Flüchtlinge im September 2015 auf dem Hauptbahnhof in München | Bildquelle: dpa

Flüchtlingspolitik Willkommenskultur mit Rissen

Stand: 07.04.2017 12:23 Uhr

Die Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen sinkt offenbar. Eine Bertelsmann-Studie kommt zu dem Schluss, dass die Willkommenskultur längst nicht mehr so stark ist wie noch vor zwei Jahren. Viele der Befragten sehen die Belastungsgrenze erreicht.

Im Herbst 2015 beeindruckten Tausende Menschen in Deutschland mit ihrer Bereitschaft, Flüchtlinge zu unterstützen. Nun geht die Bereitschaft zur Aufnahme offenkundig zurück. Wie die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh berichtete, sehen mehr als die Hälfte der Bundesbürger (54 Prozent) Deutschland an seiner Belastungsgrenze angekommen. Bei der Vorstellung einer Studie zur Willkommenskultur hieß es, dass vor zwei Jahren lediglich 40 Prozent der Bürger dieser Meinung waren. 37 Prozent vertraten nun die Ansicht, Deutschland könne und solle mehr Flüchtlinge aufnehmen, weil es humanitär geboten ist. Im Jahr 2015 waren noch 51 Prozent dieser Ansicht.

Hingegen sprechen sich zunehmend mehr Bürger für die bislang nicht umgesetzte EU-Regelung aus, dass jedes Land eine feste Zahl an Flüchtlingen aufnehmen müsse. Die Zahl der Menschen, die dem zustimmen, ist von 76 Prozent auf 81 Prozent gestiegen.

Ausgeprägte Skepsis in Ostdeutschland

Besonders in den ostdeutschen Ländern hat die Skepsis der Emnid-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zufolge zugenommen. Im Osten halten nur halb so viele Bürger (33 Prozent) Flüchtlinge für willkommen wie im Westen (65 Prozent). Deutlich positiver wird die Stimmung gegenüber Einwanderern eingeschätzt. Im Osten werden diese von rund jedem Zweiten (53 Prozent) als willkommen angesehen, im Westen stimmen dem drei von vier Bundesbürgern (74 Prozent) zu.

Insgesamt wünscht sich eine große Mehrheit der Bundesbürger eine zügige Arbeitserlaubnis (88 Prozent) sowie eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen (88 Prozent). Wie die Auswirkungen von Einwanderung eingeschätzt werden, hängt offenbar auch mit dem Alter zusammen. In der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen sowie in der Gruppe der über 60-Jährigen werde kulturelle Vielfalt weitaus seltener als Bereicherung gesehen als in den anderen Altersgruppen. Unter 30-Jährige beispielsweise sähen die Folgen der Zuwanderung gelassen.

Appell an die EU

Nach dem Anstieg der Flüchtlingszahlen habe sich die Willkommenskultur zwar als robust erwiesen, erklärte die Bertelsmann-Stiftung. Die Stimmung in der Bevölkerung verändere sich nun jedoch. Nach Einschätzung der Studien-Autoren muss die EU für mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der Asylsuchenden sorgen. Zudem müssten die Kommunen stärker bei der Integration der bleibeberechtigten Menschen unterstützt werden.

Für die aktuelle Bertelsmann-Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid im Januar mehr als 2000 Personen ab 14 Jahren, die in Deutschland wohnen. Vorläuferstudien gab es im August 2011, Oktober 2012 und im Januar 2015.

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