iCloud-Symbol | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto

Neues IT-Projekt der Streitkräfte Die Bundeswehr greift nach den Wolken

Stand: 21.04.2018 03:10 Uhr

Daten nicht mehr auf einzelnen Geräten speichern, sondern zentral in der Cloud: Was für viele bereits Alltag ist, will nun auch die Bundeswehr einführen. Doch es gibt erhebliche Risiken.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Immer wenn die Bundeswehr einräumen muss, dass es schlecht steht um die Verfügbarkeit ihrer Flugzeuge, Schiffe und Panzer, gibt es dafür eine Reihe von Gründen. Fehlende Ersatzteile, technische Mängel, aber auch der quälend langsame Prozess, bessere und schnellere Software für Wartung und Instandsetzung des Militärgerätes überall einzuführen.

Damit das in Zukunft schneller geht, könnten sich die Streitkräfte einer Technologie bedienen, die Otto Normalverbraucher schon lange kennt: die Cloud. Dabei werden große Datenmengen nicht mehr auf jedem einzelnen Computer oder Smartphone gespeichert, sondern sind für jeden, der berechtigt ist, zentral im Netzwerk verfügbar.

Ein Messebesucher geht auf der CeBIT an einem Cloud-Symbol vorbei. | Bildquelle: dpa
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Die Datencloud: Was für viele PC- und Smartphonebesiter bereits Alltag ist, will auch die Bundeswehr einführen.

Zeit und Personal sparen

Was für den Privatnutzer die Urlaubsfotos oder die E-Book-Sammlung sind, könnte für die Luftwaffe beispielsweise eine Software für die Inspektionen von Flugzeugen sein. Die müsste nur noch einmal im Rechenzentrum aufgespielt werden und nicht an Tausenden Rechnern in der ganzen Bundeswehr.

"Cloud-Computing ist eine technische Möglichkeit, die grundsätzlich auch für militärische Anwendungen in Frage kommt", sagt Generalleutnant Ludwig Leinhos. Er ist Inspekteur des Kommandos Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr (CIR) und so etwas wie der oberste Herr über alle Computerspezialisten der Streitkräfte.

Er nennt eine ganze Menge Vorteile: Die zentrale Datenhaltung etwa, die das vernetzte Arbeiten innerhalb der Bundeswehr deutlich erleichtere. "Viele Dinge können sie auch leichter aktualisieren, wenn sie sie zentral halten", so Leinhos. Das spare Zeit und Personal und mache die Streitkräfte flexibler. Auch deshalb arbeitet das Kommando CIR gemeinsam mit der bundeseigenen IT-Gesellschaft BWI an einem Konzept für eine militärische Cloud-Lösung.

Und die IT-Sicherheit?

Für die Computer-Experten ist das eine gewaltige Herausforderung. Denn der Zugriff auf zentral gespeicherte, oft sensible Daten sei nicht unproblematisch, sagt Christian Marwitz, der bei der BWI für Innovationsprojekte verantwortlich ist. "An allererster Stelle steht natürlich das Thema der IT-Sicherheitsanforderungen."

Bundeswehrsoldaten am Computer
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Die zentrale Datenhaltung könnte aus Sicht der Bundeswehr das vernetzte Arbeiten deutlich erleichtern.

Das Pentagon schreckten diese Anforderungen nicht ab, die Cloud-Technologie in enger Kooperation mit amerikanischen High-Tech-Unternehmen wie Amazon zu nutzen. John H. Gibson, Chief Management Officer im US-Verteidigungsministerium, verweist vor allem auf die wirtschaftlichen Vorteile einer solchen Lösung. Schließlich müssten die US-Streitkräfte dann nicht selbst die Rechenzentren aufbauen und betreiben.

Zugriff nur für die Bundeswehr

Dass aber die Bundeswehr diesen Weg geht, kann sich Generalleutnant Leinhos nicht vorstellen: "Wir müssen Zugriff darauf haben, wir müssen sie entsprechend sichern. Wir werden mit Sicherheit diese Dinge nicht irgendwo außerhalb unseres eigenen Zugriffs etablieren. Wir wollen uns nicht in Abhängigkeiten von Firmen oder Außenstehenden begeben", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

Die Serverfarmen für eine Bundeswehr-Cloud würden also wohl hinter Kasernenmauern stehen. Für diese Haltung gibt es gute Gründe. Denn es sei kaum zu kontrollieren, was in der Rechnern steckt, die in kommerziellen Rechenzentren stehen, warnt auch Yuval Diskin. Er war jahrelang Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin-Bet und betreibt heute eine Firma für IT-Sicherheit, die etwa deutsche Automobilunternehmen in Cyberfragen berät.

Eine Wolke, Symbol für Cloud-Dienste, aufgenommen auf der CeBIT in Hannover an einem Stand. | Bildquelle: dpa
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Die Entscheidung über Art und Umfang eines Bundeswehr-Cloud-Netzwerks soll in den kommenden Monaten getroffen werden.

Risiken priorisieren

Es sei nicht ausgeschlossen, dass Geheimdienste aus Ländern, die etwa Chips für die Computer in Rechenzentren liefern, sich einen heimlichen Zugang zu sensiblen Daten sichern. Solche Hintertüren könne man nur schließen, wenn man besonders kritische Bauteile im eigenen Land entwickele, so Diskin zu tagesschau.de: "Wenn das nicht geht - denn man kann nicht alles selbst entwickeln - dann muss man es woanders kaufen und dabei die Risiken priorisieren und entscheiden: Von diesem Staat kann ich etwas kaufen, von jenem nicht." Und selbst dann müsse man jedes Bauteil noch einmal genau untersuchen, hundertprozentige Sicherheit könne aber auch das nicht garantieren.

Baldige Entscheidung über Cloud

Derzeit prüft die bundeseigene IT-Gesellschaft BWI gemeinsam mit dem deutschen Cyber-Kommando, welche Wege den meisten Erfolg versprechen und ob es möglicherweise doch Möglichkeiten zur Kooperation mit der Wirtschaft gibt. Einziger denkbarer Kandidat wäre vermutlich die Deutsche Telekom, denn eine ausländische Firma kommt schon aus Sicherheitsgründen für die Bundeswehr nicht in Frage.

Die Entscheidungen über Art und Umfang eines militärischen Cloud-Netzwerkes für die Bundeswehr sollen in den kommenden Monaten getroffen werden. Doch selbst wenn sich die Ministeriumsspitze für diese Technologie entscheidet, dürfte es noch Jahre dauern, bis aus der wolkigen Idee konkreter militärischer Alltag wird.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. April 2018 um 19:20 Uhr.

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