Gedenken an Süleyman Tasköprü | Bildquelle: picture alliance / dpa

Angehörige von NSU-Opfer kritisiert Bundespräsidenten "Ich will Antworten, keine Betroffenheit"

Stand: 17.02.2013 13:52 Uhr

Bundespräsident Gauck hat die Angehörigen der NSU-Opfer eingeladen. Doch die Schwester des Hamburger NSU-Opfers Süleymann Tasköprü lehnt ab: Sie wolle Antworten, keine Betroffenheit, schreibt sie in einem Brief an Gauck - und beschreibt die Demütigungen der vergangenen Jahre.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Aysen Tasköprü kann nicht mehr: "Im Sommer 2001 töteten die Neonazis meinen Bruder", schreibt die Hamburgerin in einem Brief, der tagesschau.de vorliegt, an Bundespräsident Joachim Gauck. Im Spätsommer 2011 - also zehn Jahre später - habe die Kriminalpolizei bei ihr geklingelt. "Sie brachten mir die persönlichen Gegenstände meines Bruders. Ich fragte die Beamtin, warum jetzt die Sachen kämen; ob es etwas Neues gibt. Sie sagte nur, man habe nur vergessen mir die Sachen zurückzugeben."

Aysen Tasköprü habe stundenlang vor den Sachen ihres toten Bruders gesessen: "Ich habe tagelang gebraucht, um mich zu überwinden meinen Eltern davon zu erzählen", berichtet sie.

Gauck hat Angehörige von NSU-Opfern eingeladen. Zuvor war er in die Kritik geraten, da er sich nicht genug um den NSU-Komplex kümmere. Doch Aysen Tasköprü weist die Einladung zurück - kritisiert Gauck, weil er nicht die Rechtsanwälte der Betroffenen, die im NSU-Prozess als Nebenkläger auftreten, als Begleitung und Unterstützung dabei haben wolle. "Sie möchten nur ihre Empathie ausdrücken, aber keine Anwälte auf diesem Treffen sehen", schreibt Aysen Tasköprü an Gauck. Doch sie fühle sich dem allein nicht gewachsen. Das Bundespräsidialamt hatte die Anwesenheit von Rechtsanwälten als Vertrauenspersonen abgelehnt, da es in dem Treffen nicht um rechtliche Fragen gehen solle.

Inzwischen teilte das Bundespräsidialamt auf Anfrage von tagesschau.de mit, dass man die Angehörigen gebeten habe, von der Begleitung durch Rechtsanwälte als vertraute Personen abzusehen, um die persönliche Atmosphäre zu gewährleisten.

"Er ist ein zweites Mal gestorben"

Aysen Tasköprü will aber nicht allein zum Bundespräsidenten, daher schildert sie Gauck schriftlich, wie es ihr geht. An dem Tag, als die NSU-Terrorserie bekannt wurde, sei auch ihre Großmutter gestorben. "Ich habe in dieser Nacht nicht geschlafen, ich musste mich ständig übergeben. Am nächsten Tag hätte ich Frühdienst gehabt, ich konnte nicht zur Arbeit gehen. Das Telefon klingelte ununterbrochen, Presse und Fernsehen wollten Interviews, ich wollte nur meine Ruhe." In dieser Zeit habe sie noch öfter als sonst an ihren Bruder gedacht und "daran, wie ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Das war in der Türkei, kurz vor seiner Beisetzung. Er war in weiße Tücher eingewickelt. Er war bleich und so kalt, aber sein Mund sah aus, als ob er lächeln würde."

Joachim Gauck | Bildquelle: dpa
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Aysen Tasköprü hat Joachim Gaucks Einladung abgelehnt.

Dann sei der Abend gekommen, an dem im Fernsehen das Bekennervideo des NSU gezeigt wurde. "Ich habe angefangen zu schreien und konnte nicht wieder aufhören. Da lag mein Bruder in seinem eigenen Blut auf den rotweißen Fliesen, die ich so gut kannte." An diesem Tag sei ihr Bruder "ein zweites Mal gestorben und etwas in mir ist zerbrochen".

"Du bist kein Deutscher"

Aysen Tasköprü wurde 1974 in der Türkei geboren; seit 1979 lebt sie in Deutschland, ging hier zur Schule, machte eine Ausbildung, wurde Mutter. "Ich fühlte mich als Deutsche mit türkischen Wurzeln", schreibt sie dem Bundespräsidenten. Noch im März 2011 habe sie darüber lachen können, als eine Sachbearbeiterin auf einem Hamburger Amt zu ihrem Sohn sagte, er sei kein Deutscher. "Der Kleine war ganz erstaunt", so Tasköprü, und habe der Beamtin sehr ernsthaft erklärt, dass er sehr wohl Deutscher sei. Mittlerweile könne sie darüber nicht mehr lachen.

"Was ist das für eine Heimat, in der du erschossen wirst, weil deine Wurzeln woanders waren?", fragt sie Gauck. Die Familie lebe in Angst: "Wir haben eine Telefonkette und wenn sich jemand nicht meldet, sind wir alarmiert." Ihr Vater möchte die Familie am liebsten sofort in die Türkei bringen.

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Es helfe ihr wohl kaum, wenn Gauck nun betroffen sei, schreibt die 38-Jährige. Stattdessen fordert sie Antworten, doch das Misstrauen ist groß: "Wer sind die Leute hinter dem NSU? Was hatte der deutsche Staat damit zu tun? Wer hat die Akten vernichtet und warum?" Gauck solle als erster Mann im Staat lieber helfen, Antworten zu finden, fordert Tasköprü.

Angehörige als Verdächtige

Das Misstrauen der Angehörigen kommt nicht von ungefähr: Wie verbissen auch die Ermittler in Hamburg in der Mordserie über Jahre von einem Verbrechen im "Milieu" ausgegangen waren, zeigen Recherchen von tagesschau.de. So geht aus Ermittlungsakten hervor, dass die Polizei die Theorie aufstellte, Süleymann Tasköprü sei "aus Wut" über angebliche Schulden in Höhe von weniger als 2000 Euro von zwei professionellen Auftragskillern erschossen worden.

Um diese Theorie zu belegen, wollten die Ermittler einen angeblichen Verdächtigen in den Niederlanden, der von einem zwielichtigen Informanten belastet worden war, noch im Jahr 2007 überwachen lassen. Die Ermittler wollten gleichzeitig noch einmal "Personen aus dem Umfeld" von Süleymann Tasköprü vernehmen und hofften, dass diese danach Kontakt zu dem Verdächtigen in den Niederlanden aufnehmen würden. Ein Vorgehen, das ohne Ergebnis blieb.

Rechtsextremen Motiv wurde nicht nachgegangen

Nicht nur in Hamburg waren die Ermittler davon ausgegangen, die Täter seien im Umfeld der Opfer zu suchen. Rassistische Mordmotive spielten kaum eine Rolle, in Hamburg gar keine. Dabei wurde den Ermittlern nach dem neunten Mord der Rechtsterroristen im Jahr 2006 noch ein Hinweis auf das Motiv geliefert. So erhielt eine islamische Gemeinde in Hamburg einen Brief, in dem es hieß: "Türken-Hasser sind wir alle. Ihr habt Euch hier eingeschlichen und bleibt Multikulti und Verbrecher. Es ist doch gut, dass einer mal ein paar Türken abknallt. Ich habe mich darüber gefreut."

Die Gemeinde übergab dem Brief der Polizei, doch für die Suche nach einem Motiv spielte das Schreiben keine Rolle. Nach dem Bekanntwerden der NSU-Terrorserie erkundigte sich im Dezember 2011 ein Beamter der  Sonderkommission beim Landeskriminalamt danach, was aus dem Brief geworden sei. Die Antwort: Der Absender des Briefes sei offenbar geistig verwirrt. Immerhin hatte er aber – im Gegensatz zur Polizei, Politik und Öffentlichkeit – den Hintergrund der Mordserie erkannt.

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