Fahndungsplakat Anis Amri | Bildquelle: AP

Gesuchter Tunesier Behörden kannten Amris Anschlagspläne

Stand: 22.12.2016 16:43 Uhr

Schon vor Monaten sprach der Hauptverdächtige des Berliner Anschlags, Amri, von ähnlichen Plänen: Nach Informationen von NDR, WDR und SZ wussten das offenbar die Behörden. Akten zeigen zudem, dass er seit Längerem im Umfeld des Predigers Abu Walaa verkehrte.

Von Lena Kampf und Andreas Spinrath, WDR

Im Frühsommer des vergangenen Jahres trafen sich im Keller einer Hildesheimer Moschee Anhänger des mittlerweile festgenommenen Predigers Abu Walaa. Sie wollten ungestört reden, die Anwesenden hatten ihre Mobiltelefone im Erdgeschoss gelassen. Es ging um mögliche Anschläge in Deutschland.

Einer von ihnen führte aus, was man sich darunter vorzustellen habe: Man plane, Polizisten umzubringen. Und: Man könne auch mit einem Lkw in eine Menschenmenge fahren. Sollten dabei auch Muslime verletzt werden, sei das ein Kollateralschaden - man müsse sich keine Sorgen machen, mit einer solchen Tat zu sündigen. Der Prophet habe solche Taten ausdrücklich erlaubt. Das jedenfalls schilderte am 15. Juli 2015, fast genau ein Jahr vor dem Lkw-Attentat im französischen Nizza, ein Informant des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes den Ermittlern. Er berichtete detailliert von der Unterredung im Hildesheimer Keller. Das ergaben Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung".

Spätestens seit Juli informiert

Der Informant berichtete den Behörden in der Folge auch von Anis Amri, der offenbar regelmäßig in dem Netzwerk verkehrte. Demnach wussten die Ermittler spätestens seit dem vergangenen Juli, dass der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt gesuchte Amri Anschläge begehen wollte. Mehrfach habe Amri von möglichen Attentaten gesprochen, sagte der Informant. Brisant ist die Information auch, weil Anis Amri ganz offensichtlich Teil des Netzwerks war, das sich in der Moschee zu konspirativen Treffen verabredete.

Amri gilt als Hauptverdächtiger des Lkw-Attentats auf den Berliner Weihnachtsmarkt am vergangenen Montag. Seine Duldungspapiere wurden im Führerhaus des Lkw gefunden, zudem sicherten Ermittler am Fahrzeug nach Informationen von WDR, NDR und SZ Amris Fingerabdrücke. Die Akten zeigen, dass Amri bereits seit längerer Zeit im Umfeld des Predigers Abu Walaa verkehrte, der von einem Zeugen als "oberster Repräsentant des IS in Deutschland" bezeichnet wurde.

Amri sollte nach Syrien ausreisen

Glaubt man dem Informanten, wurde Amri ursprünglich von der Führungsspitze um Abu Walaa mit dem Ziel rekrutiert, ihm eine Ausreise nach Syrien zu ermöglichen. Ziel sei es gewesen, Nachschub für den "Islamischen Staat" (IS) zu besorgen. Amri sei demnach häufig nach Niedersachsen gefahren, um sich Ratschläge für eine Ausreise geben zu lassen. So sei er im Jahr 2015 auch Teil einer Gruppe gewesen, die sich für den Kampf in Syrien habe trainieren lassen: Die Ausreisewilligen hätten Märsche mit einem schweren Rucksack unternommen, um die notwendige körperliche Fitness zu erlangen.

Getroffen habe sich die Gruppe mehrfach in einer "Madrasa" in Dortmund. Dort habe Amri auch einmal einen Rucksack zurückgelassen, als er nach Berlin reiste. Der LKA-Informant fragte sich nach eigener Darstellung, weshalb Amri den Rucksack nicht selber nach Berlin habe mitnehmen wollen. Zudem habe sich der in Untersuchungshaft sitzende Boban S. persönlich darum bemüht, die Ausreise von Amri zu organisieren, berichtete der Informant der Polizei.

Diese Information war offenbar einer der Verdachtsmomente, die zu einem Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung von Boban S. führte. Weshalb Amri dennoch in Deutschland blieb, ist nicht bekannt. Den Behörden blieb er nicht unbemerkt: Das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen stellte die über Amri vorliegenden Erkenntnisse im vergangenen März zusammen, auf Bitten des Generalbundesanwalts.

Ein Lastwagen ist in den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast und steht zwischen zerstörten Buden. | Bildquelle: REUTERS
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Ein Lastwagen ist am Montag in den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast.

Angeblich kein Tag, an dem er nicht überwacht wurde

Die Behörde in Karlsruhe gab die Ermittlungen an die Generalstaatsanwaltschaft in Berlin ab und regte ein Verfahren wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat an. Berlin nahm Ermittlungen auf, die Behörden stimmten sich ab. Der Generalbundesanwalt stellte die Überwachung der Kommunikation von Amri erst ein, als die Berliner Ermittler entsprechende Maßnahmen eingeleitet hatten: Angeblich gab es keinen Tag, an dem nicht überwacht wurde, keine Lücke.

Amri verkehrte jedoch offenbar weiter in dem Netzwerk von Abu Walaa. Der Prediger und seine Vertrauten hätten, so berichtete es der Informant, auch Anschläge in Deutschland befürwortet und sich dabei auf Aufforderungen des damaligen IS-Sprechers Abu Mohammed al-Adnani bezogen. Al-Adnani hatte bereits im September 2014 in einer Audiobotschaft zum Terror in Europa gegenüber Ungläubigen aufgerufen: "Zerschmettere seinen Kopf mit einem Stein. Oder schlachte ihn mit einem Messer. Oder überfahre ihn mit einem Auto."

Der nun Gesuchte nahm diese Aufforderung anscheinend ernst - und die Hildesheimer Terrorrekrutierer wussten offenbar von seinen Absichten. Der Informant berichtete jedenfalls der Polizei im Juli, dass mindestens zwei der Führungsfiguren die Terrorplanungen von Amri befürwortet und ihm in ihren Wohnungen in Nordrhein-Westfalen Unterschlupf gewährt hätten. Diese hätten auch den Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel im April 2016 gelobt, jedoch die niedrige Opferzahl bemängelt. Beide wurden im November festgenommen. Amri blieb auf freiem Fuß.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Dezember 2016 um 17:00 Uhr.

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