Fragen und Antworten

Fragen und Antworten Krankenhauskeime - das unterschätzte Risiko

Stand: 24.08.2010 18:23 Uhr

Keime in Kliniken sind in Deutschland wahrscheinlich für mehr Tote verantwortlich als Verkehrsunfälle, Verletzungen und Vergiftungen zusammen. In den letzten Jahren haben die Infektionen deutlich zugenommen. Tagesschau.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

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Wie viele Menschen sind durch Krankenhausinfektionen betroffen?

Genaue Zahlen gibt es nicht, lediglich Schätzungen. Gerade bei Intensivpatienten ist die exakte Infektionsursache nicht immer deutlich feststellbar. Laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft infizieren sich in Deutschland jedes Jahr mindestens eine halbe Million Klinikpatienten an multi-resistenten Bakterien, Pilzen, Viren oder Protozoen, auch Krankenhauskeime genannt.

Das Robert Koch Institut spricht von 15.000 Todesfällen. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene geht sogar von 800.000 Infektionen und 40.000 Toten aus. Verschiedene Studien ermittelten Sterberaten von 5,8 bis 35 Prozent.

Was kann einem Infizierten passieren?

Typische Krankenhausinfektionen lösen Wundinfektionen, Lungenentzündungen, Geschwüre, Herzkrankheiten oder sogar Blutvergiftungen aus. Sie können die Heilung verzögern oder im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen.

Woran liegt es, dass die Zahl der Krankenhausinfektionen zunimmt?

Durch den wachsenden Antibiotikaeinsatz sind viele Erreger gegen die herkömmlichen Mittel resistent geworden. Spar- und Zeitdruck, unzureichende Händedesinfektion und mangelnde Ausbildung, selbst bei Ärzten und Pflegepersonal, tragen dazu bei, dass sich die Keime weiter verbreiten. So hat ein Arzt laut Prof. Walter Popp vom Uniklinikum Essen während seiner sechsjährigen Ausbildung nur zehn bis 20 Lehrstunden in Hygiene.

Wer hat ein besonders hohes Risiko, sich mit Krankenhauskeimen zu infizieren?

Ältere und pflegebedürftige Menschen sowie Patienten mit geschwächtem Immunsystem und mit offenen Wunden sind besonders durch Krankenhauskeime gefährdet. Weiterhin gehört jeder, der einen Katheter benötigt, Antibiotika nimmt, zur Dialyse geht oder viel mit Tieren umgeht zu den Risikogruppen. Allerdings können sich auch Patienten, die sich lediglich einer Bagatelloperation unterziehen, infizieren.

Welche Maßnahmen können Kliniken gegen Krankenhauskeime treffen?

Der wichtigste Schutz wäre der konsequente Befolgen und die Überwachung der bestehenden Hygieneregeln. Das Robert Koch Institut hat zahlreiche Handreichungen zur Krankenhaushygiene von Umgang mit Atemschutzmasken bis hin zu  Zahnbürsten erarbeitet. Diese sind jedoch Empfehlungen ohne Gesetzeskraft.

So können Risikopatienten schon bei der Aufnahme mit einem Schnelltest auf Keime untersucht werden. Eine infizierter Patient sollte konsequent isoliert werden. Wenn eine Pflegekraft für weniger Patienten zuständig ist, vermindert sich zudem die Gefahr, dass sie Erreger weiterverbreitet. Eine gezieltere Anwendung von Antibiotika würde wachsenden Resistenzen der Keime entgegenwirken. Nur wenige Kliniken haben zudem eine hauptamtliche Hygiene-Fachkraft, die die Maßnahmen überwacht und für die Fortbildung zuständig ist.

Was für Vorschriften gibt es bereits?

Die Krankenhaushygiene wird durch das Infektionen Schutzgesetz (IfSG) vom 1.1.2001, dem Nachfolger des Bundesseuchengesetzes geregelt. Demnach liegt die Kompetenz für alle Hygienemaßnahmen bei den Ländern. Allerdings haben lediglich fünf Bundesländer  eigene Krankenhaushygieneverordnungen, nämlich Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Sachsen. Oft sind für die eigentlichen Kontrollen die kommunalen Gesundheitsämter zuständig – auch dort, wo die Krankenhäuser selbst in der Hand der Kommunen sind.

Das Robert Koch Instituts des Bundes ist unter anderem für die Konzeptionen zur Vorbeugung übertragbarer Krankheiten  sowie Erkennen und Verhinderung der Weiterverbreitung von Infektionen zuständig, kann aber nur auf Ersuchen einer obersten Landesgesundheitsbehörde beratend tätig werden.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

In den Niederlanden, Dänemark, Finnland und Schweden konnten die Krankenhausinfektionen durch gezielte Maßnahmen deutlich reduziert werden. Dort werden aller Patienten aus Risikogruppen und auch das Pflegepersonal grundsätzlich präventiv auf die gefährlichen Keime untersucht.

Im internationalen Vergleich schneidet die Bundesrepublik nach einer Studie des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) trotzdem relativ gut ab. Demnach infizieren sich 3,5 Prozent der Patienten in deutschen Krankenhäusern mit Keimen. Danach folgen Litauen (3,7) Lettland (3,9) und Slowenien (4,6). Die meisten Infektionen im Krankenhaus gibt es in Kanada (10,5), Schottland (9,5), Schweden (9,5) und Griechenland (9,3). Der Durchschnittswert der 21 untersuchten Länder und Landesteile beträgt 7,1 Prozent. Allerdings stützt sich die EU-Einrichtung dabei auf Daten aus verschiedenen Ländern, die in unterschiedlichen Jahren und nach unterschiedlicher Methodik erhoben wurden

Zusammengestellt von Wulf Rohwedder, tagesschau.de.

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