Marc Zuckerberg | Bildquelle: dpa

Ehrung für Facebook-Chef Trotzdem preisgekrönt

Stand: 25.02.2016 17:43 Uhr

Der Axel-Springer-Verlag nennt Facebook "das Kommunikationsmittel einer neuen Generation". Dafür bekam Firmenchef Zuckerberg vom Verlag einen Preis. Doch hat er ihn wirklich verdient? Denn Facebook wird immer mehr zur Plattform für Hass.

Von Stefanie Döscher für tagesschau.de

Unter einer Vielzahl von Beiträgen, die tagesschau.de auf Facebook zur Flüchtlingskrise postet, stehen Hasskommentare. Sie werden von Social-Media-Redakteuren gelöscht, weil sie beleidigend oder menschenverachtend sind und nicht den Richtlinien entsprechen.

Ursachen gibt es viele

Die Ursachen für diese Hass-Botschaften sind vielfältig, erklärt Jasmin Siri, Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München: "Ich kann meine Kommentare unmittelbar und ohne Filter loswerden." Das bedeutet: Gelegenheit macht Hass. Außerdem sei die Hemmschwelle geringer, wenn ein User nur schreiben müsse, den reellen Folgen sei er sich manchmal gar nicht bewusst.

Aber auch der Algorithmus, nach dem Facebook festlegt, was dem User in seinen "Neuigkeiten" als erstes angezeigt wird, fördere eine Wahrnehmung, die zu Hasskommentaren führen könne. Dieser Mechanismus berechnet, basierend auf dem, was Facebook über einen User weiß, was ihm zuerst angezeigt wird, wenn er auf das Netzwerk zugreift, erklärt Siri und sagt weiter:

"Dadurch bewegen wir uns in heterogenen Öffentlichkeiten von Menschen, die ähnlich denken. CDU-Mitglieder sind bei Facebook mit CDU-Mitgliedern befreundet, SPD-Mitglieder mit SPD-Mitgliedern, Rechtsextreme eben mit anderen Rechten. Das führt dazu, dass Personen denken, dass es angemessen ist, Hasskommentare zu verfassen, weil sie sich in einer Gruppe befinden, in der das normativ akzeptiert ist."

Außerdem gebe es Trolle, die persönlich gar keine Rassisten seien, sondern Hasskommentare der Resonanz wegen veröffentlichen. Sie erhoffen sich durch ihre Botschaften eine gewisse Popularität, in Form von Likes und Antworten für ihre provokativen Kommentare. Und schließlich ein weiterer Grund: "Die Nutzer wollen Aggressionen loswerden, andere einschüchtern oder Diskursmacht demonstrieren", erläutert die Soziologin Siri.

Kommentare werden sichtbarer

Doch Hasskommentare sind nicht neu, sondern so alt wie das Internet. Bereits in den 1970er-Jahren, im Vorläufer des Internets, dem ARPA-Netz, gab es Berichte über Hassbotschaften. Damals war es noch das "Netz der Elite", das vor allem von Informatikern oder dem Militär genutzt wurde. Später fand sich Hass vor allem in Nischen-Foren oder auf Blogs. "Schon vor der Flüchtlingsproblematik gab es Hasskommentare im Internet. Die wurden gesellschaftlich als weniger relevant eingestuft", erklärt Siri. So sei antifeministische Propaganda seit Jahren ein Thema im Netz.

Facebook-Logo | Bildquelle: picture alliance / dpa
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27 Millionen Nutzer in Deutschland, mehr als eine Milliarde aktive User weltweit - Facebook ist das größte soziale Netzwerk.

"Was sich durch Facebook verändert hat, ist die Sichtbarkeit. Dadurch, dass Hasskommentare öffentlich, für alle sichtbar, auf Facebook zu finden sind, hat der normale Bürger jetzt mehr Kontakt zu den Botschaften", erklärt der Rechtextremismus-Forscher Kai Arzheimer.

Gefahr der Verrohung

Obwohl Hasskommentare nicht neu sind, ist laut Arzheimer eine Entwicklung zu beobachten: "Was wir aktuell sehen, ist ein Verrohungs- und auch Normalisierungseffekt. Dadurch, dass Hasskommentare in den Kommentarspalten bei Facebook Alltag sind, glauben die Nutzer, dass es normal ist, harsche Kommentare zu posten." Hier genau sieht Jasmin Siri ein Risiko bei Facebook:

"Diese Verrohung ist gefährlich. Das hat der Nationalsozialismus gezeigt, damals hat es auch nicht damit angefangen, dass die Konzentrationslager gebaut wurden, sondern mit einer Verrohung in der Sprache und der Entmenschlichung von Gruppen. So werden Hemmschwellen herabgesetzt."

Facebook musste handeln

Dieser Situation musste sich Facebook mittlerweile stellen. "Wir wissen um unsere Verantwortung und nehmen diese bedingungslos an", heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Hass-Kommentare sollen zukünftig spätestens 24 Stunden nach der Meldung gelöscht werden, so hatte es auch Bundesjustizminister Heiko Maas im September gefordert. Hierfür hat Facebook fünf Standorte weltweit - einer davon in Berlin.

Mark Zuckerberg | Bildquelle: REUTERS
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Mark Zuckerberg: Vom Axel Springer Verlag als herausragende Unternehmerpersönlichkeit ausgezeichnet.

Ein Kommentar wird aber nur gelöscht, wenn er gegen die Richtlinien von Facebook verstößt. Um genauer auszuloten, wann dies passiert, ist Facebook eine enge Verbindung mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM) eingegangen. Mit dem Verein diskutiert Facebook die für Deutschland relevanten Rechtsgrundlagen.

Doch diese Grundlagen sind international sehr verschiedenen. "In den USA steht Freedom of Speech (Redefreiheit, A.d.R.) im Vordergrund; erotische Inhalte wiederum werden kulturell teils kritischer gesehen als in Deutschland. Hierzulande hingegen existieren Gesetze gegen Volksverhetzung oder auch das Verbot der Verbreitung verfassungswidriger Kennzeichen, die auch Grundlage der Arbeit der FSM sind", erklärt deren Geschäftsführer Otto Vollmers.

Medien in der Verantwortung

Frau sitzt vor Facebook-Acoount | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Facebook - das Medium stellt alle vor Herausforderungen - User, Medien, aber auch das Unternehmen.

Aber nicht nur Facebook steht in der Verantwortung, sondern auch die Medien, die die Plattform für ihre Inhalte nutzen. Sie müssen Diskussionen moderieren, Kommentare löschen, mit den Usern kommunizieren, sie gegebenenfalls blockieren. Festlegen, wo die Grenzen liegen, Normen klar kommunizieren - wie es tagesschau.de in seinen Richtlinien macht.

Aktuell findet laut der Soziologin Siri ein Prozess der Mediengewöhnung statt. Die User müssen noch immer lernen, mit damit umzugehen. Dazu gehört auch, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist.

"Als das Kino erfunden wurde und die Cowboys auf die Leinwand ritten, sind die Menschen schreiend aus dem Kino gerannt, weil sie das Medium nicht verstanden haben. Vergleichbar ist, dass Nutzer nicht wissen, dass der Hasskommentar auf Facebook strafbar ist."

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