Interview

Eine Frau steht neben einem Baum | Bildquelle: picture alliance / dpa

Forschungsprojekt zu psychischen Erkrankungen "Nur ein kleiner Teil wird behandelt"

Stand: 17.02.2014 03:47 Uhr

Depression, Schizophrenie oder ADHS gelten als neue Volkskrankheiten. Deshalb startet das Bildungsministerium ein Forschungsprojekt zu psychischen Erkrankungen. Der Schlüssel zum Erfolg sind individualisierte Therapien, sagt der Mediziner Meyer-Lindenberg im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: In dem Forschungsprojekt des Bildungsministeriums ist die Rede von "Volkskrankheiten" - sind wir ein Volk von Psycho-Wracks?

Meyer-Lindenberg: Nein, aber psychische Erkrankungen sind ein weit verbreitetes Phänomen. Sie sind die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Die Kosten dafür werden in Europa auf über 500 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Deshalb spricht das Ministerium von "Volkskrankheiten", auch wenn ich persönlich den Begriff nicht ganz glücklich finde. Denn die Zahl der Kranken nimmt gar nicht unbedingt zu, sondern war schon immer hoch. Über die letzten Jahrzehnte - das zeigen Statistiken - litten stets etwa 20 Prozent der Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung.

alt Andreas Meyer-Lindenberg

Andreas Meyer-Lindenberg

Der studierte Mediziner und Mathematiker ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Er leitet zudem das Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit, das im Rahmen des Forschungsprojekts gefördert wird.

tagesschau.de: Wie wollen Sie das Problem in den Griff bekommen?

Meyer-Lindenberg: Ein riesiges Problem ist, dass zu wenig psychisch Kranke eine Behandlung bekommen. Etwa 80 Prozent der Betroffenen gehen zwar zum Arzt - von denen wird aber nur die Hälfte als psychisch krank erkannt. Und von diesen wiederum gelangt nur ein kleiner Teil in Behandlung, sei es, weil die Motivation fehlt, den Betroffenen das soziale Stigma zu groß ist oder dass es schlichtweg an Therapieplätzen fehlt. Deshalb wollen die beteiligten Forschungseinrichtungen die Diagnosemöglichkeiten verbessern und die Therapieansätze weiterentwickeln, damit psychische Erkrankungen künftig möglichst früh erkannt und richtig behandelt werden.

tagesschau.de: Wie könnte die Therapie der Zukunft aussehen?

Die moderne Kernspintomographie soll bei der Erforschung von Alzheimer helfen | Bildquelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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Moderne bildgebende Verfahren könnten in Zukunft helfen, psychische Erkrankungen zu diagnostizieren - bei Alzheimer ist dies bereits der Fall.

Meyer-Lindenberg: Wir müssen die Behandlung stärker individualisieren. Es gibt nicht das eine Medikament oder den einen Behandlungsansatz, der allen psychisch Kranken gleichermaßen hilft. Zum Beispiel schlagen bei einer Schizophrenie bestimmte Medikament bei manchen Patienten gut an, bei anderen wiederum gar nicht. Deshalb müssen diese mit einer gezielten Zusatztherapie kombiniert werden, wie beispielsweise ein Sportprogramm. Wir müssen außerdem die Persönlichkeit des Betroffenen analysieren, seine kognitiven Fähigkeiten und seine genetische Disposition berücksichtigen.

Ebenso müssen wir neue technische Möglichkeiten ausschöpfen, wie etwa Hirnscans. Bei Angststörungen bieten sich neuartige Therapieverfahren an, die die die Möglichkeiten der virtuellen Realität nutzen.

"Gestuftes Behandlungsprogramm"

tagesschau.de: Unter den Krankheiten des Forschungsprojekts wird auch ADHS genannt. Gerade bei dieser Krankheit beklagen Betroffene wie Ärzte eher eine Übertherapie - meist in Form von Ritalin - als eine Unterversorgung. Droht durch neue Therapiemöglichkeiten nicht auch eine neue Diagnose-Welle?

Junge sitzt vor Schulbuch und stützt Kopf in die Hände | Bildquelle: dpa
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Vier von hundert Kindern leiden unter ADHS. Tendenz: steigend.

Meyer-Lindenberg: In der Tat werden Kinder und Jugendliche häufig übertherapiert. Was wir hier brauchen, ist ein gestuftes Behandlungsprogramm. Wir dürfen nicht jedem Kind sofort alle Medikamente geben, sonder müssen schrittweise die therapeutischen Möglichkeiten ausschöpfen. Das kann bedeuten, dass es mehr Selbsthilfeprogramme gibt. Es kann aber auch ebenso heißen, dass wir Erzieher und Lehrer besser ausbilden, damit eine mögliche Erkrankung so früh wie möglich erkannt wird. Dann könnte auch das Ausmaß der Ritalin-Verschreibungen abnehmen.

Immer mehr Frühverrentungen wegen psychischer Leiden
K. Steinbrecher, ARD Berlin
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tagesschau.de: Reichen für diese ambitionierten Ziele und das Ausmaß der genannten Krankheiten die 35 Millionen Euro des Bildungsministeriums überhaupt aus?

Meyer-Lindenberg: Um das Problem in seiner Gänze zu behandeln reicht diese Summe sicher nicht aus. Aber wir werden einen wichtigen ersten Schritt machen, und wir hoffen das sich diesem Engagement auch nach Ablauf des Projekts im Jahr 2018 weitere nachhaltige Fördermaßnahmen anschließen werden.

DGB-Index: Psychischer Stress am Arbeitsplatz nimmt enorm zu
A. Fünffinger, ARD Berlin
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Eines der Hauptprobleme: Das soziale Stigma

Eine Frau sitzt im Wald auf einer Bank | Bildquelle: picture alliance / Frank May
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Viele psychisch Kranke fühlen sich von der Gesellschaft ausgegrenzt und stigmatisiert.

tagesschau.de: Ein Teil der Erkrankungen wird auch deshalb nicht behandelt, weil es häufig Monate dauert, bis die Betroffenen einen Platz bei einem Therapeuten bekommen. Ist das nicht ein viel drängenderes Problem?

Meyer-Lindenberg: Ja, definitiv, wir brauchen unbedingt mehr Behandlungsmöglichkeiten. Man muss den Ärzten und Therapeuten aber auch helfen, mit den möglichen Krankheitsbildern und den Therapiemöglichkeiten auf dem Laufenden zu bleiben. Das alles ist wichtig, damit den Betroffenen so schnell wie möglich die passende Therapie angedeiht.

tagesschau.de: Neben den medizinischen gibt es auch einige gesellschaftliche Probleme, etwa was die Akzeptanz von psychischen Erkrankungen betrifft.

Meyer-Lindenberg: Das ist eines der Hauptprobleme, wenn sie die Betroffenen fragen: Die häufigste Ursache nicht zum Arzt zu gehen, ist das soziale Stigma. Und da müssen wir unbedingt ran, damit Therapien nicht verschleppt werden. Deshalb haben wir auch laufende Anti-Stigma-Kampagnen, auch wenn wir wissen, dass das ein langer Weg. Das ist aber vor allem ein gesellschaftliches oder gesundheitspolitisches Problem. Der Beitrag der Forschung muss sein, dass wir die Krankheiten besser verstehen lernen, denn nur was wir verstehen, können wir auch akzeptieren.

Das Interview führte Alexander Steininger, tagesschau.de.

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