Interview

Grünen-Verkehrsexperte Hermann "Das Sparen für die Börse schlägt bitter zu Buche"

Stand: 13.07.2010 05:48 Uhr

Nach dem ICE-Chaos betont die Bahn: Die Klimaanlagen seien ausreichend und würden genug gewartet. Grünen-Verkehrsexperte Hermann widerspricht: Der Ausfall der Klimaanlagen war vorhersehbar und Folge der Sparpolitik, sagt er im Interview mit tagesschau.de - und bescheinigt der Bahn katastrophales Krisenmanagement.

tagesschau.de: Völlig überhitzte und überfüllte Züge, Passagiere brechen zusammen und müssen ins Krankenhaus - wer trägt die Verantwortung für das Chaos-Wochenende bei der Bahn?

Winfried Hermann: Die Verantwortung trägt die Deutsche Bahn. Sie betreibt die Züge, sie ist verantwortlich für die Klimaanlagen und für deren Wartung. Und sie muss für ein funktionierendes Krisenmanagement sorgen, so dass die Kunden auch solch einen technischen Ausfall unbeschadet überleben.

"Das hätte so nicht passieren dürfen"

tagesschau.de: Wie bewerten Sie das Krisenmanagement?

Hermann: Das Krisenmanagement war katastrophal. Die Passagiere wurden nicht über die Situation informiert, und die Zugbegleiter selbst hatten auch keine ausreichenden Informationen. Vor allem gab es keinen Plan, was zu tun ist, wenn Züge völlig überhitzt sind und die Klimaanlagen ausfallen. So wurde einfach weitergefahren. Der Zug hat sich noch weiter aufgeheizt, die Temperaturen wurden unerträglich. Dazu kam ja noch, dass der Zug völlig überfüllt war. Das ist völlig unverantwortlich und hätte so nicht passieren dürfen. Die Bahn muss ihr Krisenmanagement überarbeiten, so dass es einen Plan auch für Ausnahmesituationen gibt. Die Zugbegleiter müssen wissen, was sie zu tun haben, Ersatzzüge müssen schneller bereit stehen, und es muss ausreichend für Getränke und Versorgung der Fahrgäste gesorgt werden.

alt Winfried Hermann | Bildquelle: dpa

Zur Person

Winfried Hermann ist verkehrspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen und Vorsitzender im Verkehrsausschuss des Bundestags. Der Abgeordnete galt als Kritiker des geplanten Börsengangs der Bahn, der im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise im vergangenen Jahr abgesagt wurde.

tagesschau.de: Kam dieses Chaos für Sie überraschend?

Hermann: Nein, es ist unter Insidern längst bekannt, dass die ICE-II-Züge inzwischen technisch anfällig sind, dass man bei der Wartung gespart hat, dass man Arbeiten aus Kostengründen hinausgezögert hat. So wurden mangelhafte Klimaanlagen eben nicht ausgetauscht. Umso schlimmer, dass man jetzt auf einen doch vorhersehbaren Krisenfall nicht vorbereitet war.

"Die Mängel bei den Klimaanlagen waren bekannt"

tagesschau.de: Die Bahn bestreitet, dass an der Wartung der Klimaanlagen gespart wurde...

Hermann: Ich kann nur noch einmal wiederholen: Diese Schwäche war bekannt, und da sind in der Vergangenheit notwendige Arbeiten vernachlässigt worden.

tagesschau.de: Jetzt wird gegen die Bahn ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Wenn die Krise vorhersehbar war, müssten dann nicht auch personelle Konsequenzen gezogen werden?

Hermann: Bahnchef Grube muss dieses Chaos jetzt sehr schnell und entschlossen aufklären. Ich schätze ihn so ein, dass er sich sehr persönlich um die Sache kümmern wird. Und er wird sicherlich intern nachforschen, wo welche Verantwortlichen versagt haben. Wegen der drastischen und falschen Einsparungen in den vergangenen Jahren sind allerdings auch personell wenig Spielräume geblieben. So kommt es, dass das mittlere Management in Krisenfällen überfordert ist. Die Sparmaßnahmen der Bahn in den vergangenen Jahren vor dem Hintergrund des geplanten Börsengangs schlagen eben bis heute bitter zu Buche.

Innovationsprogramm muss überprüft werden

tagesschau.de: Trägt Bahnchef Grube nicht auch selbst Verantwortung?

Hermann: Die neue Bahnführung weiß um die Fehler, die gemacht wurden und bemüht sich, die Weichen neu zu stellen. Aber man kann nicht alles über Nacht ausbügeln, was in den vergangenen Jahren falsch gemacht worden ist.

tagesschau.de: Auch heute gab es in einigen Zügen wieder Zwischenfälle wegen nicht funktionierender Klimaanlagen. Wird das jetzt so weiter gehen?

Hermann: Wenn es weiter so heiß bleibt, dann denke ich schon, dass sich solche Zwischenfälle wiederholen werden. Die Gefahr ist natürlich, dass die Bahn intern eine Kalkulation aufmacht und sagt: Es ist billiger, Fahrgäste im Einzelfall zu entschädigen, als die Klimaanlagen zu ersetzen. Dann wird der Imageschaden natürlich immer größer. Aber auch hier ruhen meine Hoffnungen auf Bahnchef Grube. Er muss solch ein Denken, wenn es das denn gibt, unterbinden.

"An den Rand der Verantwortbarkeit gefahren"

tagesschau.de:  Muss nicht auch der Verkehrsminister mehr Druck machen, dass technisch nachgerüstet wird und sich solche Vorfälle so nicht wiederholen?

Hermann: Wenn ich Minister wäre, würde ich mit aller Macht darauf drängen, dass die Bahn bei den mangelhaften Klimaanlagen Abhilfe schafft. Und man muss das Innovationsprogramm der Bahn, das ja schon vorliegt, überprüfen: Welche Maßnahmen müssen vorgezogen werden, damit Bahn und Kunden nicht nochmal in solche Chaossituationen kommen?

tagesschau.de: Wir hatten im Winter die vielen Ausfälle bei den ICE-Zügen wegen der Kälte, jetzt im Sommer die Probleme mit den Klimaanlagen. Was ist faul im System Bahn?

Hermann: Das System Bahn ist in den vergangenen Jahren vor dem Hintergrund des geplanten Börsengangs und gewollter Einsparungen extrem an den Rand der Verantwortbarkeit gefahren worden. So hat man bei der Technik, auch der sicherheitsrelevanten Technik, die Wartungsarbeiten hinausgezögert. Das alles trägt die Überschrift: "Kosten sparen! Gute Bilanzen für einen guten Marktwert an der Börse". Das war fast acht Jahre lang das Credo - und mit den Folgen kämpft die Bahn bis heute.

Das Gespräch führte Simone von Stosch, tagesschau.de

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