Interview

Flüchtlinge vor der Arbeitsagentur für Arbeit in Hannover, Bild vom 04.08.2015 | Bildquelle: dpa

Demografischer Wandel durch Flüchtlinge "Ein massiver Umbau der Gesellschaft"

Stand: 04.09.2015 14:23 Uhr

Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Sozialsysteme - 800.000 Flüchtlinge allein in diesem Jahr stellen Politik und Gesellschaft in Deutschland vor Herausforderungen. Im Gespräch mit tagesschau.de erklärt Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, welche Veränderungen auf uns zukommen.

tagesschau.de: Das Innenministerium rechnet in diesem Jahr mit 800.000 Flüchtlingen. Ist Deutschland damit ge- oder überfordert?

Meinhard Miegel: Deutschland ist ein starkes und reiches Land. Das heißt aber nicht, dass man in unbegrenzter Zahl Menschen aufnehmen kann. Aller Voraussicht nach wird es im kommenden Jahr und im Jahr darauf bei Zahlen in dieser Größenordnung bleiben, und dann sprechen wir von 2,5 Millionen Menschen innerhalb von drei Jahren.

tagesschau.de: Welche gesellschaftlichen Auswirkungen wird der Zuzug so vieler Menschen haben?

Miegel: Wir bekommen veränderte Strukturen - auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt. Auch wenn das schwer vergleichbar ist: Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten zwölf Millionen Menschen in ein kriegszerstörtes Land. Da wurden große Anstrengungen unternommen, um diese Menschen aufzunehmen und zu integrieren. Was es damals leichter machte, war die Tatsache, dass die zugewanderten Menschen denselben kulturellen Hintergrund hatten und vor allem dieselbe Sprache sprachen. Möglich ist eine solche Anstrengung aber auch jetzt. Sie bringt aber auf jeden Fall eine finanzielle Belastung und dann auch eine massiven Umbau der Gesellschaft mit sich. Ob es im Zuge des Prozesses eher zu Verwerfungen oder Fortschritten kommt, lässt sich kaum vorhersagen.

alt Meinhard Miegel

Zur Person

Seit 2007 ist Meinhard Miegel Vorstandsvorsitzender des "Denkwerks Zukunft" und setzt sich vor allem mit Fragen des demografischen Wandels und den Veränderungen für die Gesellschaft auseinander. Miegel, Jahrgang 1939, studierte Philosophie, Soziologie und Jura. Er arbeitete für die CDU, leitete das "Institut für Wirtschaft und Gesellschaft" und lehrte in Leipzig am "Zentrum für Internationale Wirtschaftsbeziehungen". Zuletzt erschien sein Buch "Hybris - die überforderte Gesellschaft".

tagesschau.de: Wie bereitet sich Deutschland am besten auf dieses Szenario vor?

Miegel: Man muss Chancen und Risiken einer solchen Entwicklung realistisch analysieren. Wer an seiner gewohnten Welt festhalten will, wird an den Veränderungen zu tragen und wahrscheinlich auch zu leiden haben. Auf der anderen Seite gilt es, neue Ideen und neue Fertigkeiten auch aufzunehmen. Oft bringen Zuwanderer eine hohe Motivation mit, sich im neuen Land einzusetzen.

Potenzial, aber auch Probleme

tagesschau.de: Angesichts des demografischen Wandels: Wieviele Zuwanderer sind wünschenswert?

Miegel: Will Deutschland den Bevölkerungsstand in seiner jetzigen Altersstruktur halten, braucht es eine Zuwanderung von 500.000 vor allem junger Menschen pro Jahr. Das halte ich weder für realistisch noch erstrebenswert, weil die Bevölkerung insgesamt weltweit altert. Geht es allein um den Bevölkerungsstand, braucht es etwa 300.000 Menschen. Deutschland kann sich aber auch auf eine zahlenmäßig schrumpfende und älter werdende Bevölkerung einstellen. Das erfordert allerdings eine ganz andere Politik, als die, die seit Jahren betrieben wird, zum Beispiel, was die Renten- oder Krankenversicherung angeht.

"Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz"

tagesschau.de: Welches Potenzial bringen dann die avisierten 800.000 Flüchtlinge mit?

Miegel: Viele von ihnen bringen viel Potenzial, viel Qualifikation mit. Wir werden erleben, dass sich Hunderttausende ohne oder nur mit geringen Problemen integrieren. Aber wir werden auch erleben, dass es bei vielen anderen große Probleme gibt. Folglich lassen sich die Zahlen über erfolgte und gewünschte Zuwanderung nicht einfach miteinander verrechnen. Gewünschte Zuwanderung lässt sich am ehesten steuern, wenn sich ein Land als Einwanderungsland definiert. Diesen Schritt ist Deutschland bislang nicht gegangen. Wir brauchen also dringend ein Einwanderungsgesetz. Davon getrennt ist die asylrechtliche Frage zu beantworten, welche Menschen aus humanitären und ethischen Gründen aufgenommen werden sollten.

tagesschau.de: Was für Erfahrungen anderer Länder lassen sich nutzen?

Miegel: Wir haben eine solche Situation in Europa noch nicht gehabt, können also auch nicht auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen. Folglich müssen wir experimentieren, und ich kann nur hoffen, dass das für alle Beteiligten möglichst erträglich verläuft. Einen ersten Schritt hat die Gesellschaft bereits unternommen, indem ein Bewusstsein für die Frage von Zuwanderung geschaffen wurde. Es gibt hier ja eine weit verbreitete Willkommenskultur.

Das Gespräch führte Ute Welty, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. September 2015 um 14:00 Uhr.

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