Siemens-Mitarbeiter protestiert in Berlin | Bildquelle: dpa

Massenentlassungen trotz Profiten Wo bleibt die Verantwortung?

Stand: 25.11.2017 22:11 Uhr

Die Nachrichten über Standortschließungen und Massenentlassungen kommen gerade ziemlich geballt. Es sind Meldungen, die nicht nur die Betroffenen beunruhigen, sondern die auch eine Debatte über die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft ausgelöst haben.

Von Ulla Fiebig, ARD-Hauptstadtstudio

Der Wirtschaft geht es gut. Es gibt Rekordgewinne. Und im selben Moment kündigen namhafte, große Unternehmen gravierende Einschnitte an. Wie passt das zusammen? Das fragen sich derzeit wohl viele Menschen in Deutschland.

Nicht nur Siemens will mehrere Werke dicht machen und damit allein in Deutschland mehr 3000 Menschen arbeitslos, auch knapp 700 Beschäftigten von Osram in Augsburg droht der Verlust des Arbeitsplatzes. Und die geplante Stahlfusion von thyssenkrupp und Tata könnte nach internen Schätzungen bis zu 4000 Mitarbeitern den Job kosten.

Den Topmanagern dürfte bewusst sein, was sie da tun und in welche schwierige Situation sie die betroffenen Mitarbeiter bringen. An ihrem harten Kurs wollen sie aber festhalten. Man reagiere auf die Globalisierung, auf Konkurrenz aus Asien, den Strukturwandel und müsse mit politischen Entscheidungen wie etwa der Energiewende umgehen - das sind die Gründe, die von den Konzernen genannt werden.     

Soziale Marktwirtschaft war gestern

Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann
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Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann fordert einen Kulturwandel.

Von einer sozialen Marktwirtschaft sind die Großkonzerne nach Einschätzung des Wirtschaftsethikers Ulrich Thielemann damit weit entfernt. Sie seien vollständig auf Rentabilität zugeschnitten und auf deren Maximierung, sagt er dem ARD-Hauptstadtstudio.

Dies zu ändern, das sei das Bohren dicker Bretter, denn schon in der Ausbildung würde dem Managementnachwuchs dieses Denken beigebracht, so Thielemann. Es brauche einen Kulturwandel, der im Zweifel ethischen Gesichtspunkten den Vorrang gebe. Thielemann fordert "die Entthronung des Gewinns".

Siemens: Große Worte, nichts dahinter?

Vor allem die angekündigte Schließung von Siemens-Werken in Ostdeutschland hat in der Öffentlichkeit für Aufregung gesorgt und ist oft auf Unverständnis gestoßen: Wie kann sich ein solches Unternehmen gerade aus dieser strukturschwachen Region zurückziehen? Auch noch nachdem sich Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser erst am Tag nach der Bundestagswahl in eine andere Richtung geäußert hatte?

Jan Otto von der IG Metall Ostsachsen
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Jan Otto von der IG Metall Ostsachsen befürchtet das Sterben einer ganzen Region.

Er ließ sich zitieren mit den Worten, es müsse die Aufgabe von uns allen sein, Menschen, die sich zurückgesetzt fühlen, einzubinden und ihnen Perspektiven zu geben. Jan Otto von der IG Metall Ostsachsen wirft der Siemens-Spitze eine desolate Informationspolitik vor und prophezeit, sollte das Werk in Görlitz zumachen, werde die Region sterben.

Shareholder-Value oder "näher am Menschen"

Auch Sina Trinkwalder ist sauer. Sie hat in Augsburg selbst eine Firma für ökologische Mode aufgebaut und inzwischen fast 140 Beschäftigte. Für die Art, wie etwa Siemens mit den Mitarbeitern jetzt umgeht, habe sie überhaupt kein Verständnis, sagt sie im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Unternehmerin Sina Trinkwalder
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Für Unternehmerin Sina Trinkwalder ist der "menschliche Gewinn" wichtig.

"Sicherlich ist es einfacher, das Thema Verantwortung und 'näher am Menschen' in einem mittelständischen Betrieb zu praktizieren als in einem Konzern," so Trinkwalder. "Auf der anderen Seite ist das wahrlich kein Freifahrtschein und kein Freibrief für Manager, zu tun und zu lassen, was sie wollen und nur noch den Shareholdern, nämlich den Aktieninhabern zu dienen und sonst keinem."

Sie selbst spricht vom "menschlichen Gewinn", um den es ihr gehe, nicht um den monetären. Warum das denn nicht mehr Unternehmen so machen würden? Sina Trinkwalders Antwort geraderaus: "Weil man damit nicht Monsterkohle machen kann."

Siemens-Chef widerspricht Vorwürfen

Die Siemens-Pläne waren diese Woche auch Thema im Bundestag, in einer aktuellen Stunde, beantragt von der SPD. Martin Schulz hatte sich schon vorher mit Vertretern der Belegschaft getroffen und warf den Siemens-Oberen im Parlament nun unter anderem "verantwortungsloses Management" vor.

Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Jo Kaeser | Bildquelle: dpa
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Siemens-Chef Kaeser sieht sich von Schulz zu Unrecht angegriffen.

Auch andere Fraktionen erinnerten die Konzernführung daran, dass es - bei aller unternehmerischen Freiheit - neben der Verantwortung für Aktien und Dividende auch eine für Mitarbeiter und Standorte gebe. Zumindest die Vorwürfe von SPD-Chef Martin Schulz wollte Siemens so nicht stehen lassen.

Joe Kaeser hat ihm einen Brief geschrieben und darin auch darauf hingewiesen, dass nicht nur die Wirtschaft Strukturprobleme aktiv angehen müsse, sondern dass diese Frage ja auch für die politische Führung des Landes "brennende Aktualität" habe. Offenkundig ein Hinweis an die Politik, dass sie ihre eigenen Hausaufgaben machen sollte.     

Diese und andere Themen sehen Sie heute um 18.30 Uhr im Bericht aus Berlin im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 26. November 2017 um 18:30 Uhr.

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