Interview

Freiheits- und Einheitsdenkmal | Bildquelle: dpa

Ein Denkmal - zwei Generationen "Die Einheit ist eigentlich erst der Anfang"

Stand: 01.06.2017 02:02 Uhr

Heute entscheidet der Bundestag, ob das Einheitsdenkmal in Berlin gebaut wird. Der DDR-Historiker Stefan Wolle hat die Wende hautnah miterlebt. Seine Tochter Eva war damals zwei Jahre alt. Zwei Generationen - ein Denkmal: Was beide dazu meinen, erzählen sie tagesschau.de.

tagesschau.de: Der Bundestag entscheidet heute erneut über den Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals auf dem Berliner Schlossplatz: eine riesige begehbare Schale, die sich - je nach Verteilung des Gewichts - zur einen oder zur anderen Seite neigt. Wie finden Sie die Idee?

Stefan Wolle: Allein schon die Tatsache, dass das Denkmal bereits einen Spitznamen hat, "Einheitswippe", zeigt, wie populär das ist. Und dass sich viele Leute über den Entwurf aufregen, muss kein Nachteil sein. Kunst ist ja immer auch ein Stück Provokation, die Leute sollen darüber nachdenken. Diese Wippe, wo man nach rechts und nach links laufen kann, symbolisiert die Situation von 1989/90 schon sehr gut. Ich war damals mitten im Getümmel und hatte zum ersten und eigentlich auch zum letzten Mal im Leben das Gefühl, dass es in diesen Wochen und Monaten des Umbruchs auf jeden Einzelnen ankommt, wo er steht, wo er hinläuft, was er tut.

alt Stefan Wolle | Bildquelle: Sandra Stalinski

Zur Person

Stefan Wolle, geboren 1950, ist Historiker und hat die Ereignisse rund um den Mauerfall hautnah miterlebt. Seit 2005 ist er Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin und hat zahlreiche Bücher über die DDR geschrieben.

Eva Wolle: Auch ich dachte spontan: Eine gute Idee! Mir gefällt, dass die Menschen auf das Denkmal draufgehen können, dass man merkt, man ist Teil der Geschichte, man prägt das mit. Was gestern war, ist heute schon Geschichte. Wenn man allerdings bedenkt, dass das 10 bis 15 Millionen Euro kosten soll, frage ich mich schon: Ist das wirklich notwendig? Sollte man das Geld nicht besser in Bildungsprojekte zum Thema investieren? 

"Demokratie muss man jeden Tag verteidigen"

tagesschau.de: Zum Zeitpunkt der Wende waren Sie erst zwei Jahre alt. Sie sind ganz selbstverständlich in einem geeinten Deutschland aufgewachsen. Finden Sie so ein Denkmal für die Einheit notwendig?

Eva Wolle: Ich finde schon, dass das einer der wichtigsten historischen Momente der jüngeren Zeit war, an den auch erinnert werden sollte. Man braucht dieses Geschichtswissen, um heutige Zusammenhänge zu verstehen. Wie Berlin architektonisch aussieht zum Beispiel: Am Checkpoint Charlie oder am Jüdischen Museum merkt man heute noch, dass das früher Niemandsland war, weil dort die Mauer stand. Auch warum in Kreuzberg so viele türkische Migranten wohnen, versteht man erst, wenn man sich klarmacht: Dort endete Berlin, da waren die Mieten günstig, weil da niemand wohnen wollte.

alt Eva Wolle

Zur Person

Eva Wolle, geboren 1987, ist die jüngste von drei Töchtern von Stefan Wolle. Sie hat Soziale Arbeit studiert und betreibt eine Bar in Berlin-Kreuzberg.

Stefan Wolle: Ich finde auch, wenn man sich die aktuellen Entwicklungen anschaut, den Erfolg des Rechtspopulismus, dann gibt es allen Anlass an diese friedliche Revolution zu erinnern. Die nächsten Generationen werden lernen müssen, dass Demokratie etwas ist, was man jeden Tag verteidigen muss.

Hinzu kommt, dass man heute in Berlin ja gar nicht mehr so viel von der Mauer sieht. Jüngere Leute fragen oft: Sind wir jetzt im Osten oder Westen?

"Ich habe die Einheitsfeiern verschlafen"

tagesschau.de: Der Einheit wird bereits in einem eigenen Feiertag gedacht, dem Tag der deutschen Einheit. Wissen Sie noch, was Sie am 3. Oktober 1990 gemacht haben?

Stefan Wolle: Ich hatte morgens ein Interview, und da wurde ich gefragt: Wie ist das, wenn der Staat, in dem man sein Leben verbracht hat, einfach aufhört zu existieren? Ich sagte: Ich bin heilfroh darüber. Aber ich war auch sehr müde. Die Wochen und Monate bis dahin waren sehr anstrengend. Ich bin dann nach Hause gefahren und hab die Einheitsfeierlichkeiten verschlafen.

tagesschau.de: Dieses Datum hat also keine besondere Bedeutung für sie?

Stefan Wolle: Nein. Ein wichtiges Erinnerungsdatum ist für mich der 9. Oktober 1989, als sich die Lage bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig zuspitzte. Da stand es auf Messers Schneide: Alles stand bereit für eine gewaltsame Lösung, aber die Staatsmacht hat es glücklicherweise nicht gewagt, zuzuschlagen.

Auch für mich ganz persönlich war das ein aufregender Tag. Ich war bei einer Demonstration festgenommen worden und wurde an diesem Abend aus der U-Haft entlassen. Dass sie mich an diesem Abend gehen ließen, zeigte schon, dass die harte Linie nicht durchzuhalten sein wird.

Wobei fast meine größte Sorge an dem Tag war, dass wir den Dachdecker bezahlen mussten. In der DDR zahlte man Handwerker in bar, und man ließ sie auch nicht warten. Und ich saß im Knast und war der einzige, der ans Konto kam.

"Die Maueröffnung ging mir zu schnell"

tagesschau.de: Frau Wolle, was verbinden Sie mit diesem Feiertag, dem 3. Oktober?

Eva Wolle: Für mich ist das ein Feiertag wie jeder andere.

Stefan Wolle: Es ist ja auch nicht so, dass diese Wiedervereinigung nur ein Grund zum Feiern war. Viele der Protagonisten der DDR-Opposition waren ja ausdrücklich gegen die deutsche Einheit. Ich selbst bin heute glücklich, dass es so gekommen ist. Es wäre für uns viel schwieriger geworden, diesen Befreiungsprozess zu vollziehen, wenn wir auf uns alleine gestellt gewesen wären. Es war ja auch ein wirtschaftlicher Aufholprozess notwendig.

Allerdings am Abend des 9. November, als sich die Nachricht der Maueröffnung verbreitete, habe ich schon einen Schreck bekommen. Das ging mir ein bisschen zu schnell. Ich dachte, die machen jetzt die Tore auf, damit alles rausrennt und die Leute aufhören, für ihre eigene Freiheit und Demokratie zu kämpfen.

Eva und Stefan Wolle | Bildquelle: Sandra Stalinski
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Vater Stefan Wolle und Tochter Eva in Berlin

tagesschau.de: Frau Wolle, Sie waren noch sehr jung während dieser Ereignisse, von denen Ihr Vater erzählt. Haben Sie noch einen Bezug dazu?

Eva Wolle: Ich denke, durch die Nähe der Ereignisse, habe ich durchaus ein Bewusstsein dafür, wie wichtig diese Ereignisse waren. Zumal dieses Thema in unserer Familie ja immer eine Rolle gespielt hat. Andererseits ist es für mich selbstverständlich, dass ich in einem geeinten Deutschland aufgewachsen bin. Dass ich einfach so von Berlin nach Köln oder nach Amsterdam fahren kann.

"Die DDR ist auch eine schöne, verlorene Welt"

Stefan Wolle: Die Kinder hatten im Vorschulalter schon mehr von der Welt gesehen als ich mit 40 Jahren. Wir sind sehr viel gereist, als es dann endlich möglich war.

Eva Wolle: Ja, wir waren jedes Jahr mindestens zwei- oder dreimal im Ausland. Vielleicht ist auch deshalb reisen heute für mich etwas sehr Schönes und Wichtiges.

tagesschau.de: Herr Wolle, Sie versuchen im DDR-Museum den Menschen diese Geschichte näher zu bringen. Haben Sie den Eindruck, das Interesse schwindet?

Stefan Wolle: Nein, überhaupt nicht. Die DDR ist irgendwie ja auch so eine schöne, verlorene Welt, wo es lauter so possierliche Sachen gab. Wir versuchen das hier im Museum spielerisch zu vermitteln, und das gefällt gerade Jüngeren. Und wenn die dann noch etwas über Demokratie und Diktatur lernen, dann haben wir viel gewonnen.

"Nicht alle sehen den Mauerfall positiv"

tagesschau.de: Frau Wolle, gab es für Sie ein Art Aha-Erlebnis, als Sie merkten, wie bedeutungsvoll dieser Moment der Geschichte ist, den ihr Vater da miterlebt hat?

Eva Wolle: Nicht direkt. Für mich war vielmehr ein Aha-Moment, als ich das erste Mal hörte, dass manche Leute den Mauerfall nicht nur positiv sehen. Ich dachte immer, das war das Beste, was passieren konnte. Andererseits haben viele ihre Jobs verloren. Und viele sagen: Dass die DDR der BRD einfach so einverleibt wurde, das wollten wir nun auch nicht.

Ich finde deshalb, man müsste viel stärker beleuchten, was nach der Einheit passiert ist. Wie diese beiden Gesellschaften zusammengewachsen sind, oder auch nicht. Welche Schwierigkeiten es gab, beispielsweise die rechten Ausschreitungen in den 1990ern. Oder viele fragen sich heute: Warum verdient jemand im Osten eigentlich viel weniger als im Westen? Diese Entwicklungen kommen in der Betrachtung viel zu kurz. Die Wiedervereinigung, die Einheit ist ja nicht der Schlusspunkt, sondern eigentlich erst der Anfang.

Das Gespräch führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete rbb Inforadio am 01. Juni 2017 um 09:33 Uhr

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