Fragen und Antworten

Verseuchtes Futtermittel Was ist Dioxin und was macht es in der Nahrungskette?

Stand: 04.01.2011 14:56 Uhr

Nach den Dioxin-Funden in Futtermittel warnen die Behörden vor Panikmache. Die derzeitige Verseuchung stelle keine akute Gefahr für die Verbraucher dar, hieß es vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Aber was ist eigentlich Dioxin und und wie konnte es in die Nahrungskette gelangen? tagesschau.de beantwortet Fragen.

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Was ist Dioxin?

Unter dem Begriff Dioxine wird die Gruppe der polychlorierten Dibenzodioxine und Dibenzofurane zusammengefasst. Dies sind chemisch ähnlich aufgebaute Kohlenstoffverbindungen, die Chlor enthalten. Bereits geringe Konzentrationen dieser Stoffe können für Menschen gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstrakts festgestellt. In Tierversuchen wurden bei einigen dieser Substanzen krebserregende Wirkungen nachgewiesen. Dioxine entstehen unerwünscht - etwa bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und Kohlenstoffverbindungen. Auch bei chemischen Produktionsverfahren mit Chlor kann Dioxin entstehen.  

Wie groß ist die Gefahr, durch Dioxin an Krebs zu erkranken?

Nicht jede der rund 200 Arten von Dioxinen wird als krebserregend eingestuft. Aber der bekannteste Vertreter der Gruppe, TCDD, der auch als Seveso-Gift bekannt ist, gilt als besonders gefährlich. Der Name bezieht sich auf einen Chemieunfall nördlich von Mailand im Juli 1976. Damals erkrankten 200 Menschen an schwerer Chlorakne. Untersuchungen dokumentierten in der Region außerdem einen Anstieg von verschiedenen Krebsarten. Das Gefährliche an Dioxinen ist, dass sie sich im Körperfett anreichern und sich nur äußerst langsam abbauen. Um welche Dioxinart es sich im aktuellen Fall handelt, ist bislang nicht bekannt.

Wie gelangt Dioxin in den Körper?

90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten.

Wie konnte das Futtermittel im aktuellen Fall verseucht werden?

Silo des Futtermittelherstellers Harles & Jentzsch | Bildquelle: REUTERS
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Silo des Futtermittelherstellers Harles & Jentzsch. In dem Unternehmen wurde Mischfettsäure verwendet, die nicht zur Futtermittelherstellung geeignet ist.

Der Hersteller des Futtermittels, Harles & Jentzsch, hat nach eigenen Angaben nicht geeignete Mischfettsäure verwendet. Statt für die Futtermittelherstellung freigegebene, verwendete er für die technische Industrie gedachte Fettsäure. Die ist eigentlich für die Herstellung beispielsweise von Schmierfett gedacht und sollte dementsprechend mit einem Warnhinweis versehen sein. An welcher Stelle dieser Hinweis verschwand, ist bislang nicht geklärt. Die Fettsäure stammt aus einer Anlage der Biodiesel-Firma Petrotec im niedersächsischen Emden. Die Petrotec AG erklärte, die Fettsäure sei an einen niederländischen Händler geliefert worden und allein zur technischen Verwendung bestimmt gewesen.

Welche Bundesländer sind betroffen?

Es sind Höfe in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen und Brandenburg mit dem verseuchten Futtermittel beliefert worden, hieß es vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. In Bayern hat ein Großhändler Eier von einem betroffenen Erzeuger in Niedersachsen erhalten, hieß es vom bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Handelt es sich hierbei um einen Einzelfall?

Nein. In den letzten zehn Jahren gab es dem ARD-Umwelt- und Ernährungsjournalisten Werner Eckert zufolge mindestens zehn solcher Skandale wie den jetzigen, "mehr oder minder beachtet von der Öffentlichkeit", sagt er.

Werner Eckert (SWR) zum neuen Dioxin-Vorfall
tagesthemen, 22:30 Uhr, 03.01.2011

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Wie passiert so etwas?

Technische Fette seien billiger als für Futtermittel geeignete, sagt Eckert. Dazu komme das Geflecht der Vertriebswege in der Futtermittelindustrie. Auch die gesellschaftlich gewollte Wiederverwertung von Abfall spiele eine Rolle. "Wenn man möglichst viel verwerten will, muss man möglichst viel kontrollieren", so Eckert. Der jetzt betroffene Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch erklärte selbst, dass er bereits jahrelang Reste aus der Biodieselherstellung in Viehfutter verarbeitete. "Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl anfällt, für die Futtermittelherstellung geeignet ist", sagte Geschäftsführer Siegfried Sievert.

Wie groß ist das Ausmaß des Skandals?

Ein Schwein in einem Stall eines Bauernhofs in Großenkneten | Bildquelle: dpa
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Das belastete Futter wurde auch an Schweine verfüttert.

Allein von einer Hühnerfarm im Kreis Soest sind nach Angaben des Kreisveterinärs Wilfried Hopp wahrscheinlich 120.000 dioxinbelastete Eier in den Verkauf gelangt sind. "Wir bekommen noch einige Tausend aus dem Handel zurück", sagte er. Aus einem Brandenburger Betrieb sind 90 Tonnen geschlachtete Hähnchen mit Verdacht auf Dioxin bereits als Frischfleisch auf den Markt gekommen, hieß es vom brandenburgischen Verbraucherschutzministerium. In Thüringen wurden 52 Tonnen belastetes Futter an Ferkel verfüttert, die Tiere bereits verkauft. Das genaue Ausmaß des Skandals wird offenbar erst nach und nach bekannt, wieviele womöglich belastete Produkte sich bereits im Handel befinden, kann man bislang nicht sagen. Das nordrhein-westfälische Umweltministerium veröffentlichte aber die Stempelnummern möglicherweise belasteter Eier. Demnach handelt es sich um vor dem 23. Dezember verkaufte Eier mit den Nummern 2-DE-0513912 und 3-DE-0514411. Insgesamt sind bereits mehr als 1000 Legehennen-Farmen, Schweine- und Putenzuchtbetriebe in mehreren Bundesländern wegen des Skandals gesperrt worden.

Muss ich mir nach dem Verzehr möglicherweise betroffener Produkte Sorgen machen?

Nein. Wer etwa täglich ein Frühstücksei isst, muss keine gesundheitlichen Folgen fürchten. Das sei unbedenklich, sagt Monika Lahrssen-Wiederholt vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Es gebe keine akute Gefahr für Verbraucher. Auch ARD-Experte Eckert sagt, dass die derzeitige dreifache Grenzüberschreitung zwar deutlich zu hoch sei, aber doch weit entfernt von einer akuten Gefahr. Er machte darauf aufmerksam, dass die Belastung der Nahrung und der Umwelt vor fünfzehn Jahren etwa zehnmal so hoch wie der heutige Grenzwert gewesen sei.

Zusammengestellt von Johanna Durnbaugh, tagesschau.de

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