Ismael Issa vor einer Schulklasse | Bildquelle: ARD / Daniel Hechler

Ex-Dschihadist vor Schülern "Ich wollte als Held sterben"

Stand: 28.06.2017 15:32 Uhr

Ismael Issa zog in den Krieg nach Syrien, um seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Er wuchs in Stuttgart auf, geriet auf die schiefe Bahn, wollte als Märtyrer sterben. Heute bereut er seinen Irrweg und steht Schülern in einem Gymnasium Rede und Antwort. Daniel Hechler über einen außergewöhnlichen Auftritt.

Von Daniel Hechler, SWR

Nein, mit einem wie ihm hatten dann doch die wenigsten gerechnet: schlaksig, kurz rasierte Haare, Ohrring, Tätowierungen. Vor der Tafel steht ein freundlich grinsender 27-Jähriger. Die erste Stuhlreihe im Klassenraum bleibt trotzdem leer. "Ich beiße nicht, ihr könnt auch vorne sitzen", sagt Ismael Issa, stellt sich mit leicht schwäbischem Einschlag kurz vor, bittet die Schüler, ihn zu duzen. Er ist in Stuttgart aufgewachsen, denkt deutsch, isst deutsch, wie er erzählt. Doch er ist eben auch ein verurteilter Terrorist, war Gotteskrieger, zog in den Bürgerkrieg nach Syrien, um im Kampf gegen die Truppen von Machthaber Bashar al Assad zu sterben. Das war im Sommer 2013.

Heute nun erzählt er Zehntklässlern des Raichberg-Gymnasiums Ebersbach von seiner verkorksten Jugend, seinem Irrweg, seiner Reue. Eloquent und ungeschminkt. Wir dürfen exklusiv dabei sein.

"Ich hatte einfach keinen Bock mehr"

"Was bringt einen dazu, zum Sterben in den Krieg zu ziehen?", fragt ein Schüler. "Ich wollte als Held sterben", sagt Ismael, "ich hatte einfach keinen Bock mehr. Ich hatte keine Kraft mehr. Mein ganzes Leben ist schiefgelaufen."

Seine Kindheit in Stuttgart schildert Ismael als glücklich. Seine Familie floh in den 1980er-Jahren aus dem Libanon vor Terror und Folter syrischer Truppen, erhielt in Deutschland Asyl, schlug hier Wurzeln. Es hätte ein ganz normales, bürgerliches Leben werden können. Doch nach dem Realschulabschluss geriet Ismael auf die schiefe Bahn, wie er erzählt: Drogen, Gelegenheitsjobs, eine Abtreibung, seine Ehe scheitert.

Er habe den Neuanfang gewollt, sich auf seine Wurzeln besonnen. In einer Stuttgarter Moschee habe ihm der Imam eine Pilgerreise nach Mekka empfohlen. Für ihn die Chance, sein Leben mit Gottes Hilfe wieder in den Griff zu bekommen. Auf der Pilgerreise aber lernt er radikale Islamisten kennen, die ihm das Paradies versprechen, wenn er in den Dschihad zieht, und die ihm Kontakte zu einer Terrorgruppe in Syrien vermitteln.

Die Heilsversprechungen und der Hass auf den Assad-Clan, dem schon so viele seiner Verwandten zum Opfer fielen, treiben ihn an. So schildert er seinen Weg in den Terror. Die Schüler lauschen gebannt. Drei Monate lang wird der damals 23-Jährige in der Nähe von Aleppo an Waffen ausgebildet, ideologisch geschult, zieht auch in den Kampf. Seine Gruppe wird sich später der Terrormiliz "Islamischer Staat" anschließen. Und doch seien ihm Zweifel gekommen:

"Ein Pickup ist vorgefahren, man hat blutige Tücher gesehen. Und man hat gesagt, verabschiedet euch von euren Brüdern, die heute Nacht gefallen sind. Und da lag dieser Kollege, den ich wirklich gemocht habe, der an sich kein schlechter Mensch war. Und sein Rücken war aufgerissen und ich habe angefangen zu heulen, vor allen Menschen. Das war ein absolutes No-Go. Ich habe sein Märtyrertum, dass er für Gott gestorben ist, in den Dreck gezogen, weil ich geheult habe."

Ismael Issa vor einer Schulklasse | Bildquelle: ARD / Daniel Hechler
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Gebannt lauschten die Zehntklässler in Stuttgart den Schilderungen von Ismael Issa. Offenbar konnte er sie von seiner Reue überzeugen.

Reue im Hochsicherheitstrakt

Schließlich habe ihn sein Kommandant im Herbst 2013 zurück nach Stuttgart geschickt, um Nachtsichtgeräte zu organisieren. Auf der A8 schlug die Polizei zu - das abrupte Ende seiner kurzen Dschihadisten-Karriere. Ismael Issa wurde wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim fiel er in eine Depression. Sein schlichtes Weltbild brach zusammen, er empfand Reue. Schließlich sagte er als Kronzeuge in einem Islamistenprozess aus, wurde im Dezember 2016 auf Bewährung vorzeitig entlassen.  

"Wissen ist Macht"

"Was würdest Du heute als richtig erachten - für Politiker, vielleicht auch für uns?", fragt ein Schüler. "Für Euch: Information. Wissen ist Macht", antwortet er. Eine einfache Lösung im Syrienkonflikt aber gebe es nicht, sagt er und zeichnet ein Schreckensszenario:

"Sobald der 'Islamische Staat' auseinander fällt, wird es unglaublich viele Schläferzellen in Europa geben, es wird Racheakte geben. Das, was sich früher auf Rakka oder Mossul verteilt hat, das wird unter uns sein."

Sein Besuch im Raichberg-Gymnasium Ebersbach ist der Versuch einer Wiedergutmachung und die Schüler nehmen ihm seine Reue ab. "Ich glaube schon, dass er seine Fehler einsieht, weil er sehr offen darüber redet und seine Probleme und Zweifel an dieser Sache mit uns teilt", meint ein Schüler nach der Diskussion. Ismael hofft, all das eines Tages hinter sich lassen zu können. Er will eine Bar eröffnen. Irgendwo in einer Stadt, wo ihn keiner kennt, wo keiner nach seiner dunklen Vergangenheit fragt.

Über dieses Thema berichtete der SWR/BW Info am 28. Juni 2017 um 19:30 Uhr.

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