittag hell, in Polen dafür schon um halb drei dunkel? Fragen über Fragen, für die es nach wie vor und in absehbarer Zeit keine Antworten gibt.

Denn auch die amtierende schwedische Ratspräsidentschaft will sich nicht um das Thema kümmern, da heißt es, erst müssten sich mal ein paar Staaten dafür interessieren, was ganz offensichtlich seit geraumer Zeit nicht mehr der Fall ist.

Und die EU-Kommission hat schon mal bis 2026 die Termine für die Zeitumstellung festgelegt. Es deutet also vieles darauf hin, dass der Sprecher der EU-Kommission, Eric Mamer, im Herbst auf die inzwischen ritualisierte Frage von Journalisten nach Neuigkeiten bei der Abschaffung der Zeitumstellung wieder sagen wird: "We have no News for you. No."

Stephan Ueberbach, Stephan Ueberbach, ARD Brüssel, 25.03.2023 12:06 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. März 2023 um 14:11 Uhr.