Eine ältere Frau geht mit einem Rollator auf einem Weg entlang | Bildquelle: dpa

Statistisches Bundesamt Jeder Fünfte von Armut bedroht

Stand: 08.11.2017 11:25 Uhr

Die Miete kann nicht bezahlt werden, es fehlt das Geld für Lebensmittel - im vergangenen Jahr war in Deutschland jeder fünfte Mensch von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das geht aus Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hervor.

Fast jeder fünfte Mensch in Deutschland ist von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das ist ein Anteil von 19,7 Prozent der Bevölkerung und entspricht etwa 16 Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Die Zahlen für das Jahr 2016 stammen aus der Erhebung "Leben in Europa (EU-SILC)". Das Risiko für Frauen sei höher als für Männer. Am größten sei der Abstand zwischen den Geschlechtern ab 65 Jahre. In der gesamten Europäischen Union lag der Anteil der von Armut bedrohten Bevölkerung bei durchschnittlich 23,5 Prozent.

Was heißt eigentlich Armut?

Ein Mensch gilt als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze, der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

Und das bedeutet genau?

So gilt ein Mensch als armutsgefährdet, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2016 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1064 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2234 Euro im Monat. In Deutschland gilt dies für jeden Sechsten, das sind 16,5 Prozent der Bevölkerung. 3,7 Prozent müssen sich materiell erheblich einschränken. Das heißt, die Betroffenen waren nicht in der Lage, die Miete, Hypotheken oder die eigene Versorgung zu bezahlen oder die Wohnung angemessen zu beheizen. 9,6 Prozent der Bürger unter 60 Jahren lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung.

"Drängendes Problem in Deutschland"

Arme Menschen hätten oft große Schwierigkeiten, am normalen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, erklärte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Der Sozialverband VdK sieht die Politik bei der Armutsbekämpfung in der Pflicht: "Armut ist ein drängendes Problem in Deutschland und ein unhaltbarer Zustand, den die neue Bundesregierung schnell angehen muss", mahnt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. "Wenn trotz der guten wirtschaftlichen Konjunktur 16 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung in unserem Land bedroht sind, dann darf die Politik das Problem der Armut nicht länger kleinreden."

Viele Problembereiche

Dringenden Handlungsbedarf sieht der VdK in verschiedenen Politikfeldern: "Ein wachsender Niedriglohnbereich, ein Mindestlohn, mit dem man kaum über die Runden kommt, Kürzungsfaktoren und hohe Abschläge, die die Alterseinkommen ausbremsen, kaum Beschäftigungschancen für Langzeitarbeitslose, Zusatzbeiträge in der Krankenversicherung, die Versicherte einseitig belasten, hohe Mietbelastungen und Sozialleistungen, die zum Leben nicht reichen. Armut hat viele Ursachen", sagte Mascher.

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