Demonstration in Berlin gegen Antisemitismus | Bildquelle: REUTERS

Demos gegen Antisemitismus "Die gute Botschaft"

Stand: 26.04.2018 10:16 Uhr

Tausende Menschen sind gegen Antisemitismus auf die Straßen gegangen - das hat zu großem Lob geführt. Dass die aktuellen Fälle einen neuen Judenhass belegen, bestätigt ein Historiker jedoch nicht.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat die Kundgebungen in Berlin und anderen deutschen Städten gegen Antisemitismus als "ein wichtiges Symbol und Zeichen" gelobt. Ein einziger Tag könne zwar "keinen Wandel in der Gesinnung" erreichen, bringe aber "den ein oder anderen, vielleicht sogar viele Menschen zum Nachdenken", sagte Schuster in den tagesthemen.

Hemmschwelle deutlich gesunken

Auf seine Warnung angesprochen, nicht öffentlich mit einer Kippa herumzulaufen, sagte Schuster, er habe die Sorge, dass "Kinder oder Jugendliche, wenn sie allein mit einer Kippa gehen, allein nur deshalb zu Schaden kommen". Er selber habe sich vor zehn Jahren solch eine Warnung nicht träumen lassen. Doch diese Warnung sei "ein Zeichen, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt". 

Er habe das Gefühl, dass die Hemmschwelle "sich nicht nur antisemitisch zu äußern, sondern auch zu handeln, deutlich gesunken" sei. Schuster appellierte an die Justiz, derartige Vorfälle mit der Härte des Gesetzes zu ahnden. 

"Es gibt keinen neuen Antisemitismus"

Der Historiker Wolfgang Benz hingegen warnt vor einer übertriebenen Darstellung eines neuen Antisemitismus im Land. "Die Wissenschaft sagt, dass es keinen Anstieg gibt. Das widerspricht aber sicher emotionalen Befindlichkeiten", sagte er im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Benz macht zugleich deutlich, dass der Antisemitismus in Deutschland kein neues Phänomen sei. "Nein, es gibt hier keinen neuen Antisemitismus. Es ist der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft. Der wird nicht schlimmer, aber es ist schlimm genug, dass es ihn überhaupt gibt."

Damit widerspricht der auf Antisemitismus spezialisierte Historiker der These, muslimische Flüchtlinge brächten einen neuen Judenhass nach Deutschland. "Die Zuwanderer sind nicht gekommen um Antisemitismus zu forcieren, aber es ist so schrecklich einfach von unserem selbstgemachten, deutschen Antisemitismus abzulenken, indem man mit dem Finger auf andere zeigt."

Benz sieht aber auch genügend Widerstand gegen diese Strömungen in der deutschen Öffentlichkeit. "Die gute Botschaft ist doch die, dass Tausende auf die Straße gehen und sagen: wir wollen das nicht, das verstößt gegen die politische Kultur in diesem Lande. In dieser Gesellschaft ist Antisemitismus geächtet wie in keiner anderen Gesellschaft."

Gemeinsam gegen den Hass

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Gideon Joffe, warnte bei der Kundgebung in Berlin vor anwachsendem Antisemitismus in Deutschland. Es sei "fünf vor Zwölf", sagte er. "Wir müssen vorsichtig sein." Juden, Christen, Muslime und Atheisten müssten sich dem Hass gemeinsam entgegenstellen. 

Bei der Veranstaltung in Berlin, die von zahlreichen Politikern, Parteien und Organisationen unterstützt wurde, sprach auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Berlin sei eine "Stadt für Respekt und Toleranz", sagte er. "Es ist wichtig, zu sagen und zu zeigen, dass Antisemitismus in unserer Stadt keinen Platz hat."

Auch der ehemalige Grünen-Chef Cem Özdemir folgte dem Aufruf, eine Kippa zu tragen. Er sagte, "Teil der Staatsräson" sei es, das "Existenzrecht Israels zu verteidigen. Dagegen könne sich niemand stellen.

Zentralrat der Muslime unterstütze Kundgebung

Der Zentralrat der Muslime unterstützte die Kundgebung ebenso. Es gehöre zu seinen tiefsten islamischen Glaubensüberzeugungen, gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit und Rassismus Gesicht zu zeigen, sagte der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, rief ebenfalls zum Tragen der Kippa als Zeichen der Solidarität auf. "Wenn man gegen Islamophobie vorgehen will, dann kann man auch Antisemitismus nicht dulden", sagte Sofuoglu der "Berliner Zeitung". 

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, steht in Berlin auf einer Brücke. | Bildquelle: dpa
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"Wenn man gegen Islamophobie vorgehen will, dann kann man auch Antisemitismus nicht dulden", sagte Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

Attacken auf Juden bundesweit erfassen

Als Reaktion auf die Übergriffe und Attacken auf Juden in Deutschland, will der künftige Antisemitismusbeauftragte, Felix Klein, diese bundesweit zentral erfassen lassen. "Das ist eines der ersten Dinge, um die ich mich kümmern werde, wenn ich im Amt bin", sagte er im Inforadio des rbb. Zwar gebe es einige gute regionale Initiativen, die solche Fälle erfassen, bundesweit gebe es das aber noch nicht.

In Berlin und anderen deutschen Städten hatten sich gestern zahlreiche Menschen mit den Juden in Deutschland solidarisiert und dem Antisemitismus den Kampf angesagt. Aktueller Auslöser war der Angriff auf einen Kippa tragenden Juden. Ein Opfer hatte den Angriff gefilmt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. April 2018 um 22:15 Uhr.

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