Interview

Interview zu Problemen der Bahn Warum sind die Züge in Deutschland so störanfällig?

Stand: 22.07.2010 18:25 Uhr

In Frankreich rollen die TGV wunderbar kühl. In Deutschland sind Klimaanlagen nur ein weiteres Problem der Bahn. Seit Jahren wächst der Unmut über die Bahn wegen Verspätungen und Ausfällen, wegen verschlissener Räder und Achsen. Günter Löffler von der TU Dresden erklärt, warum die Züge der Bahn so störanfällig sind.

tagesschau.de: Die Bahn hat derzeit nicht nur Probleme mit überlasteten Klimaanlagen des ICE 2. Auch die Radachsen des ICE 3 zum Beispiel müssen nach einem Vorfall im Sommer 2008 zehnmal häufiger zur Kontrolle. Worauf gründen all diese Mängel?

Günter Löffler: Das Problem ist, dass die Technik hochgezüchtet ist. Früher baute man mit einem höheren Sicherheitsbeiwert, das heißt, mit einer höheren Sicherheitsreserve. Damals konnte man nicht genau berechnen, wie viel Last ein Zug tragen kann. Heute hat man eine sehr genaue Lastenannahme und baut die Züge bis ans Limit. Wird die Last überschritten, weil sich die Anforderungen ändern, gibt es keinen Spielraum mehr, der die höhere Belastung ausgleichen könnte.

alt Prof. Günter Löffler

Zur Person: Günter Löffler

Günter Löffler ist Professor für Technik spurgeführter Fahrzeuge an der Technischen Universität Dresden. Seit Jahren arbeitet er in der Forschung zur Weiterentwicklung der Fahrzeugtechnik und ist Spezialist auf dem Gebiet der Eisenbahntechnik.

tagesschau.de: Warum gibt es ähnliche Probleme nicht auch beim TGV in Frankreich?

Löffler: Der TGV ist nicht so störanfällig, weil er ein technisch einfacheres Niveau hat. Er hat andere Radsysteme und verkehrt nur auf neuen Strecken. Der ICE dagegen ist der hochwertigste Zug Europas – er muss auf viel kurvenreicheren Strecken fahren, was die Züge mehr belastet. Die Technik ist aber oft zu kompliziert und nicht mehr fahrgastgerecht, weil sie viel anfälliger für Mängel ist. Die Bahn hat sich aber für dieses Gesamtkonzept entschieden.

tagesschau.de: Bahnchef Grube hat der Industrie schlechte Qualität vorgeworfen. Ist der schwarze Peter bei den Herstellern an der richtigen Stelle?

Löffler: Nein. Jeder Zug wird vom Betreiber abgenommen, wobei geprüft wird, dass das Lastenheft eingehalten ist. Das bedeutet, dass der Zug die Kriterien erfüllt, die Hersteller und Betreiber festgelegt haben. Hat er Mängel, wird er überarbeitet. Wird er aber abgenommen, geht die Verantwortung für die Funktionstüchtigkeit auf den Betreiber über. Die meisten Mängel bei der Bahn sind dagegen auf Mängel bei der Wartung zurückzuführen, zum Beispiel auch bei der Berliner S-Bahn. Nach meiner Ansicht hat die Bahn die Instandhaltungsarbeit unterschätzt. Stattdessen hat sie Wartungsintervalle gestreckt. Die Mängel jetzt sind eine logische Konsequenz.

tagesschau.de: Die Züge sind bereits seit 15 Jahren unterwegs. Könnte auch das ein Grund für die Mängel sein?

Löffler: Nein. Die Lebensdauer eines ICE liegt bei 30 Jahren. Was mich vielmehr wundert, ist, dass die Bahn nach den Rückschlägen aufgrund von Radsatzproblemen wie im Kölner Hauptbahnhof nicht sensibler mit Fragen der Instandhaltung umgeht. Außerdem halte ich es für das größte Manko, dass den Zugführern keine Handlungsempfehlung an die Hand gegeben wird. Formal tragen sie die Verantwortung, doch der Druck auf sie scheint so groß, dass sie trotz Mängeln weiterfahren.

tagesschau.de: Die Hersteller trifft also keine Schuld?

Löffler: So würde ich das nicht sagen. Die Hersteller müssen meines Erachtens ein ureigenes Interesse daran haben, die Mängel aufzuklären. Obwohl die Züge in der Vergangenheit normgerecht abgenommen wurden, liegt es doch in der Herstellerehre, dass sie auch ordnungsgemäß funktionieren. Ändern sich die Anforderungen und Normen an Züge, etwa durch höhere Sommertemperaturen, sollten Hersteller mit den Betreibern zusammen an der Problemfindung arbeiten.

tagesschau.de: Fahren Sie gerade noch gern Bahn?

Löffler: Ich fahre eigentlich sehr gern Bahn. Jetzt habe ich meine Reisen aber eingeschränkt, damit ich nicht in die Situation komme, in einem Zug bei über 35 Grad zu sein.

Das Interview führte Monika Manke für tagesschau.de

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